Netzwerkerin.

Heike Andersen ist Lebensfreude pur! In ihrem lindgrün gestrichenen Laden in der Kegelhofstraße trifft sich halb Hamburg. Ihre Firma nennt sie Kommunikationsküche. Ein Ort, an dem Heike Andersen Menschen zusammenbringt, die offen für Neues sind, die Lernen möchten, die sich verändern wollen und spannende Unternehmensideen haben. Aber auch hungrige Mäuler sind ihr willkommen! Es ist viel los im Leben der 56jährigen.  Kommunikation ist ihr Leben.

Ein Frühstücksbesuch in ihrer Kegelhofer Kommunikationsküche.

 

 

Warum haben Sie sich selbstständig gemacht?

Andersen:  Es war so: Nachdem ich aus meinem Werbejob entfernt worden bin nach dem Motto: Du passt nicht mehr in meine Vision, musste ich mich erst einmal neu orientieren und den Schock überwinden. Ich hatte 2002 angefangen, neben meinem Job, mich in Sachen Feng Shui ausbilden zu lassen. 2005 ereilte mich dann der Karriereknick. 2006 habe ich mich selbständig gemacht mit einer Feng Shui Beratung – von zuhause aus – und hab‘ außerdem auch alles gemacht, was meinem Weg gekreuzt hat, Übersetzungen, Marktforschungen, Relocation, Vorstandssekretariat … . Dann wollte ich mit ein paar Leuten eine richtige Feng Shui Sozietät gründen, nach dem Motto: Mach es groß, wenn du es klein machst, krepeln alle vor sich hin. Aber das hat sich dann nicht materialisiert, und ich erkannte „mach’ es allein“. Und ich wollte trotzdem zuhause raus. Und da gab’s diesen kleinen, leer stehenden Laden in meiner Straße …

 

den Sie „Kommunikationsküche“ genannt haben. Wie sind Sie auf diesen Namen gekommen?

Andersen:  Als ich das erste Mal den Laden betrat, fühlte ich schon im ersten Raum: Das ist meins! Alte Hamburger Küchenfliesen, schön gestalteter Minigarten. Bei der aufwändigen Renovierung kamen dann Küchenanschlüsse zum Vorschein und da hatte ich plötzlich die Idee. „Wir machen eine Mietküche daraus!“, habe ich zu meinem Mann gesagt. So hat sich der Name von selbst ergeben, denn „meine Küche“ ist in der Kegelhofstraße. Ich wollte Netzwerke haben, die man zuhause nicht hat, ich brauchte wieder Betrieb um mich herum. Und so ist dieser Ort geworden, was er ist: Ein Raum zum Kommunizieren.

 

Und wer kommuniziert hier in Ihrer Küche, wer kocht und was?

Andersen:  Hier werden vor allem Ideen gekocht … (lacht) … würde ich sagen. Es ist absolut nicht so, dass es hier in meiner Küche ziel- und planlos zugeht. Aber es ist alles sehr offen, und der Raum wählt selber aus, wer kommen soll. Schauen, was passiert. Kommen lassen, wer kommen will.

Nach vier Jahren ist es so, egal wo ich hingehe, wenn man mich fragt: „Wer sind Sie denn und was machen Sie?“ Und ich sage dann: „Ich bin Heike Andersen, und ich betreibe in Eppendorf die Kegel …“, da komm ich gar nicht weiter! Dann heißt es: Davon habe ich schon gehört! Viele waren noch nicht da, haben aber schon davon gehört. Das ist es auch, was es ausmacht: Es kommuniziert einfach!

 

Nutzen hauptsächlich Freiberufler Ihr Angebot?

Andersen:  Ja, hauptsächlich, ich sage aber lieber Unternehmer, denn ich finde nicht, dass man Unternehmer nur so definieren muss, dass man Angestellte hat. Ich glaub auch nicht, dass angestellt zu sein die Zukunft ist. Ich glaube eher, dass wir eine Art Rückwärtsrolle haben. Früher hatte jeder seine Expertise, sein Handwerk, hat seine eigenen Produkte verkauft und getauscht. Dann kam die Industrialisierung und damit die Arbeitsteilung. Und es ist gut, sich seiner Fähigkeiten und Talente bewusst zu werden. Mir geht es dabei immer um Verantwortung. Wir wurden geboren, um Verantwortung für unser Leben zu übernehmen und es selbst zu gestalten.

 

Und über was wird kommuniziert?

Andersen:  Wir haben die aberwitzigsten Themen: High Heels Training, Sexualität im Alter, Geldthemen, über die man sonst nicht spricht – was mache ich mit Geld z.B., wir schärfen das Geldbewusstsein, wir haben Expertenabende, ganz viel Business Coaching für angehende Unternehmer/Innen, Autorenlesungen und bei mir treffen sich auch regelmäßig einige Netzwerk-Gruppen.

 

Willkommen!  Heike Andersen vor ihrem Laden

Willkommen! Heike Andersen vor ihrem Laden

Ich kann Ihre Küche ja auch mieten. Kochen Sie dann?

Andersen:  Ja, das machen wir sehr gerne – ob Firmenmeeting, Seminar oder Privatanlass, Geburtstag, Taufe, kleine Hochzeit – wir kochen und verwöhnen unsere Gäste mit allem, was sie haben möchten. Aber sie können auch die Küche mieten und alles selber machen und selber mitbringen. Geht nicht, gibt’s nicht. Wir machen, was der Kunde will!

 

 

 

Wie finden die kommunikationsfreudigen und -hungrigen Leuten Sie und Ihren Laden?

Andersen:  Es netzwerkelt in Hamburg! Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt. Viele sind auf der Suche nach einem Raum, manchmal finden sie mich über das Internet, meistens haben sie von jemandem von mir gehört, und da ich auch viel unterwegs bin, zu Netzwerkveranstaltungen – ich bin im Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft, war im Verband der Frauen im Business und Management – und ein paar Nachbarn kennen mich auch. Wie finden die Leute hierher? Die werden auch mitgebracht. Erleben das hier und fragen, „kann ich hier auch mal was machen?“. Selbstverständlich! Sehr gerne! Wann möchten Sie? Wir haben mitunter 25 Leute hier. Und dann gebe ich auch noch einen Newsletter heraus.

Ich werbe auch ganz offensiv, habe immer Visitenkarten und Flyer dabei. Ich bin da hemmungslos geworden! (lacht fröhlich)

 

Können Sie vom Netzwerken leben?

Andersen:  Sagen wir es mal so: Ich bin sehr froh, dass mein Mann auch ein Einkommen hat. Vom Netzwerken allein kann man nicht leben, aber von meiner Arbeit kann ich schon leben, aber es wäre sehr, sehr knapp. Und ich sag mal so: So einen Partner an seiner Seite zu haben, ist wirklich ein großes Geschenk. Das sollten sich auch Frauen vor Augen führen. Es hat viel mit Wertschätzung und Anerkennung zu tun. Männer wollen davon ja oft gar nichts hören, wenn ich beispielsweise meinem Mann sage, das finde ich super, dass du das machst, dass Du mir hier hilfst, und vielen, vielen Dank!. Dann sagt er, „ist ja nicht der Rede wert!“ Mir aber ist das wichtig, ihm das zu sagen. Ich habe durch meine Tätigkeit aber auch Freunde verloren, weil die nicht verstehen, dass ich nicht mehr die Alte bin.

 

Was hat sich denn an Ihnen verändert durch Ihre Selbständigkeit?

Andersen:  Ich bin sehr neugierig auf Menschen und sehr offen, und wer jeden Tag denselben Job macht, ist es vielleicht nicht. Manche Leute können es auch nicht aushalten, wenn hier soviel Betrieb ist und man ist selbst jeden Tag den gleichen Tagesablauf gewöhnt. Ich weiß es aber nicht, sie haben es mir nicht gesagt. Ich habe in den letzten drei Jahren wirklich gute Freunde gefunden. Aber man muss gucken, was ist Business und was ist Freundschaft. Man kann auch Businessfreundschaften haben, davon lebt das Netzwerk auch.

 

Was ist Ihr nächstes, großes Projekt?

Andersen:  Das wichtigste ist die Messe, „that’s my business“ am 8. und 9. Juni im Hamburg-Haus Eimsbüttel. Vor zwei Jahren hatte ich die Idee, am Abend nach einem spirituellen Seminar, mal eine Messe zu veranstalten. Es gibt in Hamburg allein etwa 100.000 kleine Unternehmen bis zehn Mitarbeiter. Die sieht man gar nicht. Wir haben auch ein paar hundert größere Firmen. Auf denen orgeln Politik, Medien und Werbeagenturen herum. Aber wir kleinen Unternehmen bringen auch unsere Leistung. Wir sorgen dafür, dass wir eine Arbeit haben, sorgen dafür, dass andere Leute eine Arbeit haben. Das hat wirklich einen Wert, und wir zahlen Steuern.

Ich will diese ganzen kleinen Unternehmer auf eine Plattform stellen, damit die Welt von uns Notiz nimmt. Deshalb heißt es „that’s MY business“ – die Messe von kleinen Unternehmen mit großen Ideen.

Ich möchte gern, dass andere kleine Unternehmer kommen, aber auch größere Unternehmen als wir selbst, dass die allgemeine Bevölkerung und die Nachbarn kommen, um zu sehen, „was macht Ihr da eigentlich?“

 

Was würden Sie Frauen empfehlen, die ihr Arbeitsleben ändern möchten?

Andersen:  Sie sollten es Leuten erzählen, die nicht so dicht an ihnen dran sind. Die beste Freundin will oft nicht, dass sich irgendwas ändert. Wenn man schwanger geht mit einer Idee, und das kann ja ganz schön lange dauern, sollte man vor allem Leute fragen, die Kunden werden könnten. Und Kunden werden nur die, die neugierig auf das sind, was wir anbieten. Aber ich finde diese Kunden nur, wenn ich selbst ebenso neugierig bin auf diese Leute. Das heißt: Neugier ist der Schlüssel zu anderen Leuten.

Man sollte auch dafür sorgen, mit seinem Partner in enger Kommunikation zu stehen. Frauen sollten die Ideen ihrer Männer unterstützen, dann unterstützen die auch die Ideen ihrer Frauen, geben männliche Sichtweisen mit rein, die Frauen auch brauchen, denn schließlich sind ja auch andere Männer Kunden. Betriebswirtschaftlich sich vorzubereiten gehört auch dazu.

Sich selbstständig zu machen, ist eine Investition in sich selbst, und für die bin in erster Linie selbst verantwortlich, nicht mein Mann, nicht der Staat mit möglichen Förderprogrammen. Und natürlich muss man eine Vision haben, und ein Ziel, für das man brennt.

 

Dani Parthum, 5. Mai 2012

 

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Facebookliebe.

Petra kann nicht mehr ohne. Die 46-jährige Projektleiterin und Mutter von vier Kindern ist oft auf Facebook. Sie lässt ihre Freunde wissen, wann sie Kuchen bäckt und dass sie gerade türkise Ballerinas erstanden hat. Petra hat keine Angst vor der Datenkrake Facebook. Für sie ist das Netzwerk wie ein Freund. Weiterlesen

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Sein Krieg im Kopf.

Immer muss er wissen, wo sie ist. Schreit die Kinder an. Haut ab. Und doch hält Marita Scholz zu ihrem Mann. Weil sie weiß: er kann nicht anders.

„Wenn du nicht sofort nach Hause kommst“, brüllte es aus dem Telefonhörer, „dann bringe ich mich und Janina um.“ Das saß. Wie weit würde er gehen? Ich hatte mir immer wieder versucht vorzustellen, dass er fähig war zu töten. Sollte ich auf seine Forderung eingehen? Ich kannte ja auch den anderen Rene, den zarten, den liebevollen, der niemals in der Lage sein würde, seiner 3-jährigen Tochter etwas anzutun.“   (Zitat aus „Heimatfront“, S. 124)

 

Ich. Das ist die 35jährige Marita Scholz. Selbst nach diesem angekündigten Amoklauf hält sie zu ihrem Mann, kämpft um ihre kleine Familie — Mutter, Vater, zwei kleine Kinder. Ihr Mann Rene leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, einer PTBS, seit er als Soldat einer Spezialeinheit der Bundeswehr bei zahlreichen, geheimen Auslandseinsätzen zu viel gesehen, getan, gehört hat. Selbstmordattentate, gegnerisches Feuer, sterbende Kameraden, das Töten haben ihn schwer seelisch verletzt. Jetzt ist der Krieg sein ständiger Begleiter — auch im sicheren Deutschland: Er flieht vor Kinderweinen, meidet Menschengruppen und Rasenflächen, kontrolliert seine Frau, ist ängstlich und aggressiv. Von Heimatfront spricht seine Frau Marita. Sie hat ein bewegendes Buch darüber geschrieben. Ein Gespräch.

von Dani Parthum, 20. März 2012

Rene und der Krieg: die PTBS zerstörte fast ihre Ehe

Frau Scholz, Sie waren 2002 Weltmeisterin im Ruder-Doppelvierer, waren gesund, kräftig, emotional stabil. Heute sind Sie…
Scholz: … emotional an den Grenzen. Wenn die Kinder krank werden, bin ich an den Grenzen, das gebe ich offen zu, weil ich dann an die Grenzen komme, alles zu organisieren. Alles muss funktionieren. Eine Psychologin hat mal gesagt, dass ich die Jahre gar nicht durchgehalten hätte, wenn ich keinen Leistungssport gemacht hätte. Diese Disziplin, auch einfach dieses stumpfe Abarbeiten und Funktionieren, das hat mir da schon sehr geholfen, durchzuhalten.

Aber ich bin schon ein bisschen ruhiger geworden, weil Rene jetzt eine Therapeutin gefunden hat, die ihn menschlich annimmt und die ihm Methoden zeigt, wie er sich aus für ihn gefährlichen Situationen retten kann, um mal nicht einen Ausraster zu bekommen. Und weil ich mittlerweile bei einer Psychologin der Bundeswehr auch gesehen werde. Da gehen wir als Paar hin und besprechen Einzelheiten des Familienlebens. Wir haben ja unsere Kinder, und wir wünschen uns, dass sie so unberührt wie möglich aufwachsen.

Was hat Sie an Rene begeistert, als Sie ihn 2002 zum ersten Mal getroffen haben und was ist davon geblieben?
Scholz: Als ich auf ihn aufmerksam geworden bin, hat mir so eine Mischung gefallen, dass er so eine extreme Sicherheit ausstrahlte. Seine warme Stimme, der große warme Felsen. Das strahlt er noch heute aus. Ich muss aber immer schauen, dass er auch der große warme Felsen bleibt und sich nicht aus der Realität verabschiedet. Dann strahlt er Kälte und Gleichgültigkeit und Aggressivität aus.

Leben Sie als Familie wieder zusammen? In Ihrem Buch sprechen Sie von Trennung, um sich und die Kinder zu schützen.
Scholz: Wir leben zusammen mit unseren zwei Kindern. Er geht halbtags arbeiten, weil er aus körperlichen und nicht nur seelischen Gründen nicht mehr schafft. Er braucht neben seiner vierstündigen Arbeit genug Zeit, sich zu regenerieren. Und auch für seine Knieverletzung Krankengymnastik zu betreiben.

Wie sieht Ihr Tag aus?
Scholz: Heutzutage geht das schon etwas entspannter ab als zu der Zeit, als ich das Buch geschrieben habe. Es ist schon besser geworden, weil schlimmer es schon fast gar nicht mehr geht. Er nimmt heute Aufgaben wahr, wie die Brote für die Kinder machen. Früher wäre er dazu gar nicht in der Lage gewesen. Das ist ein großer Fortschritt, dass er seinen Bereich hat, sich wohlfühlt und genug Selbstbewusstsein trotz seiner Belastungsstörung hat, das auch zu machen. Es gab Zeiten, da hat er sich völlig verleugnet.

Heißt das, dass vor allem Sie den Tag organisieren, um ihn herum? Was ist besonders schwierig?
Scholz: Mit den Kindern einkaufen zu gehen wird schon schwierig, weil er dann zu viele Personen unter Kontrolle haben müsste. Er kann ja solche Menschen, die in ihm ungute Gefühle auslösen, schon riechen. Er nimmt seine Umgebung sehr, sehr sensibel wahr, da ahnen manche noch nicht, dass jemand um die Ecke kommt, da weiß er das schon. Auch mal ausgehen in eine Gaststätte geht mittlerweile. Bei der Sitzplatzwahl prüft er manchmal, ob er mit dem Rücken zu den Gästen sitzen kann. Kinder abholen geht auch mal. Aber wir haben auch eine Babysitterin, die zweimal in der Woche die Kinder betreut, wenn ich zum Sport gehe. Ich brauche den Sport für mein persönliches Wohlergehen, und ich will ihn nicht ständig unter Druck setzen, dass er für die Kinder da sein muss, weil ich mir nicht sicher sein kann, dass er sich jeden Tag gleich wohl fühlt. Der ganze Tag ist eine Herausforderung.

Was löst bei ihrem Mann besonders schnell Erinnerungen an den Krieg und seine Einsätze aus?
Scholz: Das Schreiverhalten der Kinder wie auch Kriegsnachrichten im Radio oder Fernsehen, gewisse Fremdsprachen. Deswegen bin ich sehr froh, dass beide Kinder jetzt sprechen können. Dass sie sich äußern können. Aber auch, wenn die Kinder teilweise Tiger spielen und fauchend durch die Gegend rennen, erinnert ihn das an unschöne Situationen, wo er Kameraden verloren hat und dann kann es sein, dass er plötzlich anfängt zu zittern oder Tränen in den Augen hat. Oder wenn ein Kind mit Essen spielt am Tisch, dann kommen auch harte Worte von ihm, oder er verlässt den Raum, wenn er meinen Blick sieht, um sich außerhalb der Situation zu beruhigen.

Warum reagiert er darauf so stark?
Scholz: Weil er viele Kinder an fehlender Nahrung hat sterben sehen. (sehr leise fügt sie an) .. er hat alles gesehen … ja.

Woran ist Ihnen letztlich aufgefallen, dass Ihr Mann anders geworden ist, als Sie ihn kennenlernten 2002?
Scholz: Sein Zittern, seine fehlende Körperwahrnehmung auf Schmerz, Kälte, Hitze, seine Hypersensibilität auf Geräusche oder auch Bewegungen. Aber auch dieser immer gleiche Wochen-Rhythmus. Montag ging es ihm gut, Dienstag wurde es schon so komisch hinterfragt, wo ich bin und am Mittwoch die regelmäßigen Ausraster und Donnerstag diese langsame Wogen glätten und Freitag wieder Sonnenschein. Diese Ausgewechseltheit, auch von Mimik, das man einen lebendigen Gesichtsausdruck hat und dann wieder eine totalen starren, faltig, grau, das war schon eigenartig. Und dann denkt man, das ist ein anderer Mensch.
Dieses Muster kam ja dadurch zustande, dass er montags in die Kaserne gefahren ist, und dann diese Wegsein von Zuhause, dieses Wegsein von der Sicherheit, das alles noch so ist wie zuvor, dass keiner ihn hintergeht- was das auch manchmal auch immer heißen mag. Er nimmt aufgrund seiner Erkrankung Situationen in schlechten Phasen anders wahr als ein Nichterkrankter.

Ihr Mann kommt vom Auslandseinsatz zurück, sieht grau aus im Gesicht, faltig, übermüdet, völlig fertig. Haben Sie ihn gefragt, wo er war, was er erlebt hat?
Scholz: Eigentlich habe ich da gar nicht so gefragt. Weil ich von ihm wusste, er ist ja Soldat und das ist mit Geheimniskrämerei verbunden. Also ich habe ihn eher beobachtet und dann darauf gewartet, dass er was sagt. Das muss von ihm kommen, sonst fühlt er sich ja wieder ausgefragt oder hintergangen oder vielleicht hätte er mich ja als Informant gesehen. Er ist ja darauf trainiert, skeptisch zu sein, alle Menschen mit Vorsicht entgegenzutreten. Sicherheit geht vor und wir lassen keinen zurück. Er hat ja bestimmte Satzfloskeln. Wenn man ihn mal gefragt hat, wo bist Du gewesen, da hat er gesagt: Habe ich vergessen. So. Da kann man sich den Rest denken.

Ihr Mann gesteht sich 2007 schließlich ein, dass er psychologische Hilfe braucht. Es folgen mehrere stationäre Therapieaufenthalte im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Sie wurden aber nicht eingebunden…
Scholz: Von dem ersten Psychologen hatte ich ja noch die eine direkte Durchwahl. Das hat mir Sicherheit gegeben, dass er ihn auch als schwierigen Patienten sah. Von der zweiten Psychologin hatte ich gar nichts, nur eine Nummer des Geschäftszimmers. Und sie hat meiner Meinung nach nicht wirklich die Realität gesehen. Sie hat immer wieder auf dieser einen Situation herumgehackt, mit Kindergeschrei, und wir hatten ein Baby! Das hat ihn so destabilisiert. Kranke mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) kann es passieren, dass sie Situationen ganz anders wahr nehmen als gesunde Menschen, die geben das auch ganz anders wieder. Gerade dort hätte eine Zusammenarbeit mit der Ehefrau erfolgen müssen, einfach mal Rücksprache halten, oder einfach mal dran bleiben am Patienten, um ihn dazu zu bewegen, eine Zusammenarbeit mit seinem Partner, der Familie, dem Hauptlebenspunkt zuzustimmen. Einfach mal sagen: Wir hören uns beide Parteien an und dann kann die Ehefrau meinetwegen wieder rausgehen aus der Therapie. Aber das grundsätzlich abzuwiegeln finde ich bei diesem Krankheitsbild fehlerhaft.

Was werfen Sie der Bundeswehr vor?
Scholz: Einerseits stimmt es ja, PTBS-Kranke suchen sich ja selbst solchen höheren Intensitätslevel, damit sie nicht in die Entspannungsphase kommen, sonst fangen sie ja das Zittern und Stottern an. Es muss mehr hinterfragt werden, der Mensch gesehen werden und nicht der funktionierende Soldat. Und gerade in solchen Kampfeinheiten, wo nur die „wahren“ Männer zählen, gerade bei diesen „wahren“ Männern gibt es viele Versteckte, die sich helfen lassen sollten.

Beim Lesen Ihres Buches habe ich mich immer wieder mal gefragt, was hat Sie bei ihm gehalten?
Scholz: Am Anfang habe ich das ja als persönliche Eigenheiten abgetan. Aber dann strengte sich ja immer mehr so die Frage nach seinen Verhaltensveränderungen und seinen teilweisen Phantasien an. Irgendwann fragt der normale Menschenverstand dann, ob so etwas möglich ist. Und man erinnert sich an den Menschen, den man kennt und in der Zweisamkeit kennt und das hilft einem beim Durchhalten. Ich war sicherlich zweimal an dem Scheideweg, und so wie ich ihn kennengelernt habe und ihn einschätze, weiß ich ja, dass er auch vieles möglich gemacht hat, was unmöglich schien und dass er eine große Opferbereitschaft hat gegenüber anderen Menschen. Er ist ein sehr hilfsbereiter Mensch, ist aber durch die Verluste in seinem Leben gekennzeichnet. Mein Trainer hat immer wieder den Satz gebracht: Das Umfeld prägt den Menschen. Deswegen habe ich mir immer wieder gesagt: Marita, wenn du so und so bist, dann wird sich das auch irgendwann in die Richtung bewegen. Du musst nur lang genug den Atem haben. Aber ich glaube, ich war manchmal zu lieb; ich hätte ihm eher Grenzen setzen müssen. Die Krankheit ist ja so, dass die Menschen es gar nicht merken, dass sie anders sind. Und daran habe ich immer festgehalten. Weil ich wusste, dass er krank ist.

Mit dem Buch werden sehr private Dinge publik. Warum trauen Sie sich das?
Scholz: Das hat mich so an meine Grenzen gebracht, dass ich mich gefragt habe: Wie wird es anderen gehen? Ich hatte einen guten Vorlauf in meinem Leben, um das Ganze zu verkraften. Ich musste mich selbst über die Krankheit informieren und bin auch deshalb selbst zur Psychologin gegangen, um etwas über die Krankheit zu hören. Ich glaube auch, dass selbst Psychologen nicht ahnen, was in so einer Familie abgehen kann! Weil die sehen ihre Patienten eine Stunde die Woche – und das finde ich so was von wenig. Ich habe das Buch für Angehörige geschrieben, für selbst Erkrankte, weil woher sollen die mal eine Geschichte von A bis Z lesen, wo sie vielleicht mal ihre Ehefrauen und Ehemänner in einem anderen Licht sehen und vielleicht auch den Menschen die Angst zu nehmen, das anzusprechen … Die Bundeswehr muss gucken, dass sie ein System schnellstmöglich erarbeitet, das allen Betroffenen hilft, auffängt und sie erst einmal ortet.

Gibt es für Sie und Ihren Mann eine Zukunft?
Scholz: Hätten wir die Liebe jemals verloren, dann wären wir heute nicht soweit, wie wir jetzt sind. Die Liebe ist noch da. Deswegen machen wir weiter und hoffen, dass das Vertrauen weiter wächst.


Die Bundeswehr ist nach §31 des Soldatengesetzes auch Angehörigen von Soldaten gegenüber zur Fürsorge verpflichtet, auch nach der aktiven Zeit als Soldat. Die Bundeswehr kommt dieser Fürsorge allerdings nur zögerlich nach. Auf ihre Anfragen beim Bundesverteidigungsmisterium per E-Mail, wie die Bundeswehr die Fürsorge sicherstellt, erhält Dani Parthum keine Antwort.


Nachtrag April 2012:
Marita Scholz berichtet nach ihrer Buchveröffentlichung allerdings Positives. Sie hat sich direkt an das Bundesverteidigungsministerium gewandt und auch mit dem im November 2011 erstmals ernannten PTBS-Beauftragten, General Munzlinger gesprochen. Die Mühlen beginnen langsam zu mahlen, schreibt Marita Scholz an sakida.de. Es müsse aber noch deutlicher zu spüren sein, dass sich die Bundeswehr kümmert, auch von allein Hilfen anbietet. Die Hauptlast liege immer noch bei den Soldaten und deren Angehörigen.

 

Nachtrag September 2012:
 
Rene ist noch bei der Bundeswehr als Zeitsoldat tätig, sein Vertrag läuft allerdings bald aus. Er hatte deshalb einen Antrag auf eine dauerhafte Beschäftigung als Berufssoldat gestellt. Für „einsatzgeschädigte“ Soldaten sieht das Einsatzversorgungsgesetz ausdrücklich diese Möglichkeit vor — als eine Art der Fürsorge.

Voraussetzung dafür ist die erneute Anerkennung der Posttraumatischen Belastungsstörung, noch bevor Renes Zeitvertrag ausläuft. Dabei ist seine einsatzbedingte Krankheit 2007 gutachterlich bestätigt und von der Bundeswehr anerkannt worden.

Das Bundesverteidigungsministerium hat dennoch seinen Antrag abgelehnt, wie Marita Scholz SAKIDA schreibt. Außerdem sei in der Wehrbereichsverwaltung das Gutachten über Renes Gesundheitszustand verschwunden, was das Ministerium gegenüber der Familie Scholz aber nicht erkläre. Dabei ist dieses Gutachten für Rene wichtig, um seine Chancen zu wahren.

Ein Angestellter des Verteidigungsministeriums hat Rene inoffiziell geraten, seinen Anspruch auf Verbleib in der Bundeswehr auf dem Gerichtsweg durchzusetzen und ihm einen Anwalt in Hamburg empfohlen. Er weiß aber nicht, wie er das durchstehen soll.

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Die Perückenfrau.

Sie schminkte die „7 Zwerge“ und Harvey Keitel. Ann-Kathrin Guballa verließ dennoch das Filmgeschäft. Jetzt macht sie krebskranke Frauen zu Königinnen.

Die Maskenbildnerin gründete eine Haarwerkstatt. Dort schenkt sie Chemo-Patientinnen neues Haar-Glück und Selbstbewusstsein. Keine Frage: Ann-Kathrin Guballa fühlt sich beruflich angekommen.

 

Ann-Kathrin Guballa liebt Haare in allen Variationen.
Ann-Kathrin Guballa liebt Haare in allen Variationen.

 

Wer sich eine Frisur von Ann-Kathrin Guballa wünscht, dem sind in punkto Länge und Farbe eigentlich keine Grenzen gesetzt. Sechs Schaufensterköpfe präsentieren im gemütlichen Hamburger Souterrain Laden „Die Königinnen“ angesagte Lang- und Kurzhaarfrisuren. Denn Frauen, die die „Königinnen“ Haarwerkstatt besuchen, wollen nicht die Spitzen geschnitten bekommen oder eine neue Tönung. Frauen, die hierher kommen, haben meist keine Haare mehr. Oder sie sind gerade dabei, alle zu verlieren.

Meist beginnt es mit einem Kopfhautjucken nach der ersten Chemotherapie, erzählt die Haarkünstlerin. An diesem Punkt erfahren die Brustkrebspatientinnen im nahen Jerusalem-Krankenhaus von sogenannten Breastcare Nurses, die Kranke unter anderem psychisch betreuen, dass sie nicht zwingend auf vorgefertigte Kunsthaarperücken zurückgreifen müssen, sondern auch individuell angefertigte Frisuren bei den „Königinnen“ bekommen können.

Ann-Kathrins Haarwerkstatt in Hamburg: Die Königinnen
Ann-Kathrins Haarwerkstatt in Hamburg: Die Königinnen

 

Perückenparty

Ann-Kathrin Guballa arbeitet eng mit den Nurses zusammen. Mit einem Werbekoffer voller Perücken an Krankenbetten aufzutauchen sei nicht ihr Ding, sagt sie. So aber arbeiteten viele Perückenhäuser. Die Maskenbildnerin setzt lieber auf die Mund zu Mund Propaganda der Nurses, mehr Werbung braucht sie als Ein-Frau-Betrieb ohnehin nicht.

Kommt eine Kundin zu den „Königinnen“, besteht der erste Akt meist im Scheren des Kopfes – im Beisein der ganzen Familie. Auch Kinder und Ehemann dürfen zum Rasierer greifen, um die Situation zu entspannen. Im Anschluss heißt es oft Perückenparty, zu diesem Zweck können sich Kinder und Erwachsene alte Perücken überstülpen und Spaß haben. Oft sind diese Augenblicke aber auch so emotionsgeladen, dass sich Ann-Kathrin Guballa diskret zurückzieht.

Ob blond, ob braun, ob kurz, ob lang. ... Bei Zweitfrisuren ist alles möglich.
Ob blond, ob braun, ob kurz, ob lang. … Bei Zweitfrisuren ist alles möglich.

 

Nichts daran erinnert die zierliche Haarkünstlerin mit dem braunen Pagenkopf dann an alte Theatertage, hat sie doch 12 Jahre unter anderem für das Hamburger Schauspielhaus frisiert und geschminkt. Es folgten zehn Jahre beim Film, die sie in viele Länder führte und mit Stars wie Harvey Keitel, Birgit Minichmayer und Otto bekannt machte. Ganz klar sehr schöne Jahre, sagt sie, die schon immer eine Affinität zu Haaren hatte. Doch alles änderte sich als vor acht Jahren ihr Sohn zur Welt kam.

Wer kann mit kleinem Kind schon wochenlang auf Dreh gehen? Ann-Kathrin Guballa entschied sich für kurze Werbedrehs, erschuf haarige Monster und Gestalten für Nutella und Dacia. Doch so recht glücklich mit ihrer beruflichen Situation wurde die Filmfrau nicht. Bis zu dem Tag, an dem sie eine Mutter in der Kita ansprach. Sie wusste von Ann-Kathrins Haarkünsten. Die Mutter berichtete von ihrer überstandenen Brustkrebs Erkrankung, und wie schwierig es gewesen sei, die ausgefallenen Haare zu verdecken.

Ein Haarteil zu fertigen dauert etwa 30 Stunden.
Ein Haarteil zu fertigen dauert etwa 30 Stunden.

 

Haare aus Asien und Osteuropa

Das brachte die Haarexpertin ins Grübeln. Und sie recherchierte. Ergebnis: Im Raum Hamburg gab es wenige Perückenhäuser, die Haarteile selbst fertigten. Das war im Oktober 2009. Drei Monate später bezog Ann-Kathrin Guballa ihre Haarwerkstatt im Eppendorfer Weg. Die Startkosten waren überschaubar, besaß sie doch aus Film- und Werbetagen die meisten Knüpf-Instrumente.

Statt trubeligen Dreharbeitern steht die gelernte Friseurin nun alleine in ihrem Studio und knüpft und knüpft: Toupets, Perücken und sogenannte „Anfertigungen“. Eine Geduldsarbeit, für ein Toupet braucht sie rund 30 Stunden. Kein Wunder also, dass die Haarteile sehr teuer sind. Eine Echthaarperücke in Neuanfertigung kostet zwischen 2500 und 3000 Euro – zu viel für die meisten Patientinnen, die entweder noch sehr jung sind oder krankheitsbedingt nicht arbeiten können. Die Krankenkassen übernehmen in der Regel nur 250 Euro. Darum läuft es bei den meisten Kundinnen meist auf Teiländerungen hinaus. Ann-Kathrin nutzt als Grundlage Rohlinge mit halblangen Kunsthaaren, die sie dann nach Wunsch umarbeitet. Oft „pimpt“ sie das Kunsthaar mit Echthaar auf.

Dieses kommt aus Asien, Indien sowie Osteuropa und ist säuberlich in Schubladen aufgeteilt. Viele Haarspenden erhielt die umtriebige Haarfachfrau darüber hinaus im September bei dem von ihr initiierten Haarspendetag, bei dem fast 30 Frauen über 20 cm von ihrem Haar ließen. Ältere Frauen brachten alte Zöpfe mit, die sie sich zur Konfirmation hatten abschneiden lassen, und viele Geschichten zum Thema Haare.

 

Kosmetische Tricks

Kommt eine Kundin in Ann-Kathrin Guballas Haarwerkstatt, legt die Maskenbildnerin großen Wert auf Diskretion. Keine Kundin wird einer anderen über den Weg laufen. Oft weiß nicht einmal der Kollegen- oder weitere Freundeskreis von der Erkrankung der Frau. Umso wichtiger sei den Meisten, so Ann-Kathrin, dass die Frisur nicht auffalle. Die gelernte Maskenbildnerin erschafft aber nicht nur eine neue Frisur. Sie bringt Frauen auch kosmetische Kniffe bei, wie Wimpern kleben und Augenbrauen nachstricheln.

Die meisten Echt-Haare kommen aus Asien und Ost-Europa.
Die meisten Echt-Haare kommen aus Asien und Ost-Europa.

 

Trotz des Leids der Kundinnen ist Ann-Kathrin Guballa sehr glücklich mit ihrem neuen Job: „Es ist eine so superdankbare Aufgabe Menschen wieder schön zu machen! Natürlich denke ich oft, wie unfair, wenn ganz junge Frauen oder Müttern mit kleinen Kindern Brustkrebs haben.“ Umso dankbarer ist die zweifache Mutter, die selbst ihren Vater früh durch Krebs verloren hat, eine gesunde Familie und ein „schönes Leben“ zu haben.

 

Perücken Spende

Natürlich könnte die Perücken-Macherin expandieren. Der Bedarf wäre groß. Doch Ann-Kathrin möchte nicht:  „Der direkte Kontakt zu den Kundinnen ist mir wichtiger als Geld, wir kommen auch so über die Runden.“ Punkt 16.00 Uhr schließt sie den Königinnen Salon um ihre Kinder abzuholen. Bis dahin knüpft sie Haare und führt lange Gespräche mit ihren Kundinnen. Beides möchte sie nie mehr missen – für keinen Filmdreh der Welt.

Sind die Haare nachgewachsen, kommen viele der Kundinnen wieder. Dieses Mal zum Schneiden ihrer eigenen Haare. Oft spenden sie ihre Kunsthaare. Denn sie wissen wie es ist, keine Haare und nicht genug Geld für eine schöne Perücke zu haben.

 

Sandra Coy, 20. Februar 2012
Fotos: Sandra Coy

 

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Wirklich Konkurrenzlos?

Markus Krall kämpft seit mehr als einem Jahr für die Gründung einer europäischen Ratingagentur. Alles umsonst? So scheint es zurzeit beim Lesen der Wirtschaftspresse.

 

von Dani Parthum, 16. April 2012
Um den Unternehmensberater ist es in der Öffentlichkeit still geworden. Der Seniorpartner von Roland Berger lässt sein Handy klingeln. Bereits Ende des vergangenen Jahres wollte er die Gründung einer Ratingstiftung offiziell bekannt geben. (Sakida hat darüber ausführlich berichtet). Noch im Oktober war er voller Optimismus, das auch zu erreichen. Den Termin aber konnte er nicht halten. Dann hieß es: Ende März dieses Jahres könnte die Gründung gelingen. Noch liefen Gespräche mit Geldgebern, ließ er mitteilen, noch seien nicht alle benötigten 30 Großinvestoren an Bord, die ihm, Krall, jeweils 10 Millionen Euro Startkapital für die Ratingstiftung überlassen. Jetzt ist auch dieser Termin verstrichen.

 

Nichts Offizielles 

Aus der Presseabteilung von Roland Berger heißt es vorsichtig: Ja, der Termin Ende März sei nicht zu halten gewesen, und nein, einen neuen Gründungstermin nenne man nicht. Ist also der Weg, eine große Idee in die Tat umzusetzen, in eine Sackgasse geraten? Die Idee, den dominierenden drei US-Ratingagenturen Standard and Poors, Moody’s Investor Services und Fitch Ratings die Stirn zu bieten und aufzuräumen mit den zahlreichen Interessenkonflikte der Branche?
Von der Politik bekommt das Startup jedenfalls offiziell keine Hilfe, obwohl Minister wie Wolfgang Schäuble, Guido Westerwelle und auch Kanzlerin Merkel nach einem europäischen Gegengewicht zu den US-Giganten lautstark gerufen hatten, und auch so mancher französische Politiker.

 

Intransparenz nützt Branche

Warum auch sollten Banken, Börsen, Versicherungen und Großunternehmen jeweils 10 Millionen für ein Unternehmen hergeben, das jahrelang keine Gewinne erzielen wird, das enorm viel Gegenwind der bestehenden Rating-Lobbyisten aushalten müßte, das viel Unsicherheit in die Branche brächte, weil die Stiftung transparent arbeiten will. Außerdem weiß niemand, ob die Qualität der Bewertung von Unternehmen, Staaten, Anlageprodukten wirklich besser ausfällt.

Die Lobbyisten verteidigen ihre Pfründe anscheinend gut. Seit Markus Krall auf Werbetour ist, beackern gleichzeitig die großen Ratingkonzerne das Feld mit ihren Argumenten. Eines ist jedenfalls klar: Die Rating-Stiftung, die keinem Gewinnziel verpflichtet wäre und den Ratingprozess nachvollziehbar machen würde, würde den Markt aufmischen. Sie würde allein durch ihr Geschäftsmodell die enormen Interessenkonflikte der Branche sichtbar und für jedermann verständlich machen, zum Beispiel die Abhängigkeit der „Großen Drei“ von ihren profitgetriebenen Eigentümern und die personellen Verflechtungen zwischen Agenturen, Banken, Vermögensverwaltern, Behörden.

 

Freut sich Konkurrenz zu früh?

Die Unternehmen, die von Standard and Poors, Moody’s und Fitch bewertet werden, sind jedenfalls größtenteils zufrieden mit deren Urteil, schreibt z.B. Christian Wappenschmidt in seiner Doktorarbeit von 2008. Und die Banken, die Hauptnutzer der Rating-Dienstleistung? Sie haben den drei großen US-Bewertern Milliardengewinne zu verdanken — vor der Finanzkrise. Die „Großen Drei“ haben nämlich auch die komplexesten Anlagepapiere mit Bestnoten ausgestattet und sie dadurch erst verkäuflich gemacht. Die US-Kommission, die die Ursachen der Finanzkrise untersucht hat, nennt die großen US-Ratingagenturen deshalb auch die Wegbereiter der Finanzkrise. Ohne sie wäre es nicht soweit gekommen. Die Banken haben also immer gut mit den Agenturen zusammengearbeitet, in ihrem Sinne. Und die Folgen der Finanzkrise haben die Eigentümer der Banken nicht selbst getragen, sondern die Steuerzahler des jeweiligen Landes. Welchen Nutzen also sollten Großbanken haben, sich für eine Konkurrentin, die alles anders machen will, einzusetzen? Das Bankgeschäft macht schließlich seine größten Gewinne mit Intransparenz und Informationslücken anderer!

 

Noch, so heißt es aus der Unternehmensberatung Roland Berger, arbeite Markus Krall unverändert weiter am Aufbau einer europäischen Rating-Gesellschaft. Eine offizielle Stellungnahme gibt es nicht. Wer Markus Krall aber einmal selbst kennengelernt hat, der ahnt: Dieser Mann gibt nicht so leicht auf. Der kämpft. Die Konkurrenz könnte sich also zu früh freuen.

 

Ein sehr informatives Interview mit Werner Rügemer über „Die Macht der Ratingagenturen“ hat Telepolis Ende Mai 2012 veröffentlicht.

Wer lieber hören will — bei Deutschlandradio Kultur ist ein Feature von mir Ende April 2012 erschienen. Titel:  „Die Schulmeister. Die Arbeit der Ratingagenturen„. 

 

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Körpersprache.

Kleine Schritte, Beine verschränkt, Arme vor der Brust. Jede Frau kennt das und bewegt sich oft unbewusst so. Wirkung dieser Körpersprache? Meist unsicher. Aber das lasse sich ändern, sagt Jan Sentürk, Ex-Schauspieler, Sozialpädagoge und Dozent.

Sentürk beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Sprache des Körpers. Mit ihm haben wir eine kurze Analyse weiblicher Körpersprache gedreht und uns von ihm ein paar Tipps abgeholt, wie sich ein aufdringlicher Kollege auf Abstand halten lässt und Frau stärker wirkt.

von Dani Parthum, 2. April 2012



Körpersprache sagt ja schon, wir kommunizieren auch nonverbal. Wie haben wir diese „Sprache“ denn gelernt?

Sentürk: Wir lernen sie intuitiv. So, wie wir aufwachsen, nehmen wir Dinge aus unserer Umwelt an, deswegen gibt es hier und da kulturelle Unterschiede. Beispiel die Distanzzonen: Die Araber sind sich, auch wenn sie in geschäftlichen Zusammenhängen sprechen, so nah, dass sie gegenseitig ihren Atem riechen können. Das stellen wir uns in Deutschland eher unangenehm vor. Wir Nordeuropäer brauchen relativ viel Platz, etwa 60 Zentimeter, im Schnitt eine Armeslänge Intimdistanz, um uns wohlzufühlen. Wir machen viele Dinge intuitiv, von Natur aus, weil unsere Körpersprache von unserem limbischen System gesteuert wird und das ist Jahrtausende alt.

Wie unterscheiden sich denn männliche und weibliche Körpersprache.

Sentürk: Es gibt eine ganz grobe Kategorisierung. Das ist einmal: Frauen sind von ihrer gesamten Art her sozialer, sie lassen anderen mehr Raum und Entfaltung und nehmen auch weniger Raum in Anspruch. Männer breiten sich vielmehr aus. Das heißt, ein Mann, der selbstbewusst vor einer Gruppe steht, der wird die Füße generell breiter auseinander haben, etwa schulterbreit. Und eine Frau, die ebenso selbstbewusst ist, hat ihre Füße erfahrungsgemäß deutlich näher beieinander, etwa hüftbreit. Wenn ein Mann die Hand reicht, dann macht er das häufig aus dem Schultergelenk heraus, d.h. die Bewegung nimmt mehr Raum ein, wohingegen der weibliche Arm mit dem Ellbogen näher beim Körper bleibt. Auch hier sehen wir wieder: Frauen nehmen weniger Raum ein. Frauen sind sozialere Wesen. Sie bringen Kinder zur Welt, das muss ja auch einen Einfluss haben darauf, wie sie mit anderen Menschen umgehen.

Körpersprache: Sich ruhig mal ein bißchen ausbreiten, wenn der Kollege sich aufplustert.

Der Kollege steht zu nah und erzählt mal wieder großspurig? Arme an die Hüften, so demonstrieren Sie: Ich lasse mich nicht verdrängen!

Im Job gereicht Frauen diese rücksichtsvollere Körpersprache aber öfter zum Nachteil!

Sentürk: Das ist sicher so. Ich spreche, und das möchte ich betonten, pauschal – aber wir reden in der Körpersprache niemals von 100% aber deutlich von Mehrheiten. Also: Frauen sind harmoniebedürftiger, weil sie sozialer sind, auch rücksichtsvoller, wollen nicht verletzen, möchten verstanden werden, und das äußert sich auch in der Körpersprache. Und wenn ich dann immer darauf bedacht bin, verstanden zu werden, Männer aber eben gar nicht so sind! Die sagen: entweder es ist so, wie es ist, und so wird es gemacht, wie es gesagt wird, oder man verhält sich entsprechend, dann kann ich sie oder ihn respektieren oder eben nicht. Und dieses Harmoniebedürftige, alles bereden wollen, um zu einem guten Schluss zu kommen, was Frauen gerne wollen, und was viel besser wäre, akzeptieren Männer nicht und wollen das auch oft nicht. Und insofern ist es für die Frau nicht immer leicht im Berufsleben.

Heißt das, als Frau ist es strategisch besser, die Männer da abzuholen? Eher männlicher bewegen?

Sentürk: Nein, keine männliche Körpersprache für Frauen. Stellen Sie sich vor, eine Frau steht breitbeinig vor einer Gruppe. Das sieht albern aus. Aber es gibt schon einige Dinge, auf die eine Frau achten sollte, wenn sie in einem männlich dominierten Umfeld bestehen möchte und das muss sie tun, ob ihr das gefällt oder nicht. Das rat ich auch, das zu trainieren. Weil sich Männer schlicht und einfach nicht darum scheren, ob Frauen das gut finden oder nicht.

Wäre es dann aber nicht an den Männern, mal darüber nachzudenken und ihre Körpersprache zu ändern, weil ihre Körpersprache ja zum Teil ziemlich albern ist, zB. das Dasitzen mit weit offenen Beinen …

Sentürk: Das wäre fair, aber das Leben ist nicht immer fair!

Aber Männer haben Nachholbedarf, was Körpersprache betrifft!

Sentürk: Ja! Ich nenn‘ mal ein Beispiel, von dem ich weiß, dass viele Frauen das nicht mögen, ich nenne das den Sofafläzer. Der Mann, der sich insbesondere zuhause ins Sofa schmeißt, ins Sofa fläzt, breitbeinig hinlümmelt, und seine Frau im Raum ist, dann habe ich schon von vielen Frauen gehört, die sagen, ich mag das nicht. Das ist so eine Genitalpräsentation, dazu neigen Männer, und Frauen stehen meist überhaupt nicht drauf, weil es eine Respektlosigkeit ist. Und dieselbe Position würde der Mann bei seinem Chef im Büro auch nicht anwenden, eben weil es respektlos ist. Warum ist es das bei seiner Frau aber nicht! Zumindest wenn es sie stört.

Körpersprache: Wird jemand zu aufdringlich, Fuß nach vorn, das hält Distanz.

Wird jemand zu aufdringlich und kommt zu nah, Fuß nach vorn, das hält auf Distanz.

Was mache ich dann, wenn mein Chef so dasitzt, wenn ich mit ihm spreche, oder ein Mitarbeiter, wenn ich seine Vorgesetzte bin?

Sentürk: Das sind zwei unterschiedliche Situationen. Wenn Sie diejenige sind im hierarchisch untergeordneten Status, dann sollten Sie üblicherweise nichts dagegen tun. Er kann sich so hinsetzen, wie er will. Er ist Ihr Chef. Und es ist nicht an Ihnen zu sagen, wie er sich in seinem Büro hinzusetzen hat. Wenn es Ihr Mitarbeiter ist oder Ihr Untergebener, dann sollten Sie – wie auch immer – bedenken: Sie sollten nicht versuchen, mit ihm darüber zu reden. Er ist schon längst am agieren, auf der körpersprachlichen Ebene. Und während der Mann schon längst agiert, versucht die Frau noch zu erklären und zu reden. Das kann man einmal versuchen. Es kann aber so sein, dass Sie dann die Mimose sind, die Zicke, die sich anstellt. Wenn, müssen Sie auch körpersprachlich agieren und das ist abhängig von der Situation.

Ein Tipp, was tun?

Sentürk: Mein Tipp ist, stellen Sie sich hinter ihn. Entweder wird er das begreifen, oder er ist noch aufsässiger, und das ist ein unmissverständliches Zeichen von fehlendem Respekt. Dann müssen Sie sowieso reagieren. Oder er steht auf, und stellt sich Ihnen gegenüber mit breitbeiniger Position. Dann spontane Idee, stellen Sie sich sehr nahe gegenüber, verletzen Sie jedwede Intimdistanz, schauen Sie ihm in die Augen, und sagen Sie ihm, was er zu tun hat und setzen Sie das durch und halten Sie diese Anordnung und halten Sie den Blick. Denn wenn Sie das nicht tun, verlieren Sie schon wieder.

Körpersprache: Dieses Lächeln wirkt nett aber nicht durchsetzungsstark.

Dieses Lächeln wirkt nett aber nicht durchsetzungsstark.

 

Körpersprache: Wer dagegen so guckt, wirkt selbstbewußt und dennoch höflich.

Wer dagegen so guckt, wirkt selbstbewußt und dennoch höflich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Körpersprache ist also kein überschätztes Thema?

Sentürk: Nein, definitiv nicht. Weil – wir haben sie immer bei uns, sie sendet immer Signale, und wir haben auch keine Alltags- und keine private Körpersprache. Wenn wir z.B. jemand sind, der sich durchzusetzen weiß, dann wird sich das auch in unserer Körpersprache zeigen, egal ob wir privat unterwegs sind oder beruflich. Wir können natürlich gewissen Signale bewusst im beruflichen und wichtigem Umfeld einsetzen, wo wir vielleicht privat sagen, darauf kann ich verzichten, das ist nicht wichtig. Aber wir haben nur eine Körpersprache und die haben wir immer. Und deshalb ist sie immens wichtig. Und nach allen Untersuchungen ist es so, dass die Körpersprache zu einem Großteil zu unserer Wirkung beiträgt. Das sehen sie schon daran, wenn ich Ihnen mit einem aufgeschlossenen Blick und einem zur Seite geneigten Kopf sage, dass ich Sie sympathisch finde, oder ich sage Ihnen das Gleiche, in dem ich Sie starr angucke und den Mund danach schließe: „Ich finde Sie sympathisch.“ Sofort geht mit meiner veränderten Körpersprache meine Stimme in eine ganz andere Lage und Sie wissen, dass ich das eine so meine, das andere nicht.

Ist das Bewusstwerden der eigenen Körpersprache mehr eine Sache für Frauen in Führungspositionen oder ist das auch für die Verkäuferin wichtig, sich Gedanken zu machen, wie sie wirkt?

Sentürk: Grundsätzlich halte ich das für jeden wichtig, weil jeder eine hat. Und der Körper immer spricht. Natürlich ist es so, dass eine Frau, die in eine Führungsposition gelangen will, sich mehr Gedanken darüber machen muss als eine Frau, die Verkäufer ist und es auch bleiben will. Wenn aber die Verkäuferin sagt, ich will zur Marktleiterin aufsteigen, dann wird auch sie sich anders verhalten müssen und wird es automatisch tun, wenn sie generell den Ehrgeiz hat, sich weiterzuentwickeln. Und man kann definitiv seine Wirkung immer verändern, wenn man seine Körpersprache verändert. Aber das muss man trainieren. Und das ist auch nicht damit getan, dass ich einfach nur mal sage, ich nehme diese Geste ein, weil ich gehört habe, die wirkt so und so.

Wirkt die Persönlichkeit eher auf die Körpersprache oder die Körpersprache auf die Persönlichkeit?

Sentürk: Sowohl als auch. In der Wissenschaft spricht man von „Body Feedback“. Genauso, wie der Körper darstellt, was sie innerlich fühlen, so können sie durch die Einnahme einer äußeren Position auch die innere Haltung erzeugen. Es ist nicht ganz einfach. Aber es funktioniert definitiv! Das machen auch alle Schauspieler so.

Das heißt, es ist möglich, sich eine gewisse Körpersprache anzutrainieren, sodass ich sie strategisch einsetzen kann, wie eine Fremdsprache?

Sentürk: Das würde funktionieren, aber das ist Arbeit. Zum einen muss ich auch so offen sein, um zu sagen, die Körpersprache macht’s nicht nur, ich muss auch ein entsprechendes Outfit haben, auch meine Kompetenzen. Mit der Körpersprache können wir aber an uns arbeiten. Wenn wir zielgerichteter werden wollen, wenn wir gewisse Dinge körpersprachlich transportieren wollen, wenn wir eine Selbstsicherheit ausstrahlen wollen, dann tun wir das immer und zwangsläufig mit unserem Körper. Und wenn wir das verstärken wollen und verbessern wollen, dann können wir mit unserem Körper arbeiten und das heißt aber auch, wir müssen bestimmte Dinge üben, trainieren, und wenn wir unsere Körpersprache ändern, dann wird sich auch die innere Haltung verändern. Aber das ist nicht von heute auf morgen getan. Und ich empfehle auch jeden, das nicht in einer öffentlichen Situation auszuprobieren, sondern das zu trainieren, da, wo es nichts schadet.

Eine Situation, die viele Frauen mit Bürojob kennen: Frau kommt in den Konferenzraum, es ist freie Platzwahl. Wo setze ich mich hin, um eine strategisch günstige Position zu haben, wenn ich etwas zu sagen habe?

Sentürk: Als Position, die als selbstbewusst gilt, und für die man ein gewisses Standing zeigen kann, und wo man auch bereit ist, konfrontativ zu sein, ist z.B. die gegenüber des Redners. Oder vorne, wo die Musik spielt, bei Reihen hintereinander. Da bin ich direkt dran. Ich suche mir möglichst eine Position, wo ich möglichst wenig Barrieren zwischen mir und meinem Gesprächspartner oder Gegenüber habe.

 

Das Interview führte Dani Parthum am 29. März 2012

Wer mehr von Jan Sentürk lesen will: Er hat ein Buch zum Thema geschrieben. Titel: „Schulterblick und Stöckelschuh“, erschienen bei Springer Gabler.

 

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Schokoladenseiten.

Tolle Nachrichten! Schokolade ist gesund und macht schlank! Das haben aktuell Wissenschafter aus Kalifornien herausgefunden. Und nein, es ist nicht die staubige 80% Schokolade, die blutdrucksenkend und glücklich machen soll (mich allerdings nicht) – sondern auch ganz normale Vollmilch Schokolade. Also die, die ich seit meiner Kindheit tafelweise in mich schaufle. Mit dieser – nennen wir es ruhig Sucht – bin ich nicht alleine, Katherine Hepburn hielt sich angeblich bis zuletzt mit regelmäßigem Schokoladenkonsum schlank und grazil. Das gilt auch für meine Kollegin Sandra, meine Freundin Cordula und meinen Bekannten Thorsten – nach vollbrachtem Tagwerk genießen alle eine Tafel ihres Vertrauens. Täglich. Und sie sind gertenschlank. Kein Wunder, lese ich doch jetzt, dass die 1.000 Probanden der Präventionsmedizinerin Beatrice Golomb von der University of California in La Jolla, die häufig Schokolade aßen, im Durchschnitt schlanker waren. Wer sogar mehrmals in der Woche zur süßen Tafel griff, blieb noch dünner.

Das mag die Figur von Cordula erklären, die sich zu Studienzeiten wahlweise von 10 Tafeln Schokolade pro Tag oder Dominosteinen (im Advent) ernährte und damals wie heute Größe 36/38 trägt.

Ich selbst begann meine Leidenschaft für die Kombi Schokolade-Buch-Bett etwa mit 12 – und habe bis heute nicht davon lassen können, auch wenn sich meine Lieblings-Marken von Zeit zu Zeit ändern. Kleidergröße und Gewicht habe ich seit dieser Zeit weitestgehend gehalten, auch wenn ich zur Fraktion „2 Kilo weniger wären doch auch schön“ gehöre. Nun weiß ich, dass ich dafür auf keinen Fall aufhören darf Schokolade zu essen! Denn: Die Forscher vermuten, dass sich Inhaltsstoffe der Kakaobohne positiv auf den Stoffwechsel auswirken und das Gewicht günstig beeinflussen.

Die Wissenschaftler schränken allerdings ein, schlank seien nur die Schokoladenvernichter, die sich viel bewegten, ansonsten einigermaßen gesund ernährten und – glücklich seien. Unglücklich Schokolade essen funktioniert also nicht zur Gewichtsreduktion.

von Sandra Coy, 29. März 2012

 

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Ines Wiese, 53, Personal Assistent, Großmutter, Marathonläuferin

 

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Klebstoff des Lebens.

Schafft es eine Autorin in einem Roman gleichzeitig über Ehekrise und Trennung, den Israel-Palästina-Konflikt, Pflegebedürftigkeit im Alter, die technischen Probleme moderner Klebstoffe und Pubertätsprobleme zu schreiben, ohne oberflächlich und trivial zu sein? Marina Lewycka kann das!

Marina Lewycka  by Gabriel Szabo

Marina Lewycka fotografiert von Gabriel Szabo

Wie schon in ihren beiden vorherigen Büchern „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ und „Caravan“ beweist sie in ihrem neuesten Roman einmal mehr, dass sie eine Meisterin der kaleidoskopartigen Erzählung ist:

Die Ich-Erzählerin Georgie Sinclair ist Mitte vierzig und freie Mitarbeiterin der Zeitschrift „Klebstoffe in der modernen Welt“. Eigentlich träumt sie schon seit Jahren davon, Schriftstellerin zu sein. Aber ihr großer autobiografischer Roman mit dem Titel „Das verspritzte Herz“ kommt trotz aller Mühen nicht über das Groschenroman-Niveau hinaus. Selbstkritisch stellt die Protagonistin fest: „Na gut, ich weiß, ich bin nicht Jane Austen.“

Als ihr Ehemann sie verlässt, wirft Georgie aus Rache seine Schallplattensammlung in einen eigens bestellten Müllcontainer. An diesem Container lernt sie eines Abends dann die alte, ziemlich verschrobene Naomi Shapiro kennen, die die Platten Tschaikowskys, Prokofjews und Schostakowitschs wieder herausfischt, um sie vor dem Müll zu retten. Als die beiden Frauen sich ein weiteres Mal treffen, beginnt die Freundschaft zwischen der frustrierten Georgie und der immer lebensfrohen 80-jährigen Mrs. Shapiro, die allein mit unzähligen Katzen in einer viktorianischen Villa namens Canaan House lebt.

Marina Lewycka schafft es, mit skurrilem Humor und gelungener Dramaturgie, eine vielschichtige Erzählung zu entspannen, die filmreif ist. Tatsächlich hat eine britische Independent-Film-Firma die Rechte an dem Buch bereits gekauft. Über das Lesevergnügen hinaus ist „Das Leben kleben“ eine Hymne für die Überwindung von Vorurteilen und für die Toleranz.

Unbedingt lesenswert!

meint: Barbara Dünkel, März 2012

dtv Verlag, 9,90 Euro

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Ausgewählte Lese-Tipps im April/Mai

Lesenswerte Fundstücke im Netz:

12. Mai   Sex und Liebe: Was Paare zusammenhält

Glück, Zufriedenheit, gemeinsame Interessen? Von wegen. Wer eine stabile Beziehung will, braucht: wenig Sex, konstantes Unglück, Resignation und unsichere Partner. „Tut uns leid, ist so“ – schreibt das SZ Magazin und berichtet über neue Erkenntnisse aus Psychologie und Medizin.

12.April  Frankreichs Erfolg mit der Frauen-Quote
Männerdominierte Unternehmen müssen sich in Frankreich bald auf hohe Strafen einstellen – der letzte Kick, um mehr Frauen den Weg zu Führungspositionen zu ebnen. Im öffentlichen Dienst jedenfalls steigt der Frauenanteil dank der Quote in Frankreich deutlich. Den ganzen Artikel bei Telepolis lesen Sie hier.

12. April  Kreativer mit Alkohol?
Beethofen, Sokrates oder Hemingway — jeder Popstar seiner Zeit hat zur Flasche gegriffen und mit dem Hochprozentigen sein Gehirn in Schwung gebracht. Manchmal zwar etwas zu viel …  Psychologen der University of Illinois in Chicago wollen jetzt in einer Studie geklärt haben, dass Alkohol, in Maßen getrunken, kreatives Denken fördert.  Hier der Klick, ohne Hick.

5. April   Schönheit stört bei Jobsuche
Wer glaubt, das schöne Menschen es einfacher in der Arbeitswelt haben, der irrt. Zwei Ökonomen meinen herausgefunden zu haben, dass attraktive Frauen, die sich mit Foto beworben haben, es deutlich schwerer hatten, zum Gespräch eingeladen zu werden als Frauen, die ihrer Bewerbung kein Foto beilegten oder weniger hübsch waren. Schreibt die Huffington Post.

11. April   Klage gegen Fiskalpakt
Der früherem Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin reicht es. Sie will Verfassungsbeschwerde gegen den geplanten Euro-Rettungsschirm und den Euro-Fiskalpakt einlegen. Denn beide beschneiden das Recht des Bundestages, sagt sie — und bläst damit in das gleiche Horn wie Amartya Sen. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat den Inhalt des Paktes kurz zusammengefasst. Lesenswert!

Spannende Lektüre wünscht Dani Parthum. Und wenn Sie selbst Lesetipps haben, drücken Sie den „Kommentar“-Button und stellen den Link gleich drunter.

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Von wegen gleiche Chancen!

Es ist leider oft noch immer so: Kinder bremsen das berufliche Fortkommen von Frauen aus und Frauen managen ihre Karriere passiver als sie denken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung des Personaldienstleisters Accenture. Freilich ist es nicht so, dass beruftätige Mutter das nicht längst gewußt hätten. Aber es zu lesen, ist dann doch etwas anderes.

von Dani Parthum, 8. März 2012

Zügig durchblättert. Archivarin im Bundestag.

Zügig durchgeblättert. Archivarin im Bundestag.


Warum Kinder das berufliche Fortkommen bremsen? Darauf hat die Befragung von Accenture zwei Antworten: Zum einen, weil etwa ein Viertel der befragten Männer die Aussage bejahten: „Am Arbeitsplatz sind Frauen und Männer gleich“. Die Crux daran erklärt Catrin Hinkel, Geschäftsführerin bei Accenture so: Die Wahrnehmung, dass viele Männer glauben, die Chancengleichheit sei mittlerweile so gut wie erreicht, berge die Gefahr, dass Arbeitgeber nicht immer die richtige Personalentscheidung fällen. Sie nehmen die Leistung von Frauen deshalb nicht bewußt wahr, um sie zu fördern. Zum anderen ziehen Vorgesetzte Mütter in Teilzeit oft nicht in Betracht für Positionen mit mehr Verantwortung – oft aus falsch verstandener Rücksichtnahme, selbst wenn sie die besten Kandidatinnen dafür wären.

Da verwundert es nicht, dass immerhin fast die Hälfte der 100 befragten berufstätigen Frauen sagten: Ihr berufliches Fortkommen habe gelitten, seit sie Mütter sind. Bei den Vätern kreuzten 20 Prozent an, dass ihnen die Vaterschaft berufliche Nachteile eingebracht hat. Allerdings hat etwas weniger als die Hälfte der befragten Frauen und Männer angegeben, ihr Arbeitgeber unterstütze Frauen beim beruflichen Fortkommen vor allem in fachlicher Hinsicht durch Fortbildungen und andere Lernangebote. Woran es aber krankt, sind Initiativen, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können.

Ein „Aber“ merkt dabei Ann-Kathrin Sauthoff-Bloch an, Leiterin des Frauennetzwerks bei Accenture. „Dass es an vielen Stellen in Berufsleben keine Chancengleichheit gibt, liegt nicht allein an der Sichtweise von Männern und gewachsenen Strukturen. Für verpasste Karrierechancen muss sich auch manche Frau an die eigene Nase fassen.“ So managen nur 55 der 100 befragten Frauen aktiv ihre Karriere. Sie sprechen mit ihren Vorgesetzten selten innerhalb eines Jahres darüber, wie es im Job weitergehen könnte. Die Männer tun das viel öfter! Männer sprechen auch häufiger als eine Frau eine Beförderung an. Dabei haben Frauen großen Erfolg, wenn sie ihre Aufstiegswünsche klar und deutlich gegenüber ihren Chefs ausdrückten, belegt die Umfrage ebenfalls.

„Viele Frauen glauben, dass Arbeit und Einsatz für sich sprechen, und automatisch belohnt werden“, sagt Ann-Kathrin Sauthoff-Bloch. „Das allein reicht in den meisten Fällen jedoch nicht.“ Männer holen sich zum Beispiel Rat für die eigene Karriere von ihren Vorgesetzten und signalisieren so Aufstiegswillen. Außerdem tauschen sie sich über Karriereperspektiven im Kollegenkreis aus.

 

Accenture hat für die Umfrage mit 100 berufstätigen Frauen und 100 berufstätigen Männer in mittelgroßen bis großen deutschen Unternehmen gesprochen, mit dem Schwerpunkt auf Angestellte. Die Befragung fand im November und Dezember 2011 statt.

Foto:  @Bundestag/Jonas Fischer/fotothek

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Ausgewählte Lese-Tipps im Februar/März

Lesenswerte Fundstücke im Netz:

28.03  Acht Millionen mit Niedriglohn
Fast jeder vierte Beschäftigte in Deutschland ist Niedrigverdiener. Ein gesetzlicher Mindestlohn könnte den Trend zur schlechten Bezahlung stoppen.  Hier lesen Sie den ganzen Artikel.

26.03.  Gesund einkaufen, ohne Pestizide
Tomaten, Trauben, Erdbeeren oder Paprika stecken oft voller Chemie, voller verschiedener Pflanzenschutzmittel. Das haben die neuesten Tests von Greenpeace ergeben: etwa 80 Prozent des konventionell erzeugten Obstes und mehr als 55 Prozent der Gemüseproben enthielten demzufolge Pestizide. In der neuen Broschüre hilft Greenpeace, wirklich gesundes Grünzeug zu finden. Hier finden Sie die Publikation.

5.03.  Vom Rezessionsende in USA profitieren die Reichen
Seit zwei Jahren erholt sich die US-Wirtschaft langsam von der Rezession. Die meisten, die davon profitieren, sind die, die ohnehin genug haben, berichtet die Huffington Post.  Hier finden Sie den Artikel.

28.02  Zwang zur privaten Pflegeversicherung — verfassungswidrig?
Gesundheitsminister Bahr, FDP, favorisiert eine verpflichtende private Pflegeversicherung. Ein ökonomisch zweifelhafter Vorschlag. Aber auch aus verfassungsrechtlicher Sicht problematisch, warnt die Juraprofessorin Anne Lenze. Hier lesen Sie ihren Standpunkt.

28.02  Jeder zweite neue Job ist befristet
Die Zahl der befristeten Jobs ist in Deutschland über das vergangene Jahrzehnt deutlich gestiegen. In einigen Branchen bekommen zwei von drei neu Eingestellten nur einen Vertrag auf Zeit.  Das hat das DIW analysiert.

 

 

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Sein Krieg im Kopf!

Dass Marita Scholz eine Kämpferin ist, hat sie früh bewiesen: Sie war Leistungssportlerin, wurde 2002 Ruder-Weltmeisterin im Doppelvierer. Im selben Jahr lernt sie ihren späteren Mann kennen, einen Zeitsoldaten. Was sie sofort an ihm mag, ist die Sicherheit, die er ausstrahlt, seine warme Stimme, seine weichen Hände. Heute ist er ein seelisch gebrochener Mann, ängstlich, schreckhaft, zum Teil aggressiv. Marita Scholz kämpft um ihn und ihre Kinder — und dass sie eine normale Familie werden.

 

Ihr Mann ist durch zahlreiche Auslandseinsätze der Bundeswehr höchst traumatisiert, weil Kameraden an seiner Seite starben, er Selbstmordanschläge und gegnerischen Beschuss nur knapp überlebt und verstümmelte, hungernde, sterbende Kinder gesehen hat. Diagnose nach zahlreichen Auslandseinsätzen: Posttraumatische Belastungsstörung. Was seine Seele zerstört hat, darüber redet er kaum; darf er nicht reden. Er gehört einer Spezialeinheit der Bundeswehr an. Höchste Geheimhaltung.

ein Bundeswehr-Soldat in Afghanistan    Bundeswehr/Wayman2010

ein Bundeswehr-Soldat in Afghanistan

Er trägt den Krieg in seine Familie hinein, kontrolliert seine Frau, erdrückt sie fast mit seiner Eifersucht, tobt, haut tagelang ab. Weg ist die Sicherheit. Stattdessen Furcht, Ohnmacht, Schweigen, Schuldgefühle, Isolation. Marita Scholz wird im Kampf um ihren Mann depressiv.

Sie hat ihren Schmerz in einem Buch niedergeschrieben. Sie erzählt darin, wie sich ihr Mann verändert, was diese Veränderung mit ihr macht — und später auch den Kindern, wie brutal die Familie mitleidet, und dass sie um jede Hilfe kämpfen muss. Die Bundeswehr bietet ihr keine an, sie wird auch in die Therapien ihres Mannes nicht einbezogen. Sie klagt mit ihrem Buch auch die Bundeswehr an:  Ich kann doch kein Problem privatisieren, das nicht im Privaten angefangen hat! Und sie fordert: Bietet Angehörigen und betroffenen Soldaten mehr Hilfe an!

schwerer Abschied - Soldat geht in den Einsatz               Foto Bundeswehr/Herolt

schwerer Abschied - Soldat geht in den Einsatz

„Heimatfront: Mein Leben mit einem Kriegsheimkehrer“ ist ein Buch mit Sprengkraft. Es zeichnet das Bild einer Bundeswehr, die ihre Soldaten, die seit 1992 immer öfter im Ausland ihren Kopf für Deutschland hinhalten, zu oft nicht fürsorglich behandelt und ihre Familien mit dem Kriegs-Trauma ihrer Partner zu lange allein gelassen hat.

 

Dani Parthum, 28. Februar 2012
Fotos:  Bundeswehr/ Wayman2010 und /Herolt2010

 

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Un-Gleichberechtigung

Schweden ist Vorbild für Vieles, besonders wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht. Und ganz richtig, das Verhältnis der Geschlechter ist anders, weniger hierarchisch, weniger kämpferisch, es wirkt freundschaftlicher.  Und es wird öffentlich darüber diskutiert.

von Dr. phil. Susanna Stempfle Albrecht

In welchem Land gibt es schon einen Premierminister, der sich selbst als Feminist bezeichnet? So wie es  Göran Persson tat, zu seiner Zeit als schwedisches Staatsoberhaupt 1996-2006. Hier zu Lande scheint es hingegen mittlerweile so, als lehne frau sich wieder zurück, in der Gewissheit, dass in Sachen Gleichberechtigung bereits – wenn zwar noch nicht alles, dann doch vieles – gesagt und getan worden ist. Frau Schwarzer, unsere einzige Ikone in der deutschen Frauenbewegung, scheint ja auch nicht mehr so auf der geistigen Höhe zu sein, kooperiert sie inzwischen offen und unverblümt mit der BILD und sagt auch in so mancher Talk-Show wunderliche Dinge. Dennoch verdient Alice Schwarzer höchste Anerkennung für das, was sie für die Emanzipation getan hat. Und sie ist weiterhin wichtiges und leider einziges Gesicht der Frauenbewegung. Ihre schrille und erfrischend aufmüpfige Art hat dafür gesorgt, dass Frauenfragen überhaupt öffentlich diskutiert wurden. Dies alles scheint bedauerlicherweise in Vergessenheit zu geraten, eine Vergessenheit, die für die weitere Frauenemanzipation nicht hilfreich ist. Denn wir sind den Weg noch nicht zu Ende gegangen.

Die „Bitterfotze“ und das positive Image Schwedens
Blicken wir nach Schweden, dann sehen wir, dass dort laut und unablässig darüber diskutiert wird, dass es noch viel zu tun gibt, bis die Frau endlich die gleichen Rechte hat wie der Mann und die Gleichberechtigung auch im Alltag gelebt und gedacht wird. Sei es in den Medien, in der Literatur oder in der Wissenschaft: Der schwedische Feminismus lebt, sogar in der jüngeren Generation. Als jüngstes Beispiel lässt sich hier Maria Svelands „Bitterfotze“ nennen, 2009 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Darin beschreibt Sveland das harte Los einer jungen, verheirateten Mutter, die im Grunde alleinerziehend ist. Ihr Ehegatte kommt nicht so gut dabei weg. Er verfolgt zielstrebig seine Karriere und glänzt am meisten durch Abwesenheit. In einem Interview mit Brigitte.de betont die Autorin Sveland, dass in Schweden Frauen und Männer zwar emanzipierter als woanders leben, aber dass Frauen im Vergleich nur 80 Prozent eines Männergehaltes verdienen, den Großteil der unbezahlten, undankbaren Hausarbeit machen und aus dem Beruf entweder aussteigen oder zu lange pausieren, wenn ein Kind kommt. Maria Sveland meint, der Trick schwedischer Politik allgemein sei, bewusst dieses positive schwedische Image zu fördern, um sagen zu können: Man sei im internationalen Vergleich doch schon sehr viel weiter. So kann Kritik schnell und einfach mundtot gemacht werden.

Das Manifest: 100.000 Kronen auf den Grill und deutsche Tristesse
Es scheint also nicht zu genügen, dass Politikerinnen wie Gudrun Schyman einen symbolischen Akt begehen, indem sie 100.000 Schwedische Kronen – ungefähr 10.000 Euro – im nördlichen Ådalen öffentlich verbrennt.

Feministin Gudrun Schyman

Feministin Gudrun Schyman

Die Summe symbolisiert den Lohnunterschied zwischen Mann und Frau und ist, wie Schyman sagt, ein „Manifest gegen die Ungerechtigkeit“. Wie wichtig solche Zeichen dennoch sind, zeigt die große mediale Aufmerksamkeit dieser Kampagne. Schyman ist die Gründerin der feministischen Partei (FI=Feministische Initiative) in Schweden, die 2009 im Europaparlament und 2010 bei den schwedischen Reichstagswahlen zur Wahl stand. Sie will mit ihrer Partei in den schwedischen Reichstag einziehen. Einer der berühmtesten Unterstützer der FI ist kein Geringerer als ABBA-Ikone Benny Andersson, der satte 1 Millionen Kronen spendete.

Es geht aber um so viel mehr als um Geld. Es geht auch um eine Lebenseinstellung, um die Frage, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Es geht um eine Aufwertung des Weiblichen, nicht darum, dass die Frau es dem Mann gleich tut und sich anpasst. Und es geht um die Aufwertung von Kindern, deren Erziehung Elternsache ist, nicht Frauensache sein sollte. Das deutsche Wertesystem ist in dieser Hinsicht sehr verschieden von dem Skandinavischen, um nicht zu sagen: mittelalterlich, trist und rollenfixiert.

Im Norden ist nicht alles besser und nicht so unkompliziert wie es scheint. Die Praxis sieht – wie so oft – leider anders aus. Und auch in Schweden ist man mit dem Erreichten noch lange nicht zufrieden. Aber eines können wir uns hier in Deutschland vom gelobten Land Schweden wirklich abgucken: Die gemeinsame Bereitschaft, endlich wahre Gleichberechtigung zu erhalten und den unermüdlichen Willen, diese Fragen auf allen Kanälen immer wieder zu thematisieren. Frau und Mann gemeinsam. Diesen Willen gibt es in Schweden, da muss man nur einmal das öffentlich-rechtliche Radio einschalten oder die Zeitung aufschlagen. Überall und jederzeit wird diskutiert. Toll!

Hamburg, 19. Februar 2012

 

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Zocken statt Kredite an Firmen

Die Europäische Zentralbank ist an Diplomatie selten zu überbieten. In ihrem englischsprachigen Monatsbericht vom Januar 2012 findet sich ab Seite 59 aber ein Artikel, in dem die Wissenschaftler der EZB ungewöhnlich deutlich werden. Zu deutlich vielleicht. In der deutschen Ausgabe des Monatsberichts, den die Deutsche Bundesbank herausgibt, fehlt dieser Artikel.

Zwei der wichtigsten Aussagen sind:

Die Kapitalbilanzen fast aller Sektoren in der Euro-Zone sind schneller gewachsen als die produktive Wirtschaft; am größten fällt der Zuwachs im Finanzsektor aus. Und: Immer mehr Finanzaktivitäten erledigen die Finanzinstitute wie Banken, Hedgefonds, Versicherungen untereinander, mit der Tendenz, sich von ihrer ursprünglichen Rolle zu entfernen, die Wirtschaft mit Geld zu versorgen.

Dabei drohen die Banken der Politik immer: „Je mehr ihr uns reguliert, desto weniger können wir die Wirtschaft mit Geld versorgen.“ Dabei tun sie das ganz offensichtlich jetzt schon, auch ohne große  Neu-Regulierung.

Ich habe den finanzpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Dr. Gerhard Schick, angerufen und ihn um seine Meinung gefragt.

Dani Parthum, 31. Januar 2012

Herr Schick, wie bewerten Sie diese Einschätzung der EZB? Ist das die versteckte Aufforderung an die Politik, endlich das zu tun, was sie 2008 bei Ausbruch der Finanzkrise zugesagt hatte?
Schick: Die Europäische Zentralbank stellt damit fest, dass es einen Reformbedarf im Finanzsektor gibt. Eine der zentralen Aufgaben der Regulierungsanstrengungen wird ja sein, die Banken wieder auf ihre Dienstleistungsfunktion für die reale Wirtschaft hin zu orientieren. Da hat es eine Fehlentwicklung gegeben. Dass die Europäische Zentralbank das jetzt thematisiert, hat meines Erachtens auch damit zu tun, dass sie selbst feststellt, dass die Geldpolitik nicht so funktioniert und es über die Geldpolitik schwierig ist, eine Stabilisierung der Wirtschaft im Euroraum hinzubekommen, weil der einfache Mechanismus, wenn die EZB die Zinsen und damit die Refinanzierung für Geschäftsbanken verbilligt, das dann auch Investitionen billiger werden. Aber das geht ja nur, wenn die Banken auch im Kern das Geld an die Unternehmen weiterreichen und es nicht im Finanzsektor verbleibt. Und genau da sieht die EZB zu Recht ein Problem.

Die EZB hat den Banken Ende 2011 erst rund 500 Mrd. Euro geliehen, im Februar sollen erneut Milliarden zum Niedrigzins von 1% an die Banken gegeben werden. Wie passt das zusammen? Massenweise Milliarden verleihen in dem Wissen, dass die Banken es sowieso größtenteils nicht an die produzierende Wirtschaft weitergeben?
Schick:
Das 3-Jahres-Kreditprogramm der EZB für die Banken ist in Wahrheit eine riesige Bankenrettung, die in Europa stattfindet. Das betrifft gerade Banken, die gerade Schwierigkeiten haben, nämlich griechische, italienische, spanische, teilweise französische Banken, portugiesische Banken, also da, wo auch die Staatsanleihen unter Druck sind. Dort kommen die Banken nicht mehr an genug Liquidität, auch nicht mehr an genug Einlagen. Während sich deutsche Banken noch gut über Einlagen finanzieren können. Das Schlimme daran ist, das diese große Bankenrettung, die stattfindet, völlig intransparent erfolgt. Es gibt keine klare Information, welche Bank wie viel davon profitiert und es gibt andererseits gegenüber der Bankenrettung, die man 2008 organisiert hat, keine Begrenzung der Gehälter, kein Verbot der Boni. Und es wird auch keine Kontrolle im Bankensektor ausgeübt. Das wäre aber genau notwendig.

An dieser Stelle stellt sich für mich immer wieder die Frage: Womit verdienen die Banken eigentlich ihr Geld?
Schick: Im Moment ist es so, dass die Banken, die dieses Programm nutzen, es eben auch zumindest teilweise dazu nutzen können, das sie mit dem von der EZB billig erhalten Geld höher verzinsliche Staatsanleihen kaufen und damit einen relativ risikolosen Gewinn ein­streichen können. Im Endeffekt wissen sie, dass die Staatsanleihen von Italien oder Spanien garantiert werden und zurückgezahlt werden müssen.

Sie stecken die Milliarden aber nicht nur in Staatsanleihen, sondern spekulieren auch damit, z.B. auf Rohstoffe.
Schick:
Deswegen habe ich formuliert „teilweise“. Überall dort, wo die Banken damit auch Risiko übernehmen ist die Frage, ist das produktiv oder nicht produktiv. Wenn es für Unternehmens­kreditvergabe genutzt wird, dann hat das einen Risiko, weil Kredit ausfallen kann und dann übernimmt die Bank eine Funktion. Das stabilisiert die Wirtschaft. Damit wird die Intervention der Zentralbank erfüllt. Wenn das zur Spekulation mit Rohstoffderivaten genutzt wird, ist das von der Wirkung negativ zu bewerten. Aber wo man sich es gut ausrechnen kann, was ein sicherer Ertrag ist, ist bei festverzinslichen Papieren wie Staatsanleihen. Und da wird sehr deutlich, dass die Maßnahmen, die die Zentralbank den Banken anbietet, wirklich eine massive Unterstützung und Subventionierung des Bankensektors in der Eurozone sind.

Im Monatsbericht steht auch drin, dass der Anteil der Kredite an Unternehmen deutlich gesunken ist. Auf 18 Prozent – das ist doch ein extrem kleiner Anteil, den die Banken in ihrer aktiven Arbeit für die deutsche Wirtschaft leisten?
Schick:
Man muss da mit den Zahlen genau drauf schauen. Die Innenfinanzierung können Unternehmen dann leisten, wenn sie über ausreichend Erträge verfügen. Und wenn man eine größere Investition machen muss, dann reicht das nicht aus und dann braucht man den Zugang zu den Banken. Das ist nicht nur rein Quantitativ sondern dieser Zugang ist wichtig, damit die Unternehmen Entwicklungsperpsektiven haben. Es ist aber auch richtig, das sich in den letzten Jahren auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise versucht haben, sich von den Banken unabhängiger zu machen, weil sie gemerkt haben, das im Krisenjahr 2009 ihre Unter­nehmen dadurch in Schwierigkeiten gerieten, weil die Banken nicht mehr bereit waren, das laufende Geschäft zu finanzieren und deswegen hat sich da auch etwas verändert. Trotzdem ist es so, das in Deutschland anders als in den USA Unternehmen relativ stark über Banken finanzieren und nicht ausschließlich über den Kapitalmarkt deshalb bleibt es wichtig zur Stützung auch der Konjunktur in Deutschland und anderen Euroländern, dass der Bankensektor gut funktioniert.

Gibt es eine „richtige“ Größe des Bankensektors, um der Volkswirtschaft dienlich zu sein statt sie auszubeuten?
Schick:
Das ist bei einzelnen Banken sehr unterschiedlich, wie hoch ihr Anteil an der Kreditvergabe an unternehmen oder öffentlichen Sektor ist, deswegen ist es schwierig eine Überschlags­rech­nung zu machen. Richtig ist aber auch, dass wenn sie sich einzelne Bilanzen angucken, der Anteil des Eigenhandels, der Anteil des Derivategeschäftes, so stark zu genommen hat, das wir schon sehen können, das einige Banken ihre Bilanzsumme deutliche reduzieren, ohne das das direkt eine negative Auswirkung auf die Kreditversorgung unserer Volkswirtschaft hat.

Bei unserer Regierung scheint der Wille, den Bankensektor gesund zu schrumpfen, aber nicht sehr ausgereift zu sein.
Schick:
Bisher gibt es in Regierungskoalition keine Bereitschaft systematisch an die Frage heranzugehen, wie können wir den Bankensektor neu aufstellen, man verweist immer auf die internationale Diskussion. Wir wissen aber aus anderen Ländern, das dort, wo es eine politische Bereitschaft gibt, auch gute Vorschläge gibt, den Bankensektor neu aufzustellen, in der Schweiz und in Großbritannien gab es jeweils Kommissionen aus Parlament und Regierung, wo man unabhängige Sachverständige damit beauftragt hat, Vorschläge zu erarbeiten, und da sind gute Vorschlag herausgekommen. Es ist sehr ärgerlich, das in Deutschland die Diskussion, wie können wir die Banken wieder kleiner aber auch mit einer besseren Funktion für die Volkswirtschaft werden lassen, dass diese Diskussion vermieden wird.

Warum wird sie vermieden?
Schick:
Die jetzige Bundesregierung und die Bundesbank verstehen sich häufig als Interessen­vertreter der Banken im Ausland im Standortwettbewerb, also in Konkurrenz zu den Banken in Großbritannien und Frankreich. Ich glaube, dass die Perspektive anders sein muss. Wir müssen die Interessen der Bürger vertreten, die wollen, das wir einen stabilen Banken­sektor haben, in den wir nicht wieder Milliarden zur Bankenrettung hineinpumpen muss und sie wollen das der Bankensektor wieder eine gute Dienstleistungsfunktion für die Unter­nehmen hat sodass Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen werden und die Finan­zierungs­grundlagen stimmen. Das ist jetzt ein zentralpolitische Aufgabe die Fehlentwick­lungen im Finanzsektor zu korrigieren und dafür müssen wir als Grüne insgesamt uns einsetzen, sonst tun wir unseren Job nicht richtig.


Foto: Webseite von Gerhard Schick

 

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Krank? Ach Quatsch!

Jedes Mal! Also, wirklich jedes Mal schätze ich meine Erkältung falsch ein. Die Nase beginnt zu laufen oder der Hals fängt an zu kratzen, und ich sage mir: „Ist morgen bestimmt wieder weg“. Dann gehe ich zur Arbeit und merke spät, aber ausführlich, wie sehr mir diese Erkältung schon meinen Kopf blockiert. – Äh, was wollte ich doch eben noch … ? – Ich melde mich für den nächsten Tag krank und meine Chefin fragt, ob sie auch für den übernächsten Tag Ersatz suchen soll. Meine Antwort: „Nee, Quatsch. So lange dauert das nie bei mir!“

Früher war das so. Wirklich? Wann war früher? Mit 10? Oder 30? Jetzt bin ich 50 und muss mich fragen, ob meine Erinnerungen nur Einbildung sind. Ich weiß zwar genau, dass ich mich ‚früher‘ nie länger als zwei Tage hintereinander krank melden musste. Aber ob das damals schon nur mithilfe von Radikal-Medikamenten funktionierte, daran erinnere ich mich nur nebulös. Überhaupt – radikal: eine Hausärztin empfahl mir vor vielen Jahren, bei den ersten Anzeichen einer Erkältung 3 mal 2 ASS plus Vitamin C pro Tag zu nehmen. Da ich einen Pferdemagen habe, funktioniert dieses Rezept auch heute noch ganz gut. Dafür aber kommen die Halsschmerzen dann nach ein paar Wochen zurück. Auch kein guter Handel …

Eines weiß ich genau: Fieber ist und bleibt für mich ein Alarmsignal. Erstens bin ich schon von den Genen her eher untertemperiert mit durchschnittlich 36,5 Grad Körpertemperatur, und zweitens fühle ich mich ab 38 Grad so koddrig, dass ich für meine berufliche Umgebung eher Last als Lust bin. Ach ja, und gesundheitsschädlich ist das Arbeiten mit Fieber ja auch.

Übrigens: Am Montagabend hatte bei mir das Frösteln begonnen. Am Dienstag bekam ich Fieber. Heute ist Freitag und ich habe noch immer Kopfschmerzen, Halsweh und – neuerdings – eine verstopfte Nase. Das Sprechen fällt mir schwer. Als ich gestern, Donnerstag, gefragt wurde, ob ich denn am kommenden Montag auch wirklich ein geplantes Seminar halten kann, sagte ich: „Klar! Das könnte ich wahrscheinlich schon morgen!“

Kirsten Kahler, März 2012

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Kampfansage an die US-Ratingagenturen

von Dani Parthum, 30. Januar 2012

Die Finanz- und Bankenkrise hat es bisher nicht geschafft, dass die Politiker Europas ernsthaft über das Geschäftsmodell der drei dominierenden Ratingagenturen diskutieren. Dabei sah das 2008 kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers genau danach aus. Seit aber Standard & Poors, Moody‘s und Fitch an der Finanzkraft der Euro-Länder zweifeln, ist Bewegung in die Politik gekommen – weil die Agenturen sie beim Retten behinderten, sagen sie. Finanzminister Schäuble, Kanzlerin Merkel und zuletzt Außenminister Guido Westerwelle fordern deshalb eine europäische Ratingagentur.         

Ratingagenturen geben ihr Urteil darüber ab, wie wahrscheinlich es ist, dass Anleger, die ihr Geld Staaten und Unternehmen anvertrauen oder in bestimmte Anlageprodukte investieren, dieses Geld auch wieder zurück erhalten. Keine unwesentliche Sache bei der Wahl des Investments! Was eine europäische Ratingagentur allerdings anders machen soll als die US-Agenturen — in diesem Fall bei der Bewertung hoch verschuldeter Euro-Länder — sagen Merkel und Co. nicht. Die Unternehmensberatung Roland Berger dagegen hat eine Idee und der Ansatz ist gut. Ob die Umsetzung es aber auch wird oder überhaupt werden kann?

Stiftung statt Privatkonzern

auf Infotour Markus Krall

auf Infotour Markus Krall

Markus Krall treibt die Idee schon länger um, von einer anderen Ratingagentur, die auf das Streben nach Gewinn verzichtet, sich in die Karten gucken lässt und für ihr Handeln gerade steht. Was nach einer Utopie klingt im aktuellen Ratingbusiness, könnte schon im März in die Tat umgestetzt werden. Der Senior-Partner bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger ist auf den letzten Roadshows durch Europa, um seine Idee vorzustellen. Herzstück dieser Idee von einer anderen Ratingagentur ist die Gesellschaftsform. Sie soll eine Stiftung sein.

Die Stiftungsidee

Vorteile einer Stiftung: Sie strebt nicht nach Gewinn und stetig steigendem Aktienkurs, sie zahlt auch keine Dividene. Eine Stiftung setzt sich andere Ziele, wie – im Fall einer Ratingagentur – die beste Ratingqualität im Markt zu erreichen oder die neuesten, wissenschaftlichen Methoden anzuwenden. Eine Stiftung arbeitet im besten Fall unabhängig von Geldinteressen und zum Wohle der Allgemeinheit. Beispiele für Stiftungen sind z.B. die ZEIT-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung, Bosch-Stiftung.

In der Gesellschaftsform einer Stiftung würde eine Ratingagentur einen wesentlichen Interessenkonflikt der Branche ausschalten: den Einfluss mächtiger Eigentümer, wie das bei den seit Jahrzehnten marktführenden Ratingagenturen Standard & Poors, Moody‘s und Fitch der Fall ist. Sie bzw. ihre Muttergesellschaften sind an den Börsen notiert. Standard&Poors und Moodys zum Beispiel gehören mächtigen US-Finanzkonzernen wie der Capital Group, Blackrock und – über die Vermögensgesellschaft Berkshire Hathaway – Großinvestor Warren Buffet. Diese Eigentümer streben nach hohen Erträgen und nicht nach unabhängigen, hochwertigen Ratings, die möglichst objektiv sind und der Wirklichkeit standhalten. Das hat die Finanzkrise eindrucksvoll bewiesen (siehe Artikel zu den Interessenkonflikten der Branche).

300 Millionen Euro für die Provokateurin

Für das Projekt einer europäischen Ratingagentur mit Sitz in Frankfurt ist Berater Markus Krall seit Mitte 2011 auf der Suche nach 30 Geldgebern, die jeder 10 Millionen Euro als Kredit zum Stiftungskapital geben – nicht mehr, nicht weniger. Er spricht in Europa Großbanken an, Versicherungskonzerne, Börsen und andere Konzerne. Das Stiftungskapital will die Agentur später durch den Verkauf ihrer Ratings plus Zinsen zurückzahlen – und aus eigenen Mitteln wieder auffüllen.

Die Stifter

Wer der Stiftung letztlich das Kapital gibt, wird Krall voraussichtlich Ende März der Öffentlichkeit erklären. Dann soll die Ratingstiftung offiziell gegründet werden; geplant ist, etwa 300 Mitarbeiter einzustellen. Sympathisanten der Stiftungsidee hoffen auf ein rein europäisches Gründerkonsortium, ohne US-amerikanische und britische Großkonzerne. Denn dann sei zu befürchten, dass der von Boni und Aktienkursen getriebene angelsächsische Unternehmergeist die Stiftungsidee untergräbt.

Kompromisslos transparent

Anders als die „Big Three“ soll die neue Ratingstiftung alles, was sie tut, im Internet veröffentlichen, damit jeder nachvollziehen kann, wie die Ratingagentur zu ihrem Urteil über die Zahlungsfähigkeit eines Landes oder eines Unternehmens gekommen ist. Dazu soll die Stiftung z.B. angeben, welche Daten sie sammelt und wie diese im Rating gewichtet werden, welche Rechenmodelle Anwendung finden und welche Analysten an dem Rating arbeiten inklusive ihres beruflichen Werdegangs. Jeder einzelne Prozessschritt soll nachvollziehbar sein, so der hehre Anspruch von Markus Krall, damit Investoren wirklich wissen, woran sie sind, wenn sie auf ein Rating zurückgreifen.

volle Transparenz

Die marktbeherrschenden Ratingagenturen legen dagegen nur rudimentär offen, wie ihre Ratings entstehen. Das bleibt genauso Geschäftsgeheimnis wie die Vita ihrer Analysten, die oft von Banken, Unternehmen und Regierungsbehörden kommen und nach etwa 6 bis 8 Jahren entweder zur Konkurrenz gehen oder zurück zu einer Bank, einem Hedgefonds, einer internationalen Organisation. Auch dadurch sind Willkür und Gefälligkeiten Tür und Tor geöffnet.

Zurück auf Anfang

Und noch einen Bruch mit dem herrschenden Ratingsystem treibt die Beratungsgesellschaft Roland Berger voran: die Beziehung der Ratingagentur zu ihren Auftraggebern. Zurzeit bezahlen diejenigen die Ratingagenturen, die Geld brauchen, wie klamme Staaten, expandierende Unternehmen und umtriebige Banken, die ihre Anlageprodukte losschlagen wollen. Das ist in etwa so, als würden im Fußball die Mannschaften den Schiedsrichter bezahlen. Diesen Interessenkonflikt will Krall ausmerzen.

Die Stiftung wird ihre Ratings deshalb denjenigen verkaufen, die Geld anlegen wollen und dazu eine weitere Meinung einholen möchten. Das war auch die Gründungsidee der heute marktdominierenden Ratingagenturen vor mehr als hundert Jahren, die sie allerdings MItte des 20. Jahhunderts geändert haben. Zufriedene Investoren ist das Ziel der Stiftung. Wie dieses Verkaufs- und Preismodell in der Praxis genau aussehen soll, verrät Berater Markus Krall noch nicht im Detail. Vermutlich arbeitet er noch daran.

Haften für fahrlässig gegebene Urteile

Und auch das viel diskutierte Thema Haftung spart Krall nicht aus. Für grobe Fahrlässigkeit beim Entstehen eines Ratings solle die Stiftungsagentur finanziell gerade stehen.

Die Haftungsfrage

Bisher ist keine der etablierten Ratingagenturen jemals für ein Fehlurteil zur Verantwortung gezogen worden, nicht für ihre Fehlbewertungen, mit der die aktuelle Banken- und Finanzkrise erst möglich wurden, nicht für die Fehlbewertungen des größten US-Energiekonzerns Enron und der US-Investmentbank Lehman Brothers, die beide mit Topratings pleite gingen — mit verheerenden Folgen.

Der Roland-Berger Berater Krall jedenfalls plant revolutionäres. Die Ratingagentur als Stiftung markiert dafür den Anfang. Am Ende des Umbruchs sollen Investoren, die ihr Geld anlegen möchten, über eine Internet-Platform von der Agentur ihrer Wahl eine Bewertung einkaufen können. Ob die Hauptnutzer von Ratings — Banken, Versicherungen, Fonds, Notenbanken und Hedgefonds — aber schon bereit sind für einen Systemumbruch? Die Banken jedenfalls haben durch die Gefälligkeitsnoten der großen drei Ratingagenturen für ihre „Finanzinnovationen“ vor Ausbruch der  Bankenkrise 2007  Milliarden verdient.

 

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Die Sache mit dem Schuh.

Meine Freundin Kathrin mag keinen Sport. Möchte Kathrin abnehmen – und das möchte sie oft – zählt sie Punkte nach der Methode der US Gewichtsbeobachter. Sie kennen das sicher. Meine Freundin hat oft Migräne und im Augenblick auch „zwei taube Finger“. Doch die tauben Finger sind jetzt weg. Wie das?!

Kathrin feierte vorgestern ihren 46. Geburtstag. Im kleinen Rahmen – mit Ehemann und ein paar Freunden. Das Programm: unserem Alter angemessen, Essen beim Italiener, dann „vielleicht in den Jazzclub“. In den hatten wir es seit unserem Umzug ins Viertel, und der liegt lange zurück, noch nie geschafft. An Kathrins Geburtstag schafften wir es auch nicht.

Die meisten von uns fielen nach dem Espresso in ihre Betten, nur Kathrin nicht – die tanzte mit Martin durch die Nacht. Nicht im Jazzclub, sondern im Wohnzimmer. Zu Joe Cocker und Supertramp. Immer noch glühend erzählte sie mir tags darauf vom „die Sau rausgelassen“. Und das Schönste, so Kathrin, sowohl Kopfweh als auch Taubheitsgefühle seien wie weggefegt. Ein schönes Geschenk: Die Wunderwirkung körperlicher Ausdauer-Betätigung auf das allgemeine Wohlbefinden zu entdecken!

Ich selbst kann gut reden. Noch in der Schülerrunde des 1. SC Gröbenzell lief ich die Achthundertmeter beim Wettkampf lieber in 10 Minuten als wie meine Wettstreiterinnen giftgrün ins Ziel zu stolpern. Aerobic, Step, Basketball, Bauch, Beine, Po, Pilates, Nia, Spinning – jahrelang kein Problem für mich – doch Langlauf, Joggen? Ging gar nicht! Bis vor zwei Jahren.

Der neue Vollzeitjob verwandelte meine Mitgliedschaft im Fitnessclub mangels Anwesenheit in ein überteuertes Wertpapier. Abgesehen davon, nach neun Stunden Großraumbüro zwei Stunden Großraumstudio? Letzte Konsequenz: raus bei jedem Wetter. Was dort tun? Na, wohl doch joggen. Die ersten Wochen schleppte ich mich elefantengleich mit schweren Gliedern durch den Park. Nach ein paar Monaten waren immerhin drei Kilometer drin. Schlappe 24 Monate später umrunde ich – mit rotem Kopf und immer noch nicht elfengleich – die Hamburger Alster.

Aber das Ergebnis ist genial: durchpustete Herzklappen, Sauerstoff in jeder Körperzelle, ein freies Gehirn und ein stark reduziertes Aggressionspotenzial. Punkte zähle ich übrigens auch nicht. Zum nächsten Geburtstag bekommt Kathrin ein paar Laufschuhe.

von Sandra Coy, 24. Januar 2012

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Viel Ehre, wenig Lohn.

Ein Doktortitel klingt gut, finden viele. Sogar ein KT zu Guttenberg findet das. Doch der Titel klingt besser, als er ist. Angestellte Doktoren an Universitäten wissen, das ein Doktortitel vor allem eines ist: eine schlecht bezahlte Durchgangsstation.

von Dr. phil. Susanna Stempfle Albrecht

Ich arbeite als das, was man heute eine „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ (LfbA) nennt. So steht es im Arbeitsvertrag. Im täglichen Universitätsbetrieb werden wir dagegen schlicht Lektoren genannt. Wir unterscheiden uns von den Lehrbeauftragten, Dozenten und Professoren dadurch, dass wir außer Literatur auch Sprachen und Landeskunde unterrichten – und das auch noch in der Originalsprache. Wir arbeiten sozusagen an der Basis, indem wir erstmal die Fremdsprache lehren, auf deren Grundlage die Studenten ihr weiteres Studium aufbauen.

Honorarkraft und doch Lektorin, Dozentin und ein bißchen auch Professorin  
Meine Tätigkeiten gehen dabei über die üblichen Lektorentätigkeiten hinaus. Als Dr. phil. mit Unterrichtserfahrung in der Skandinavistik (skandinavische Sprachen und Literatur) kann ich auch Hauptseminare auf Bachelor- und Masterniveau geben. Darüber bin ich sehr glücklich, denn es entspricht meinen Kompetenzen und ich kann meine Vielseitigkeit unter Beweis stellen. Die Bezahlung bleibt jedoch die gleiche, obwohl ich teilweise auf gleicher Ebene unterrichte wie ein Professor oder eine Professorin. Ich bin also Lektorin und Dozentin in einem – zwei Berufsbezeichnungen, die sich gemäß der Unistruktur ausschließen und tariflich überhaupt nicht erfasst sind. Zusätzlich bin ich auch Lehrbeauftragte an den Universitäten Münster und Hamburg, aber in Hamburg werden nun leider die Pforten der Skandinavistik geschlossen.

Es gibt eine Vielzahl akademischen Personals: wissenschaftliche Hilfskraft, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor, Lehrbeauftragter, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Post-Doc, Juniorprofessor, Professor und

Privatdozent. Titulierungen, die bei weitem nicht die Realität der täglichen Aufgabenfelder abbilden und noch weniger die Arbeitszeiten und das Gehalt.

Ich beispielsweise habe eine Stelle inne, die es eigentlich gar nicht gibt. Dies teilte mir das Personaldezernat mit, als ich mich selbst darum kümmern musste, dass mein Vertrag verlängert wird. Denn das muss man (wenn man Pech hat) alle halbe bis (wenn man Glück hat) alle zwei Jahre tun, wenn man eine „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ ist. Irgendeine Absprache, die niemand kennt oder die niemand mir verraten will, führte letztlich dazu, dass ich seit sieben Jahren stellvertretend eine Stelle ausfülle, die es nicht gibt.

Keine Aussicht auf unbefristete Stelle
Da frage ich mich doch: Wie kann es sein, dass eine, die im Vergleich zu allen anderen Kollegen, die größte Anzahl von StudentInnen betreut, unterrichtet und benotet, keine vernünftige, unbefristete Anstellung bekommt? Ohne meinen Sprachenunterricht, ohne meine Literatur- und Landeskundeübungen würde es die weiterführenden Haupt- und Masterseminare, ja den gesamten Studiengang, so gar nicht geben. Hinzu kommt, dass die Nachfrage der Studenten seit Jahren sehr groß ist und immer weiter zunimmt. Wie oft fragen die Studenten und Studentinnen mich, warum es so wenig Unterricht bei mir gibt. Ich muss viele wieder nach Hause schicken, denn 80 Studenten passen nicht in einen Raum. Und so einen zusammengepferchten Haufen kann ich auch nicht artgerecht unterrichten. Das empfinde ich als sehr schade.

Ich frage mich auch – und mit mir viele KollegInnen und StudentInnen — warum diese Misstände nirgends gehört werden, und wenn, warum nichts passiert?

Dabei war das ein selbsternanntes Ziel bei der Einführung der so gepriesenen Studiengebühren: „Verbesserung der Lehre“. Im Zuge des Bologna-Prozesses wird das auch immer dringlicher, bei all den ehrgeizigen Aufstockungen von Modulen und Lehrplänen. Aber das Gegenteil passiert, und zwar auf allen Ebenen.

Weniger Professoren, mehr Studenten, mehr Kurzzeitkräfte
Jahr für Jahr werden nicht nur eine Vielzahl von Professuren gestrichen, sondern es werden auch immer mehr Kurzzeitarbeitskräfte in den Lehrdienst gestellt, die den Löwenanteil von bis zu 18 Semesterwochenstunden bestreiten. Und ich spreche hier noch nicht von den anderen fehlenden Geldern für Arbeitsmaterial, Bücher, Exkursionen und dergleichen.

Der Stundenlohn eines Lehrbeauftragten – einer freien Honorarkraft – richtet sich kurioserweise nach dem Portefeuille der Bundesländer. Das heißt: In Kiel erhält man 20 Euro pro 45 Minuten, während man in Hamburg das Doppelte (!) verdient, nämlich 40 Euro pro 45 Minuten. Viel zu wenig. Die Vorbereitungen für Seminare, inklusive Korrekturen von Arbeiten und das Abnehmen von Prüfungen, werden zudem gar nicht bezahlt. Und damit auch nicht die Verantwortung, die ich dabei trage. Vergleiche ich die Gehaltssituation der Lehrer mit meiner, schwindelt es mir.

Kläglicher Lohn trotz hoher Verantwortung und Doktortitel
An der Universität verdienen viele weniger als an der Schule und sind auch nicht verbeamtet. Ich warte noch auf den Menschen, der mir das plausibel begründen kann. Wer seine mehrjährige Doktorarbeit geschrieben und alle Prüfungen bestanden hat, gewinnt also keinen Blumentopf. Höchstens einen alten Hut.

Der Doktortitel garantiert weder ein höheres Gehalt noch eine Festanstellung, sondern ist lediglich eine arbeitsintensive, schlecht bezahlte Durchgangsstation nach ganz oben: die Professur. Sollen wir denn aber alle Professoren werden, damit wir beruflich endlich fester im Sattel sitzen? Wie soll das gehen? Mit immer weniger festen Stellen und immer mehr Lehrbeauftragten und kurzfristig angestellten Lehrkräften wird die Lehre jedenfalls nicht besser. Das versteht sich von selbst.

Hamburg, 19. Januar 2012

Susanna hat auch eine eigene Seite. Siehe hier: www.scalborg.de 

 

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Frauen ernähren immer häufiger die Familie.

Und nicht nur das. Nach der Arbeit warten die Kinder  und Hausharbeit auf die berufstätigen Frauen!

Den Beruf mit der Familie zu vereinbaren, ist für die meisten Frauen ein ständiger Kampf. Im Osten Deutschland tragen ihn allerdings mehr Frauen als in den westdeutschen Bundesländern aus. In Ostdeutschland steigt die Zahl der Frauen, die ihre Familien allein oder gemeinsam mit ihrem Parnter ernähren. Dabei sorgen sie in der Regel auch weiterhin für Haushalt und Kinder – eine enorme Doppelbelastung.

 

Ablösung Hauptverdiener

Ablösung Hauptverdiener

Zu dieser Einschätzung kommen drei Forscherinnen in der aktuellen Ausgabe der Böckler Impulse. Die Forscherin Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut WSI hat zusammen mit Katrin Menke und Svenja Pfahl vom Berliner Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer die Lebenssituation ostdeutscher Familienernährerinnen untersucht. Sie werteten dafür Daten des Sozio-oekonomischen Panels aus und führten zusätzlich Intensiv-Interviews mit etwa 40 Frauen.

Eine 38-jährige erzählte zum Beispiel:
»Meine Wochenenden sehen dann so aus, dass ich dann am Sonnabend einkaufe, sauber mache, putze, mache, tue, alles, was jetzt hier nur so an die Seite fliegt, auf dem Schreibtisch. In der Küche ist so ein Stapel Papierkram, was ich mal eigentlich bearbeiten müsste. […] Ja, und Sonntag komme ich dann nachmittags zur Ruhe, indem ich dann einfach nur noch todmüde umfalle. Und das war’s.«
(Frau Baum, 39 Jahre alt, 9jähriger Sohn, Personaldisponentin in einer Pflegestation)

„Dass immer mehr Frauen die Familie ernähren, ist Ergebnis zweier sich simultan vollziehender Wandlungsprozesse“, fassen die Wissenschaftlerinnen ihr Ergebnis zusammen.
Zum einen sind Frauen immer besser in den Arbeitsmarkt integriert. Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, schreiben die ForscherInnen, dass sie ihrem Partner hinsichtlich ihrer beruflichen Position und damit auch ihres Einkommens überlegen sind. Auch Vollzeitarbeit ist im Osten unter Frauen weiter verbreitet. Deshalb liegt der Frauenanteil in Führungspositionen auch höher als im Westen.
Auf der anderen Seite spiele aber der Bedeutungsverlust des männlichen Ernähers eine bedeutendere Rolle. Viele Männer können die Familie nicht oder nicht mehr ernähren, weil sie arbeitslos oder erwerbsunfähig sind. Deren Partnerinnen seien häufig selbst nicht hoch qualifiziert, arbeiten in einem frauentypischen, niedrig entlohnten Beruf, womöglich in Teilzeit – und müssen dennoch den Löwenanteil des Familieneinkommens erwirtschaften.

Andere Männer finden lediglich eine Teilzeitstelle oder verdienen im Rahmen ihrer Selbstständigkeit wenig. Auch ihre Partnerinnen rutschen dann schnell in die Rolle der Familienernährerin.

Beide Prozesse sind im Osten ausgeprägter als im Westen, so die Wissenschaftlerinnen. Das erkläre die stärkere Verbreitung von Familienernährerinnen-Haushalten in Ostdeutschland: Inklusive der Alleinerziehenden wird hier fast jeder vierte Mehrpersonenhaushalt von einer Frau ernährt.

Familienernährerinnen stellen „unter den gegenwärtigen Bedingungen die am meisten belastete Gruppe in der Gesellschaft dar“, stellen die Autorinnen deshalb fest.

Die ganze Studie finde Sie unter diesem Link.

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Eine wahre Geschichte.

oder:
Bahnfahren ist doch immer für eine Überraschung gut!

Es war der Neujahrsmorgen. Wir wollten im IC von Köln nach Hamburg – Abfahrt 9.10 Uhr. Da mein Lebensgefährte und ich noch eine halbe Stunde Zeit hatten, tranken wir in der DB-Lounge noch schnell einen Latte Macchiato. Wir erlebten: freundliches Personal, service-trainiert, zuvorkommend und bemüht, uns auch wirklich alles Recht zu machen. Die Räumlichkeiten: schlicht-elegant und durchdacht. Links die erste Klasse mit Bedienung, rechts die zweite Klasse mit Selfservice. Einverstanden!

Dann kam der Zug. Wir enterten mit unseren zwei Trolleys und zwei Taschen den Speisewagen für ein erstes Frühstück. Menschenleer. Wir zogen unser Gepäck zwischen den Tischen hindurch. Dicht hinter mir drängelten eine Frau und ein Mann – offenbar sehr in Eile. Etwa in Höhe der Bordküche wollte ich die beiden vorbei lassen, zog meinen Trolley zur Seite, aber hinter mir hörte ich tadelnd: „Also, hier können Sie den nicht stehen lassen! Da müssen wir ja auch durch!“

Ich fuhr herum und knurrte: „Ich wollte Sie nur vorbei lassen!“ und nahm die Frau dabei fest ins Visier. Und erkannte: die Speisewagen-Besatzung! Ja, adieu, guter Lounge-Service …

Warum auch immer nahmen wir einen Tisch nah der Pantry. Während wir darauf warteten, bedient zu werden, ließ der DB-Kellner fröhlich pfeifend einen Meter neben uns die Mineralwasser-Paletten auf den Boden knallen. Als uns die Kellnerin schließlich unser 10-Euro-Frühstück brachte und mich wiedererkannte, mochte sie mir nicht in die Augen sehen. Auch in diesem Moment war sie kein Profi.

Sie ließ uns allein. Wir schmierten unser erstes Brötchen und wurden belohnt mit echtem DB-Kantinen-Feeling: die beiden, die ja nun in diesem menschenleeren Speisewagen auf Kundschaft warten mussten, ließen sich am Nachbartisch nieder, packten ihre Stullen aus und das Privatgespräch nahm seinen Gang: kein toller Tag heute – auch noch früh aufstehen an Neujahr – Kollege Meier sieht so komisch mit dem neuen Bart aus – und die Neue erst – was hast du auf deiner Stulle drauf … unsere Ohren wurden länger und länger. Gekrönt wurde die Szenerie durch den Schaffner, der das Duo im Vorbeigehen kollegial-freundlich darauf hinwies, dass am anderen Ende des Speisewagens mehrere Gäste gern bestellen möchten. „Na gut“, sagte der Kellner, „wenn’s denn sein muss.“

Wir zahlten und gingen.

von Kirsten Kahler, 9.Januar 2012


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Ausgewählte Lese-Tipps im Januar/Februar

Diese Fundstücke im Netz finden wir lesenswert.

14.02.2012 | Erschreckende Studie: Tausende Missbrauchsfälle in Behindertenheimen
Der SWR berichtet in seinem Politikmagazin REPORT MAINZ, dass Tausende behinderte Frauen in deutschen Einrichtungen und Heimen sexuell missbraucht worden sein sollen. Das Magazin beruft sich auf die  Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“ im Auftrag des Bundesfamilienministerium. Sie soll im April veröffentlicht werden.   Hier der ganze Artikel.

 

07.02.2012 | Keine faulen Ausreden: Finanztransaktionsteuer jetzt!
Das fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund und räumt auf mit Fehlinformationen … Hier können Sie weiterlesen.

 

07.01.2012 | Rüstungsindustrie:  Schöne Waffen für Athen
Fregatten, Panzer und U-Boote: An Griechenlands Militär geht jedes Sparpaket vorbei. Und Deutschland profitiert davon. Waffen gehen also immer, berichtet DIE ZEIT.

 

 

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Übersetzungshilfe für Bankerblala.

Der Schweizer Autor und Publizist Renè Zeyer hat sich mal wieder an den Computer gesetzt und mit „Cash oder Crash“ ein unterhaltsames, kleines Nachschlagewerk zustande gebracht. Worum es darin geht? Um sein Lieblingsthema: die Finanzindustrie und ihr Gebahren.

von Dani Parthum,  7.Dezember 2011

Bares oder Wahres!

Bares oder Wahres!

Zeyer will die Banker, wie schon in seinem vorherigen Buch „Bank, Banker Bankrott“ entlarven, als das, was sie seiner Meinung nach sind: die größten Abzocker unserer Tage. Deshalb der Untertitel des Buches: Abzocker durchschauen. Eine Gebrauchsanweisung.

Um die Banker vorzuführen, nimmt er sich ihre Sprache vor. Zeyer beschreibt sie als „aufgeschäumtes Wortblasengewäsch“, das „von so genannten Finanzexperten herausgeblasen wird“. Dazu kommt: 95 Prozent aller Geschäfte, die von Banken betrieben werden, seien so überflüssig wie ein Kropf. Überflüssig für Wirtschaft und Gesellschaft! Denn hinter den meisten Finanzbegriffen stehen oft keine Geschäfte, die die Wirtschaft absichern und sie mit Geld versorgen, sondern Geschäfte, von denen vor allem Bankvorstände profitieren, einige Mitarbeiter und die Aktionäre. Beispiel Derivate: Einst als sinnvolles Termingeschäft entwickelt, mit denen zum Beispiel Bauern eine schlechte Ernte abfedern können, führen sie heute als Zins-, Kredit- und Aktienderivate ein irres Eigenleben, ohne realen Bezug zur Wirtschaft. Allen sei dabei eines gemeinsam, schreibt Zeyer in seinem Wörterbuch: Was einer an ihnen verdient, verliert ein anderer. Und wer gewinnt dabei immer? Die Banken.

Und so dekliniert der Publizist den Bankerjargon durch und erklärt, was hinter Begriffen wie Analyst, Bilanz, Leerverkäufe, Rating-Agenturen, Stresstest und Zins steckt. Auch Josef Ackermann, Vorstandchef der Deutschen Bank, bekommt sein Fett weg, genauso wie der Ex-Chef der Schweizer Großbanken Credit Suisse und UBS, der beide kurz vor Bekanntwerden von Milliardenverlusten verließ.

Renè Zeyer weiß, wovon er schreibt. Er kennt die Branche, war selber jahrzehntelang mittendrin. Er hat für Printmedien wie „stern“, „Geo“ und die „FAZ“ über sie berichtet und später Großbanken in Kommunikationsfragen beraten. Mit Kenntnisreichtum und Humor führt er sie mal wieder vor und bezieht dabei klar Stellung. Manchmal übertreibt Zeyer es allerdings mit seiner Lust an der Pointe. Dann rutscht er in Polemik ab, statt zu analysieren. Unterhaltsam finde ich das dennoch jederzeit – und lehrreich dazu.

Ein handliches Buch für Bus und Bahn und zwischendurch, wenn eine Zeitung mal wieder einen Analysten zitiert, der Banken-Stresstest ansteht oder im politischen Betrieb von Hebel die Rede ist.

Mein Tipp für alle, die sich für Wirtschaft interessieren und Zusammenhänge besser verstehen wollen – und einen Sinn für Absurdes im Alltäglichen haben!

Renè Zeyer: „Cash oder Crash. Abzocker durchschauen.“ orell füssli Verlag

Das Interview zum Buch mit dem Autor: Gebt dem Geld wieder einen Wert!

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Gebt dem Geld wieder einen Wert!

Der Autor und Publizist Renè Zeyer hat ein neues Buch geschrieben. In „Cash oder Crash“ nimmt er sich die Sprache der Finanzwirtschaft vor und ihre Argumente. Was beispielsweise ist ein Stresstest, das Gute an einem Staatsbankrott oder was ist von Analysten wie Ratingagenturen zu halten? Darauf gibt Zeyer Antworten, pointiert, zuweilen polemisch, aber immer Kenntnis- und lehrreich. SAKIDA hat sich mit ihm über sein Buch und die Krisen Europas unterhalten.
Rezension: Übersetzungshilfe für Bankerblala.

von Dani Parthum, Dezember 2011

Bankenkritiker Zeyer

Bankenkritiker Zeyer

Warum dieses Wörterbuch, Herr Zeyer? Ist ja eigentlich eine einfache Idee.
Es war ein verzweifelter Versuch, eine Fortsetzung meiner bisherigen Bücher zu schreiben. Die Zeiten werden härter, die Probleme größer. Ich begebe mich aus dem Schutz der Fiktion heraus und in die bittere Realität hinein und die kann nur in einer realen Abhandlung von realen Absurdbegriffen bestehen.

Welches Kapitel, welchen Begriff mögen Sie am meisten?
Diese Kapitel, wo ich eine Art Übersetzungshilfe zum „Anlageberater“ zu liefern versuche. Also, dass der Kunde, der dem Bankberater gegenüber sitzt, sich mal bewusst wird, was ihm da vorgeschwafelt wird, und was der Bankberater tatsächlich in sich selber denkt. Lieber Bankkunde, man muss es dir tausendmal sagen, sei Dir bewusst: Du sitzt einem völlig inkompetenten Verkäufer gegenüber, der nur an seinen Bonus, sein eigenes Gehalt denkt. Wenn sich das herumsprechen würde, wäre schon viel geholfen!

Ihr Vorschlag, wie die Finanz- und Bankenkrise beendet werden könnte? Sagen wir – ein Vorschlag?
Aus diesem ganzen Spielchen könnte man ganz einfach den Stecker raus ziehen mit der banalsten Methode aller Zeiten: In dem man Geld, den wichtigsten Rohstoff der kapitalistischen Welt, endlich mal wieder mit einem Wert versieht. Heute kann ich mich ja als Bank umsonst mit Geld versorgen. Ich gehe zur Zentralbank und da kriege ich die Millionen hinter her geschmissen. Dann gehe ich ins Spielkasino und zocke. Ich plädiere dafür, dass ein Gläubiger für sein Risiko, dass er jemanden Geld leiht, endlich wieder eine anständige Rendite bekommt. Wenn ich in deutsche Staatspapiere investiere, verliere ich durch die Inflation noch Geld. Das ist ein absurder Zustand. Und diesen absurden Zustand könnte man einfach reparieren, in dem man wieder Leitzinsen zwischen 5 und 10 Prozent einführen würde.

Seit 2007 dreht sich die Spirale aus Banken-, Finanz-, Staatsschulden- und Demokratiekrise immer schneller. Ziemlich deprimierend. Woher nehmen Sie ihren Humor?
Man darf ja alles verlieren, nur nicht seinen Humor! Das ist wirklich ein Bestandteil dieses Buches. Mir hilft wohl, das der Diagnostiker, als der ich mich eher empfinde, es leichter hat als der Therapeut, weil der Therapeut verzweifelt am Patienten und an der Realität und der Diagnostiker stellt den finalen Krebs fest und macht sich dann vom Acker. Auf der anderen Seite ist es so, dass das Erschreckende in diesem ganzen Finanzzirkus ist, dass da eine geradezu ans Mittelalter erinnernde Überkomplexität heraufbeschworen wird. Da wirken Kräfte, Tsunamis, Erdbeben, unvorhersehbare Entwicklungen. Das soll beim normalen Menschen den Eindruck auslösen, das alles ungefähr so kompliziert ist wie Quantenphysik, und da könne nur der Fachmann mitreden. Das ist Unsinn. Volkswirtschaftliche Grundlagen kann man in zwei Minuten jedem Schimpansen erklären!

 

Der Schweizer Autor und Publizist Renè Zeyer hat viele Jahre als Korrespondent für diverse deutsche Zeitungen und Magazine gearbeitet. Einen tiefen Einblick in das Denken von Bankern hat er durch seine Arbeit für die Branche erhalten; er hat viele Jahre Banken in Kommunikationsfragen beraten. 


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Frischzeug.

Es ging mir nicht gut.

Mein Kopf schmerzte seit Tagen. Der Magen hing flau im Körper und doch mußte ich den Einkauf für das Wochenende erledigen. Also schleppte ich mich mit dem Einkaufszettel in der Tasche auf dem Fahrrad Richtung Biomarkt. Dort schlurfte ich wie eine alte Frau an den Marktständen vorbei. Der Duft von frischem Brot stieg mir in die Nase, Obst und Gemüse lagen dicht gestapelt beieinander, der Käsemann lächelte, der junge Fleischer verschenkte ein Würstchen an einen Steppke, die Töpferin hielt ein Schwätzchen und die Nudelfrau zeigte auf ihren gut bestückten Probiertisch. Was für ein Angebot!

Gleich ging es mir ein bißchen besser.

Ich drehte meine Runde: kaufte Kartoffeln, Lauch, Gurke, Äpfel und Birnen, ein wenig Aufschnitt und Käse, zwei halbe Brote. Am liebsten hätte ich gleich in die Gurke gebissen! Allein dieser Gedanke hob die Stimmung in meinem flauen Magen.

Also doch noch einen Abstecher zu meinem Lieblingsitaliener. Der zaubert immer ein Herz auf den Cappucino, wenn er die geschäumte Milch in den Kaffee gießt. Ich setzte mich nach draußen unter einen sich verdünsternden Himmel – Decke über den Knien – und genoss den Cappuccino mit Herz.

Auf dem Weg nach Hause stellte ich fest: Meinem Magen ging es besser, meine Kopfschmerzen hatten eine Pause eingelegt und meine Stimmung war froh.

Was kleine Dinge doch bewegen können.

 

von Dani Parthum, 5.Dezember 2011

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Besoffen von Fallobst

In meiner Kindheit trällerte meine Mutter in der Küche manchmal einen Schlager von Peter Alexander. Darin hieß es: „ … die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere. Doch weil wir beide klein sind, erreichen wir sie nie!“Nun, heute weiß ich: meistens hängen die Süßen gar nicht weit oben, sondern liegen ganz unten. Auf dem Rasen. Fallobst. Falläpfel in meinem Fall.

Dieses Jahr besonders viele, weil wir im Frühjahr die Obstbäume nicht beschnitten hatten. Allerdings hat beinahe jede Frucht einen Bohrtunnel, den der Apfelwickler hineingefressen hat. Trotzdem ließen die Raupen am Apfel eine Menge dran, denn netterweise ziehen die Tierchen – wenn sie erst einmal Schmetterling sind – irgendwann weiter. Eine umzugsfreundliche Gattung! Und so sammelten wir bis Ende September jedes Wochenende gut und gern zwei Kisten passables Fallobst ein. Umtorkelt von besoffenen Wespen. Denn wenn die reifen Äpfel in der Sonne gären, dann möchte doch jede gestandene Wespe mal den Rüssel in das apfel-interne Maischefass tauchen. Und da Trunkenbolde ja bekanntlich zum Randalieren neigen, weiß man nie, wann Säufer-Wespen stechen. Also haben wir uns das Barfußlaufen beim Sammeln schon abgewöhnt.

Inzwischen sind auch die Äpfel an den Zweigen reif und Peter Alexander hat wieder Recht. Ohne Leiter geht da gar nichts.Und was machen wir mit den Früchtchen? Die Unversehrten lagern in Holzkisten in der dunkelsten Ecke des Gartenhauses. Sofern man regelmäßig nach ihnen schaut und die Fauligen aussortiert, halten sie bis in den Winter.

Das angebohrte Obst aber fault schnell. Ich mache es entweder zu Apfelkuchen oder Apfelmus. Das Mus koche ich mit etwas Wasser, ohne Zucker, gern mit Rosinen und Vanillemark und Zimt. Wer noch andere Trockenfrüchte, Calvados oder Orangenlikör dazugeben möchte – bitte schön! Und die Konservierung? Da mir bis heute das Händchen zum Einwecken fehlt, friere ich das Mus ein. Es funktioniert bestens.

von Kirsten Kahler


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Frau Müller, wann platzt ihnen der Lack ab?

Starke Frauen – an dieser Stelle stellt Sakida Frauen vor, die in ihrem Leben auch in schwierigen Zeiten ihre Frau stehen! Heute ist es Nina Müller. Sie ist 35 Jahre alt und Geschäftsführerin einer Hamburger Autolackiererei. Nach Abschluss ihrer Meisterprüfung zur KFZ-Lackiererin begann sie, in der Firma ihres Vaters mitzuarbeiten. Nach dessen Tod hat sie die GmbH vor 3 Jahren übernommen.

von Kirsten Kahler, 07. November 2011

Beherzt und großzügig: Handwerksmeisterin Nina Müller

Beherzt und großzügig: Handwerksmeisterin Nina Müller

Frau Müller, Sie wurden 2008 von heute auf morgen die Chefin von 10 Mitarbeitern. Auch wenn Sie da schon als Meisterin 8 Jahre in der Firma mitgearbeitet haben – war das schwierig?

Man hat natürlich keinen mehr, der sagt: das kriegen wir schon hin. Oder den ich mal fragen kann: wie mache ich das jetzt. Man steht eben allein davor. Aber im Alltag habe ich im Grunde von der Buchhaltung bis zum Lackieren, Kundenbetreuung, alles sowieso schon vorher gemacht und das war auch gut so. Allerdings begann es gleich im nächsten Jahr, schwierig zu werden, weil 2009 die Abwrackprämie kam. Im Grunde haben mir da – wenn man ehrlich sein will – die Lebensversicherungen von meinem Vater geholfen. Sonst wären wir Pleite gegangen, weil die Geschäfte so extrem in die Knie gingen. Die Zeit musste überbrückt werden.

Platzt Ihnen auch manchmal der Lack ab?
Ja, aber dann gehe ich erst mal eine Stunde mit meinen vier Hunden spazieren – oder bepöbele jemanden von einer Telefon-Hotline oder Gewinnspielzentrale, von denen ja ganz viele hier täglich anrufen.

Schaffen Sie sich so den Ausgleich zu all den schwierigen Entscheidungen, die eine Chefin treffen muss? Oder gehen Sie boxen?
Nein, ich gehe reiten, wenn es die Zeit erlaubt. Ich habe ein Pferd und da versuche ich dann abzuschalten. Sobald ich mit meinem Auto hinaus ins Grüne fahre, geht’s mir besser. Meine Tiere sind für mich mein Ausgleich. Und – am Wochenende – mein Garten.

Sie pflegen ein recht freundschaftliches Verhältnis zu Ihren Mitarbeitern. Ist da eigentlich noch eine fachliche Kritik möglich?
Schwierig. Ich habe festgestellt, dass Männer durchaus sehr sensibel sein können und unheimlich schwer mit Kritik umgehen können. Da muss man mit Fingerspitzengefühl herangehen. Man kann nicht sagen: Mensch, mach das doch mal so und so“, ….“warum funktioniert das jetzt hier nicht“, sondern eher: „könntest Du bitte…“, ..“überleg Dir doch mal…“, „ich will Dich ja nicht ärgern, aber guck dir das doch noch mal an“.

Ohne Lack nur halb so schön -- ein Fiat 500

Ohne Lack nur halb so schön -- ein Fiat 500

Können Sie gut nein sagen?
Gar nicht! Für die Chefrolle bin ich eigentlich zu weich. Aber durch die Erfahrung merkt man, wenn nichts zurückkommt. Da bin ich auch mittlerweile in der Lage zu sagen „nee, dann nicht“. Sei es mit Kunden oder mit Angestellten. Aber das ist bei mir schon ein langer Weg und ich kann viel wegstecken.

Arbeiten Sie daran, ihren Geduldsfaden zu verkürzen? Schneller den Ausstiegspunkt zu finden?
Ich glaube nein. Vom Geschäftlichen her müsste ich das tun, aber ich versuche eher, mir meinen Charakter so zu erhalten, wie er eben ist. Ich glaube, ich kann als Mensch ruhiger einschlafen, als wenn ich ein charakterliches Arschloch würde.

Fällt es Ihnen schwer, jemanden zu kündigen?
Ja, das ist schrecklich. Ich hatte ein Erlebnis – das war ein junger Mann, der hier hochmotiviert anfing, und bekam plötzlich schlimme Probleme mit seiner Partnerin. Er kam nicht mehr pünktlich, er blieb einfach weg, ohne sich krank zu melden. Er bekam eine Abmahnung nach der anderen. Irgendwann sagte mein Vater: ich möchte mit dem Vogel nichts mehr zu tun haben, sieh zu, dass Du das durchziehst. Und ich dachte: Mensch, der hat solche Probleme und probier man noch mal. Dann habe ich mit ihm ein Gespräch geführt, aber dabei blieb es. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass der schon nebenher woanders gearbeitet hat. Ich dachte: so nicht. Ich habe ihn herbestellt, habe ihm die Kündigung überreicht. Und der brach vor mir in einem Tränenmeer zusammen. Und mit dieser Situation umzugehen, hat mir erst einmal extreme Schwierigkeiten bereitet. Ich mochte ihn als Mensch gern und verstand ein bisschen seine Situation. Aber unserer Firma hatte er seit Monaten nur noch geschadet. Das war sehr schwierig.

War es im Gespräch schwierig, sich da nicht emotional mitreißen zu lassen?
In Tränen auszubrechen, das geht nicht. Ich habe mich da relativ gut unter Kontrolle.

Ist das eine wesentliche Eigenschaft von Ihnen?
Mag sein. Für diesen Bereich bestimmt. Auch Brüllen gibt es bei mir nicht. Da bin ich sehr kontrolliert. Emotionen nach außen hin kann ich nicht geben. Ich bin froh darüber.

Nina Müller vor ihrer Firma

Nina Müller vor ihrer Firma

Träumen Sie manchmal davon, etwas völlig anderes zu machen?
Manchmal ist die Überlegung da, sich freizumachen von dieser Belastung und alles zu verkaufen. Stattdessen einen Ponyhof in Schleswig-Holstein kaufen und meine eigenen Tomaten züchten. Aber andererseits: wenn hier der Hof voll von Kundenfahrzeugen ist und man bekommt dann ein Feedback, dann weiß man: das ist doch alles gar nicht so falsch gelaufen. Oder die Angestellten sagen: natürlich arbeiten wir eine Stunde länger, auch wenn wir das nicht bezahlt bekommen. Da hängen wir uns für unsere Chefin mal rein. Das sind Momente, die machen mich glücklich.

Wie sieht für Sie der ideale Mann aus?
Früher mussten für mich Männer groß sein, V-förmig, Glatze, Bodybuilder – dieses Türsteher-Syndrom – und hatte so etwas auch immer als Freund. Aber es war immer grauenvoll. Eigentlich waren das die schrecklichsten Beziehungen, die ich je gehabt habe. Und mein jetziger Partner ist das komplette Gegenteil. Und ihm geht es mit mir auch so. Aber wir sind trotzdem glücklich. Im Grunde glücklicher, als man vorher hätte jemals sein können. Und darauf kommt es an. Es ist wichtig in einer Beziehung, dass man seinen Partner gern anschaut und das Gefühl hat, immer noch verliebt zu sein.

Fotos:  Kirsten Kahler

 

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Kampf am Mount Kenya: Purity braucht Wasser

Purity Muthoni lebt am Mount Kenya. Die 43jährige Farmerin hat drei erwachsene Kinder, einen untreuen Mann und eine Kuh. Was sie nicht hat: fließend Wasser. Und das seit über 20 Jahren. Jetzt reicht es ihr.

von Sandra Coy, 26. Oktober 2011
Vor 23 Jahren traf Purity ihren Mann Patrick, seitdem lebt sie in einem kleinen Dorf in Baragwi, und seitdem schleppt sie Wasser. Denn ihr Dorf ist von der Wasserversorgung ausgeschlossen. Vor fünf Jahren gründete Purity mit acht anderen Frauen deshalb eine Selbsthilfefrauengruppe „Mugomi Water“.

 

Abendessen: Kochen mit wenig Wasser

Abendessen: Kochen mit wenig Wasser

Die rund 100 Frauen wollen ihre Zeit endlich sinnvoller nutzen. Doch schon im Morgengrauen vor dem Frühstück führt sie ihr erster Gang an die rund 2 km entfernte Wasserstelle. Sie tragen die Plastik- Tornister mit einem Tuch über der Schulter. Unser Selbsttest hat gezeigt: Wir bekamen die Tornister kaum von der Stelle, geschweige denn auf den Rücken, geschweige denn noch 2 km geschleppt. Doch damit ist es nicht getan: Die Frauen brauchen 100 bis 200 Liter Wasser am Tag: Für ihr Nutzvieh, zum Kochen, Waschen, Trinken, Kaffeepflanzen wässern. Das heißt: 5 Mal gehen Minimum, manchmal auch bis zu 10 Mal.

 

Erster Gang vor dem Frühstück: Purity auf dem Weg von der Quelle

Erster Gang vor dem Frühstück: Purity auf dem Weg von der Quelle

Damit sind mindestens fünf Stunden am Tag verloren, Stunden, die sie für die tägliche Arbeit in ihrer Kaffeefarm brauchen. Warum gehen die Frauen und nicht auch mal die Männer? Da Wassertragen zu den täglichen Arbeiten gehören, und die sind in Kenia traditionell Frauensache.

 

Wir treffen Puritiy in der Mittagshitze und begleiten sie zur Wasserstelle: Ein Rohr, aus dem Trinkwasser sprudelt, in einem kleinen Bach. Im mokkafarben schimmernden Kostüm und mit Leinenschuhen bekleidet geht Purity mit drei Nachbarinnen den staubigen Weg entlang. Links und rechts stehen Hütten, hier spielen Kinder, Männer sitzen im Schatten, Kaffeepflanzen wachsen, und die Frauen bevölkern mit Tornistern die Strasse. Von einer Dusche hat Purity zwar schon gehört, aber für sie ist sie undenkbar. Die Familie wäscht sich im Wasserbottich zu Hause, darin werden auch Geschirr und Kleidung gewaschen. Die Haare tragen die Menschen meist kurz geschoren, so fällt weniger zu Waschen an.

 

Doch Purity denkt nicht an Dusche und Waschmaschine, Purity möchte endlich Zeit haben, sich um ihren Kaffee zu kümmern. Denn Kaffee ist eine Cash Crop, mit Kaffee verdienen die Frauen Geld. Das Geld benötigen sie dringend für Kleidung und Schulgeld für die Kinder. Denn allen ist wichtig: Die Kinder sollen eine gute Bildung bekommen, am Besten sogar studieren.

 

Purity lebt mit ihren vier Kindern idyllisch in einer kleinen Hütte unter Bananenpalmen. Vor dem Häuschen haust ihre Kuh im Bretterverschlag. Zurück vom Wasserholen bekommt die Kuh als erstes zu trinken, dann wird ihr Gras mit einer Machete zerkleinert und in den Trog gelegt.

 

Mit dem restlichen Wasser wäscht Purity vier Teller im Hof ab, Spülmittel gibt es nicht. Nächster Job: Gemüse putzen und zerkleinern. Gekocht wird in einer separaten Kochhütte über offenem Feuer. Ob ihr Mann Patrick, der ehemalig Chairman der Baragwi-Kooperative, heute zum Essen kommt, Purity weiß es nicht. Denn Patrick hat noch eine zweite Frau und Kinder, die er unterhalten muss. In Kenia nicht unüblich.

 

Doch Purity hat wenig Zeit sich über ihren Mann Gedanken zu machen, muss sie doch ihre Familie ernähren. Das heißt: eine neue Runde zur Wasserstelle. Mit dem großen Wunsch: endlich fließend Wasser zu bekommen. Um endlich genug Zeit zu haben, sich um ihren kleinen Kaffeegarten hinter dem Haus zu kümmern. Die Pflanzen brauchen Wasser, müssen beschnitten werden, die Kaffeebohnen geerntet – das braucht Zeit, bringt aber bares Geld, dass alle Frauen dringend benötigen.

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Lasst alle Blumen sprechen!

Ich liebe Blumen. Und zwar alle. Auch die „Ungewollten“. Wer weiß schon, dass diese klitzekleinen hell-lila Unkrautblüten zwischen den Gehweg-Platten zur Orchideen-Familie gehören? Und kennen Sie eine Blüte von satterem Sonnengelb als eine Butterblume? Haben Sie schon einmal die winzigen hellgrünen Sternchen des Frauenmantels durch die Lupe betrachtet? Was für eine verschwenderische Welt!

Wenn ich in unserem Garten an der Reihe bin mit Unkraut jäten, lasse ich diese kleinen Wunderwerke immer stehen. „Soll ich schnell den Rest wegmachen?“, fragt dann fürsorglich mein Lebenspartner…. Für ihn sind Blumen in erster Linie rot. Vielleicht noch orange oder gelb. Aber bestimmt nicht hellblau, dunkelblau, lila, schwarz (schöne Tulpenzüchtung), weiß, lachsfarben oder womöglich grün. Außerdem haben sie fünf bis 9 Blütenblätter – Rosen mal ausgenommen – und eine gewisse Mindestgröße. Dolden? Rispen? Nein.

Manchmal mache ich mich lustig über solche Männeransichten. Aber ich weiß auch: Wenn mein Liebster mir Blumen schenkt, kann ich mich darauf verlassen, das keine Vase dafür groß genug ist.

von Kirsten Kahler


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„Wie in Gerichten Wahrheit gefunden wird, bedrückt mich tief.“

Die Gerichtsreporterin Sabine Rückert schreibt seit 15 Jahren über menschliche Abgründe. Ihre Reportagen sind preisgekrönt. Im Kachelmann-Prozess aber hat sie eine Grenze überschritten. Ein Interview.

Der Prozess um den Wettermoderator Jörg Kachelmann hat monatelang die Öffentlichkeit beherrscht. Letztlich ist er am 30. Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Aus Mangel an Beweisen. Zuvor hatte ein Medienspektakel getobt, dass es in dieser Form in deutschen Zeitungen und Magazinen nicht gegeben hat. Von Anfang an berichtete auch Sabine Rückert über den Fall des Wettermoderators. Sie ergriff Partei und mischt sich sogar ein. SAKIDA hat mir ihr darüber gesprochen:

von Dani Parthum, Mai 2011

Gruendlich und Hartnaeckig -- Sabine Rueckert

Gruendlich und Hartnaeckig -- Sabine Rueckert

Warum haben Sie in Ihrem ersten Artikel im Juni 2010 mit der Überschrift „Schuldig auf Verdacht“ so deutlich Partei für Jörg Kachelmann ergriffen?
Rückert: Weil ich die Aktenlage kannte. Es war gar keine Partei, ich kenne Herrn Kachelmann gar nicht. Ich hab gar keinen Anlass Partei zu ergreifen. Ich habe nur gesehen, es wird einer angeklagt und man hat nichts in der Hand. Das habe ich geschrieben. Wenn das als Partei ergreifend aufgefasst wird, so what!?

Wir Journalisten bemühen uns, möglichst objektiv zu berichten. Das wollten Sie in diesem Bericht gar nicht?
Rückert: Das Problem ist, wenn man mehr Kenntnisse hat als die anderen, dass man die Objektivität verliert, die Objektivität scheinbar verliert. Man hat sie natürlich, aber man hat Kenntnisse, die die anderen nicht haben. Und dann muss man sich dazu verhalten. Ich kann ja nicht so tun, als hätte ich Verständnis für die Haltung der Staatsanwaltschaft, wenn ich weiß, dass von ihr Irrlehren ausgehen. Und wenn ich weiß, dass sie die Bevölkerung mit falschen Informationen füttert ist das für mich keine ernst zu nehmende Ermittlungsbehörde.

Beim Lesen Ihrer Artikel für DIE ZEIT hatte ich den Eindruck, Sie haben kein Vertrauen mehr in die Justiz. Stimmt mein Eindruck?
Rückert: Wie Sie vielleicht wissen, habe ich ein Buch geschrieben über einen doppelten Justizirrtum, ein doppeltes Fehlurteil, das ich selber aufgedeckt habe. Ich hab‘ vor einigen Jahren zwei Männer — die unschuldig im Gefängnis gesessen haben, zu fünf und sieben Jahren verurteilt — aus dem Knast geholt durch meine Recherchen. Und da habe ich gesehen, wie Urteile in Aussage-gegen-Aussage-Prozessen zustande kommen. Und ich habe kein Vertrauen in diese Justiz. Nein. Ich schau lieber genauer hin und bilde mir mein eigenes Urteil. Was ein Gericht am Schluss schreibt ist nicht in Stein gemeißelt, das sind für mich keine zehn Gebote. Weil ich weiß, wie das zum Teil zustande kommt und da stehen einem die Haare zu Berge.

Engagierte Gesprächspartnerin bei einer Konferenz von netzwerk recherche

Engagierte Gesprächspartnerin bei einer Konferenz von netzwerk recherche

Denken Sie, Sie wissen manchmal mehr als die Richter?
Rückert: Ja, manchmal denke ich das. Das klingt jetzt hybrid, aber es ist so. Das Hybride ist natürlich, ich maße mir an, das Gericht zu beurteilen. Aber erstens: Ich habe bereits zwei Kammern eines Gerichts Fehlurteile nachgewiesen durch Recherche. Ich muss dazu keine Rechtskenntnisse haben. Natürlich haben die Richter höhere Rechtskenntnisse als ich. Natürlich wissen sie mehr in der Rechtsanwendung Bescheid und in den Paragraphen. Aber worum es hier geht im Fall Kachelmann oder im Fall meiner beiden Fehlverurteilten, und in vielen anderen Fällen, sind keine Rechtskenntnisse sondern Kenntnisse der Fakten. Und ich bin Journalistin und ich kenne mich mit Fakten aus. Und ich kenne mich auch mit Gutachten aus, und ich kann ein gutes Gutachten von einem schlechten unterscheiden. Und da bin ich dem Richter in keiner Weise unterlegen — in der Beurteilung dieser Dinge. Der Richter lernt auch niemals in seinem Leben ein gutes Gutachten von einem schlechten zu unterscheiden. Er muss sich das alles selber beibringen, zum Teil mit schrecklichen Nebenwirkungen. Das haben wir ja gesehen in Mannheim, solche Nebenwirkungen, wer da ernst genommen wurde als Gutachter.

In Ihren jüngeren Berichten werden Sie deutlicher als früher und beziehen offen Stellung. Wieso?
Rückert: Je mehr ich weiß, desto klarer wird meine Position. Ich sehe das als Positiv, wenn ich immer mehr weiß. Ich bin eine Fachjournalistin, davon gibt es auch nicht so viele auf diesem Gebiet. Was mich stört ist die Unwissenheit der Anderen. Und was mich auch stört, dass ich sehe, wie in Gerichten Wahrheit gefunden wird. Das bedrückt mich tief.

Sie arbeiten seit elf Jahren als Gerichtsberichterstatterin. Zu ihrer Arbeitsweise gehört es, Kontakt zu den Anwälten in einem Prozess aufzunehmen. Auch mit Herrn Birkenstock, dem ersten Verteidiger von Jörg Kachelmann, hatten Sie Kontakt, per E-Mail. Sie haben ihm einen anderen Anwalt empfohlen, den Strafverteidiger Johann Schwenn, mit dem Sie das von Ihnen bereits erwähnte Buch „Unrecht im Namen des Volkes“ geschrieben haben. Mischen Sie sich öfter so ein?
Rückert: Nö. Herr Birkenstock hatte mich – kurz nach Anklageerhebung – angerufen und wollte Hilfe. Zu Recht, wie ich finde. Er hat gesagt, mein Mandant ist unschuldig. Er wird von der Staatsanwaltschaft verfolgt; die Staatsanwaltschaft setzt falsche Meldungen in die Welt. Ich kann mir nicht mehr helfen. Und ich möchte gerne, dass Sie sich die Akten ansehen und sich dann selber ein Bild davon machen. Er hat mir auch berichtet, was alles schief gelaufen ist. Das fand ich alles total in Ordnung. Nur. War das Problem hier, dass ich im Laufe dieser Erzählungen und im Laufe dessen, was ich gelesen habe über den Prozess bis dahin in der Tagespresse, gemerkt habe, dass Herr Birkenstock selbst ein Problem ist. Herr Birkenstock hat entscheidende Tätigkeiten eines Verteidigers unterlassen. Er hat z.B. keine Haftbeschwerde gemacht. Sein Mandant saß in Haft und er hat sich weder beim Landgericht noch beim Oberlandesgericht beschwert. Das ist eine Katastrophe! Und das hat mir gezeigt, dass er diesem Fall nicht gewachsen ist. Und das habe ich ihm geschrieben und ich hab ihm geschrieben: Nicht ich kann ihnen helfen, sondern sie brauchen einen Verteidiger, der ihnen beisteht, und habe ihm dann Herrn Schwenn empfohlen, von dem ich wusste, dass er mit Verfahren dieser Art umgehen kann und auch mit dieser Art unglaublich feindseligen Öffentlichkeit.

Sie wussten aber doch, dass sie sich mit einer Anwaltsempfehlung auf einem schmalen Grad bewegen …
Rückert: … Ja, das wußte ich.
… , weil wir Journalisten uns nicht gemein machen sollen mit einer Sache und einmischen schon gar nicht!
Rückert: Wissen Sie, es fällt mir auch immer schwerer, mich nicht einzumischen. Sehen Sie, ich sitze in einer Hauptverhandlung und sehe, wie es schiefläuft. Früher habe ich es nicht gesehen. Jetzt sehe ich es, sehe, hier wird ein armer Wurm – ob er es war oder nicht, das steht dahin – schlecht verteidigt. Das macht mich wild und das ist gerade bei Leuten, die sich keinen guten Verteidiger leisten können, jetzt mal weg von Herrn Kachelmann, bei armen Schweinen, sehe ich, wie der Verteidiger sie in die Verzweiflung rennen lässt, z.B. in ein übermäßig scharfes Urteil oder ein Fehlurteil. Und dann muss ich mich schon zwingen, um nicht aufzustehen und zu sagen: Schmeißen sie ihren Verteidiger raus, der bringt ihnen nur Unglück. Sehen sie das nicht!? Solche Situationen belasten mich. Aber das ist halt so. Ich glaube, dass das anderen Fachjournalisten nicht anders geht. Wenn man von etwas Ahnung hat, dann sieht man, wie überall mit Wasser gekocht wird oder Fehler gemacht werden, das macht einen betrübt.

Das Gespräch führte Dani Parthum im Mai 2011
Fotos: Bastian Dincher

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