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Wahlkampf: Was US-Frauen über Barack und Mitt denken.

Am 6. November wählt die USA einen neuen Präsidenten. Ausgiebig wird deshalb im Land über die Kandidaten berichtet, ihre Fernsehduelle, über Fettnäpfchen, in die sie treten, und über die sogenannten „Swing States“. Das sind die neun US-Staaten, auf die es am ‘Election Day’ ankommen wird. Was aber denken Amerikas Frauen über Barack Obama und Mitt Romney, den schmutzigen Wahlkampf und das, was nach Auszählung der Wahlmänner-Stimmen kommen mag?

Frauen, schreibt das ‘New York Magazine’, seien die Wechselwähler in den „Swing States“. Sie sind damit wahlentscheidend.  Unser Autorin Stephanie Lavoie, die seit acht Jahren in den USA lebt, hat sich bei Sashimi und grünem Tee umgehört, wen ihre amerikanischen Freundinnen wählen werden: 

Einmal im Monat treffen wir uns in meinem Lieblingsrestaurant ‘Sky Sushi’ zum Mamas Lunch. Normalerweise plaudern wir bei unseren Dates ganz ungezwungen über Gott und die Welt, den Klamottenladen X und den Lehrer Y, über den neuesten ‘New York Times’-Bestseller oder die Pläne für die Thanksgiving-Ferien. Heute aber werde ich das Damen-Kränzchen zum Beben bringen. Dessen bin ich mir sicher! Denn wenn es um Demokraten und Republikaner und deren Wahlkampf geht, werden in den USA die besten Freunde zu Feinden.

 

Frauenrunde: bei Sashimi über den US-Wahlkampf, Barak und Mitt streiten

 

Dreckiger Wahlkampf in Deutschland … Wenn ich sowas höre, muss ich schmunzeln. Seitdem ich hier „drüben“ lebe, weiß ich, was wirklich ‘dirty’ ist! ‘Conservatives’ und ‘Liberals’ bekämpfen sich im wahrsten Sinne des Wortes bis auf‘s Blut. Und auch, wenn ich den US-Wahlkampf und die Machenschaften interessiert verfolge und mir logischerweise meine eigene Meinung gebildet habe, bin ich gewissermaßen froh darüber, dass ich als ‘Resident’ (im Gegensatz zum ‘Citizen’/Bürger) in diesem Land nicht wählen darf.

Ich wage es heute also, unser harmonisches Mittagessen zu ruinieren. Denn an diesem Tisch sitzen – außer mir – ein Obama-Fan und zwei Romney-Anhängerinnen. Und eins ist klar: Mit dem, was ich als nächstes sagen werde, werde ich geringstenfalls eine heftige Debatte entfachen!

“Wem gebt ihr denn eigentlich eure Stimme, es sind doch bald Wahlen?”

Rumms, das hat gesessen! Alle drei schauen von ihren Reis-Röllchen auf und mich aufmerksam an. Keine 30 Sekunden später möchte ich den Begriff “aufmerksam” durch das Adjektiv  “angriffslustig” ersetzen. Und los geht’s!

“Oh my god!”, sucht Liz noch nach geeigneten Worten und fuchtelt wild mit ihren Sushi-Stäbchen in der Luft herum, während es aus Eva ad hoc herausplatzt: “Romney… der Kerl ist eine absolute Witzfigur. Ein Wendehals wie er im Buche steht. Von mittig bis ganz rechts und wieder zurück in die Mitte, der hat jede republikanische Position schon mal eingenommen. Wie meinte der Präsident so schön – der leidet unter Romnesia.” Und sie lacht, während von rechts der Gegenangriff rollt. Denn Liz hat mittlerweile ihre Worte gefunden: “Nochmal vier Jahre dieser Affe Obama und unsere Arbeitslosenquote findet sich auf dem Rekordhoch von 82 wieder. (Anmerkung: Im November 1982 lag die ‚Unemployment Rate‘ bei 10.8%, momentan beträgt sie 7.8 %.) Nicht zu vergessen, die Spritpreise! Bald zahlen wir vier Dollar für den Gallon, horrend! Unser Land wurde immer als ‚Land of the Free‘ bezeichnet. Das ist doch längst Vergangenheit. Hier steigt niemand mehr vom Tellerwäscher zum Millionär auf, bald haben wir nur noch Tellerwäscher, weil sich keiner mehr entfalten kann.”  “Stichwort Obamacare”, mischt sich nun auch Carry ein. “Die zwingen uns einfach dazu eine Krankenversicherung zu kaufen. Ich möchte aber selbst entscheiden, was ich brauche und was nicht.”

“Sorry, genau da muss ich jetzt mal einhaken“, sage ich. „Für mich als Deutsche, die ein staatliches Gesundheitssystem gewohnt ist und die überdies bereits mehrfach bittere Erfahrungen mit dem absenten amerikanischen Gesundheitswesen gemacht hat, ist deine Aussage schwer zu begreifen. Warum bitte wehrt ihr euch so vehement gegen eine Krankenversicherung für alle?”

“Weil wir keine sozialistischen Verhältnisse wollen”, sprudelt es aus Carry heraus, meiner Bekannten mit einem Doktortitel in Geologie. “Demnächst zwingen sie uns dazu, frische Äpfel zu kaufen statt Apfelmus, weil das nachweislich gesünder ist. Im Big A. (gemeint ist Big Apple, also New York City.) haben sie vor kurzem Sodas größer als 16 Ounces (Softdrinks mit einer Größe von über 0.47 Litern) aus den Fast Food Restaurants und Kinos verbannt. Angeblich zu ungesund. Holy! Das muss doch jeder für sich entscheiden. Künftig schreiben sie uns auch noch vor, was wer wann im Fernsehen gucken darf, so wie in China.”

“Aber Fakt ist doch, rund 45 Millionen Amerikaner besitzen keine Krankenversicherung. Und wenn sie ernsthaft krank werden, müssen sie Hab und Gut verkaufen, um die immensen Kosten tragen zu können.”

“Naja, letztlich ist jeder seines Glückes Schmied”, interveniert Liz und versucht zu erklären, wie ihre Landsleute diesbezüglich ticken: “Das hat sicher mit unserem kulturellen Kern zu tun, dem Motiv der individuellen Freiheit, für die unser Land steht. Die Menschen wollen so viel wie möglich selbst entscheiden. Ganz ehrlich, ich will auch weniger Regierung in meinem Leben!”

“Okay, aber dann erkläre mir mal bitte, warum ich mir durch ‘Mr. Severely Conservative’ vorschreiben lassen soll, ob ich im furchtbaren Fall einer Vergewaltigung abtreiben lassen darf oder nicht?”, platzt es aus Eva heraus. “Na, diese Meinung vertreten ja nur die Ultra-Rechten, Richard Mourdock und einige Anhänger der Teaparty-Bewegung. (Anmerkung: Der US-Senatskandidat Mourdock hatte vor ein paar Tagen die Meinung aufgestellt, Abtreibungen seien gegen Gottes Willen, auch nach einer Vergewaltigung.) Gouverneur Romney befürwortet eine liberale Linie”, versucht Carry klarzustellen und bekommt sofort den Return von Eva: “Nein, das Problem ist doch, dass die Reps keine Einheit bilden und ihre Programm-Richtung ständig ändern. ‘Bullshitter’ Romney erinnert sich heute nicht mehr daran, welche Strategie er letzte Woche im Wahlkampf noch vorgetragen hat. Das ist absurd, was der macht.”

“Trotzdem hat er, je nachdem welcher Umfrage man Glauben schenken darf, in etwa die Hälfte der Stimmen auf seiner Seite. Für die Wahl wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet. Und hier am Tisch kann er offenbar Zweidrittel der Stimmen für sich verbuchen”, wende ich ein.

Eva: “Lustig, das ist wie bei uns Zuhause am Abendessens-Tisch. Mein Mann und meine Schwiegermutter sind konservativ, erzkonservativ, und ich bin liberal. Nach den Fernseh-Debatten habe ich jedwede Polit-Diskussion beim Dinner verboten. Da wären sonst die Fetzen, ach quatsch, da wäre sonst das Essen geflogen!”

“So heftig? Das finde ich erschreckend. Ich beobachte seit Wochen, wie sich auf Facebook beste Freunde attackieren, wenn es um die Wahl geht. Aber in der eigenen Familie …?”

“In einem Politik-System mit letztlich nur zwei Möglichkeiten ist das wohl so. Bei Dir daheim sieht das anders aus, da gibt es das Mehrparteiensystem und ein relativ großes Angebot, auch was die politische Mitte angeht. Bei uns bist Du entweder deutlich rechts oder deutlich links. Meistens ist das über Generationen in der Familie verankert. Auf jeden Fall braucht unser Land dringend frische Ideen und jemanden, der die Wirtschaft ankurbelt”, führt uns Liz zurück ins Gefecht.

“Und das geht mit Romney besser als mit Obama?”

“Are you kidding me? Frische Ideen und Fortschritt … Mit Gouverneur Romney an der Spitze würden wir die Uhren 50 Jahre zurückdrehen, vor allem was Frauen, Homos und Immigranten angeht. Nichts da mit frischem Wind”, ereifert sich Eva. “Es macht mich krank, wenn ich mir vorstelle, dass die Superreichen dann noch mehr Steuererleichterungen erhalten, nur damit sie noch reicher werden. Wenn Romney Präsi wird, wandere ich aus!”

“Klar! Als ob Du auch nur von hier nach Placerville ziehen würdest”, grinst Carry. (Anmerkung: Placerville heißt der von uns aus gesehen nächstgrößere Ort.) “Ich glaube sehr wohl, dass die Republikaner deutlich mehr davon verstehen, die Wirtschaft anzukurbeln und Stabilität in unser Land zu bringen. Romney hat es als Gouverneur von Massachusetts ja gezeigt. Außerdem wird er uns dazu verhelfen, dass wir in der Welt wieder was darstellen. Und dank unserer Einflussnahme wird es mehr Frieden geben. ‘Friede durch Stärke’ hat schon Ronald Reagan gefordert. Romney weiß das auszuführen!”

“What the….”, will sich Eva empören, bremst sich aber im gleichen Moment wieder: “Anstatt noch mehr Truppen in Krisengebiete zu schicken, bin ich dafür, dass wir uns lieber mal um unsere Veteranen kümmern. Davon gibt es nach all den Kriegen, bei denen wir mitgemischt haben, nämlich mehr als genug.”

“Bis dato sind gut 6.500 US-Soldaten in Afghanistan und im Irak gefallen. Es gab zahlreiche Schwerstverwundete und unzählige Frauen und Männer in Uniform, die mit bleibenden Schäden von ihrer Mission zurückkehrten.”

“Da hast Du recht, Stephanie, und das ist tragisch. Selbstverständlich will niemand Krieg. Aber davor müssen wir uns eben auch schützen, mit einem starken Präsidenten! Nicht mehr lang, und der Iran steht mit der Atombombe vor der Tür. Und irgendwelche Spinner sind gerade in diesem Moment, wo du dir Sashimi in den Mund schiebst, emsig dabei, Anschläge auf unser Land zu planen. Ich halte es für äußerst wichtig der Welt zu demonstrieren, dass wir mächtig und rigoros sind. Und dazu brauchen wir einen starken Mann an der Spitze. Obama ist meines Erachtens ein Duckmäuser und das birgt Gefahren”, meint Liz und ergänzt: “He totally sucked.”

“Was mir auffällt, ist dieses Bombardement mit Wahlwerbung. Ich habe heute früh bei NPR (im National Public Radio) gehört: Allein die letzten drei Wochen vor der Wahl laufen im US-Fernsehen ungefähr eine Million politische Werbespots. Okay, mein Mutterland ist deutlich kleiner und besteht nicht aus 50 Staaten, aber diese Zahl – etwa 43.000 TV-Ads pro Tag landesweit – ist für mich unfassbar.”

“Hier in Kalifornien ist es ja zum Glück nicht so krass. Das kommt, weil die uns längst abgeschrieben haben. Ist dir das aufgefallen, unserem Staat stattet keiner der werten Kandidaten beim Wahlkampf einen Besuch ab. Deshalb siehst du im Fernsehen vornehmlich lokale Spots. (Anmerkung: Der ‘Golden State’ gilt als sicherer Obama-Staat.)  Die Wahrheit ist: Ich würde durchdrehen, wenn ich im Zwei-Minuten-Takt mit den Hasstiraden der Demokraten zugemüllt werden würde, wie es in den Swing States passiert!”

“Wie bitte, Liz? Wer ist denn die Nummer eins in der Disziplin ‘mit Giftpfeilen schießen’? Das sind doch wohl Romney und das ganze Republikaner-Gesocks! Um aber auf Deinen Einwand zurückzukommen, Steph:  Wenn Du mich fragst, ist diese Extrem-Berieselung so kurz vor der Wahl ohnehin sinnlos. Entweder haben die Leute bereits gewählt oder sich zumindest für eine Partei entschieden. Die meisten sind eh registriert. Und wenn man nur zwei und dann auch noch zwei extrem voneinander abweichende Alternativen hat, legt man sich nicht erst drei Tage vorher fest.”

“Viele Amerikaner nehmen die Möglichkeit der Briefwahl wahr. In 34 von 50 Staaten gibt es zudem ‘Early Vote’. Das heißt, die Wahllokale sind bis zu 50 Tage vor dem eigentlichen Wahltag geöffnet. Habt ihr denn schon eure Stimme abgegeben?”

“Ich nicht. Ihr auch nicht, oder? Aber Obama hat gewählt, letzte Woche in seiner Heimatstadt Chicago.” “Na, hoffentlich für die Republikaner!”, grinst Carry. “Haha, das war ein Scherz! Also, ich habe tatsächlich auch noch nicht gewählt. Ich habe aber eine Menge Freunde, die den ‘Early Vote” nutzen. Denn unser Wahltag ist traditionell an einem Dienstag, und da hat das Gros der Leute weder Lust noch Zeit, sich in eine Schlange zu stellen, um drei Stunden später seine Stimme abgeben zu dürfen.” “Letztlich interessiert doch sowieso nur noch, was in Ohio passiert. Denn ohne Ohio ist seit 1960 noch kein Kandidat Präsident geworden, ein Republikaner übrigens noch nie.” 

Na dann! Das ist doch ein adäquates Schlusswort. Schauen wir am 6. November also gebannt 3.500 Kilometer weit gen Osten, nach Ohio! Jetzt widmen wir uns aber erstmal genussvoll einem Mochi-Eis.

Zur Abkühlung.

 

von:  Stephanie Lavoie, 31. Oktober 2012 

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