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Colt am Gürtel: so lieben sich die Amerikaner.

Stellen Sie sich vor, Sie streifen durch das Einkaufszentrum und wie aus dem Nichts steht vor Ihnen eine Person mit einem Gewehr. Stephanie Lavoie hat diese Situation erfahren. Sie lebt seit neun Jahren in den USA, in Kalifornien, und damit in einem Land mit rund 270 Millionen Schusswaffen in Privatbesitz.

Obwohl rein rechnerisch neun von zehn Amerikaner über eine Waffe verfügen, war die Wahl-Kalifornierin mit dem Abzug-freudigen Naturell des amerikanischen Volkes bislang nicht in Berührung gekommen. Das sollte sich vergangene Woche ändern:

 

Tatort Walmart – das wohl amerikanischste aller Kaufhäuser!

Ich schlendere gedankenverloren durch das “Sports & Outdoor Department”, auf der Suche nach einem Schlafsack für meine Tochter. Auf einmal steht da ein Kerl mit einer Waffe! Die Namen Newtown, Aurora und Fort Hood schwirren mir durch den Kopf – nur drei von diversen Orten in den USA, in denen in den vergangenen Jahren geistig instabile Personen Massaker mit Schusswaffen anrichteten.

 

Panik steigt in mir auf.

Dabei, so wird mir – der naiven, deutschen Pazifistin – schnell klar, hat der korpulente Herr mit dem Gewehr gar nichts Böses im Sinn. Er schaut sich lediglich die Auswahl an Waffen an, die es bei Walmart zu kaufen gibt. So wie ich Töpfe oder Kindersocken inspiziere, bevor ich welche kaufe.

 

„Shopping for guns“ ist hier nichts Ungewöhnliches.

Spielzeugwaffe der US-Firma Nerv

Martialisches Plastikgerät: eine Nerf Gun

Während ich schon Unwohlsein verspüre, wenn meine Jungs daheim mit Nerf Guns – das sind Plastikgewehre eines US-Spielzeugherstellers – durch die Gegend ballern, kann sich der Otto-Normal-Amerikaner im Warenhaus mit echten Waffen eindecken: Jagdgewehre, kleinkalibrige Handwaffen und dergleichen, aber nicht mit Sturmgewehren und auch keinen vollautomatischen Waffen mit hoher Schussfrequenz. Die gibt es nur in „Gun Stores“ zu erwerben, also in Waffenläden. Diese existieren in den USA in nahezu jedem größeren Ort. Und seitdem sich Barack Obama emphatisch für strengere Waffengesetze stark macht, erleben die Waffenläden einen wahren Boom. Man muss ja schließlich vorsorgen – für den Fall, dass es legal demnächst keine Knarren mehr zu beschaffen gibt!

 

Amerika rüstet auf, zumindest was Faustfeuerwaffen in privaten Haushalten angeht.

Wenn Sie mich fragen: Waffen gehören in den Krieg, zur Jagd oder bei Bedarf in die Hände von Ordnungshütern. Definitiv nicht in das Haus eines Geisteskranken, respektive in die Nähe von Minderjährigen! Meiner Ansicht nach sollten Schusswaffen nicht mal in den Besitz von gewöhnlichen Bürgern gelangen. Viele Amerikaner haben eine komplett andere Denke: “Das ist eine Art Lebensversicherung. Wir legen uns ja auch eine Krankenversicherung zu und eine Autoversicherung, um uns vor eventuellen Schäden zu schützen. Wenn jemand in mein Haus einbricht, will ich in der Lage sein, meine Familie und mich zu verteidigen”, erklärt mir zum Beispiel Lindsay, eine Mom aus der Klasse meiner Tochter, die aussieht, als könnte sie keiner Fliege etwas zuleide tun. “Wenn ich 911 anrufe und warte, bis irgendwann die Polizei eintrifft, bin ich vielleicht schon tot”, unkt sie und fügt hinzu:

 

“Mein Mann trägt grundsätzlich eine Pistole mit sich, am Bein, egal wohin er geht.”

“Und wie ist’s mit Dir?”, hake ich nach. “Hast Du eine Knarre in der Handtasche, die Dich regelmäßig zum Shoppen oder ins Restaurant begleitet?” “Schusswaffen in der Öffentlichkeit mit sich führen darf in Kalofornien nur, wer einen Schein besitzt”, weist Lindsay mit ihrer Antwort auf die sehr unterschiedlichen Waffen-Gesetze der 50 US-Staaten hin. In Alaska beispielsweise darf der volljährige Bürger öffentlich und sichtbar Waffen mit sich tragen. “Open carry” nennt sich das. In Michigan ist das “open carry” beschränkt, in Fahrzeugen etwa verboten. Diverse US-Staaten erlauben ihren Bewohnern außerhalb der eigenen vier Wände nur das verdeckte Tragen von Waffen. Im District of Columbia braucht man gar einen Waffenschein, um in den Besitz einer Schusswaffe zu kommen.

“Aber wenn Du keinen Schein besitzt – kannst Du mit der Waffe denn überhaupt umgehen, mit der Du Euch zuhause gegen Einbrecher verteidigen willst?”, frage ich skeptisch. “Klar”, antwortet Lindsay. “Wir gehen gelegentlich in den Shooting Center in Rancho, manchmal nur wir Girls. Das bringt super viel Spaß!”, beteuert sie und lädt mich spontan zum nächsten Mädels-Abend ein:

 

“Du musst unbedingt mitkommen ins Shooting Center!”

Während ich noch versuche, mich mit dieser Aufforderung anzufreunden, überrascht mich Lindsay ihrerseits mit einer Frage: Ob wir in Deutschland denn keine Waffen zum Schutz in unseren Häusern hätten? Als ich verneine und ihr die deutschen Gesetze darlege, findet sie das schlicht und ergreifend “bizarr”.

 

Wer in den USA eine Waffe erwerben will, muss sich einem Background Check unterziehen.

Waffenladen in den USA

Waffengeschäft in Kalifornien

Dabei werden das Vorstrafenregister und die Kreditwürdigkeit untersucht. Ein ärztliches Attest als Nachweis psychischer Gesundheit braucht man aber nicht. Knapp 2,8 Millionen dieser Background Checks wurden allein im Dezember 2012 durchgeführt. In dem Monat also, in dem ein Geisteskranker in Connecticut 26 Menschen erschoss, bevor er sich selbst umbrachte. Im November waren es “nur” 2 Millionen Background Checks gewesen. Rapide steigende Verkaufszahlen nach einem Massaker wie dem in der Grundschule von Newtown – das erscheint aus deutscher Sicht schlichtweg grotesk.

 

Woher stammt der Fanatismus der Amerikaner für Waffen, und warum haben sie so freizügige Gesetze?

Das “second amendment”, also der zweite Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, besagt: “Da eine wohl organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.” Wohlbemerkt: Dieses Gesetz stammt aus dem 18. Jahrhundert, also aus einer Zeit, in der das damals junge Amerika ein Volk von Milizionären brauchte, um sich für etwaige Angriffe der ehemaligen Kolonialherren zu rüsten. Natürlich ist dies längst passé. Gleichwohl halten die Amerikaner mit aller Macht an ihrem Anrecht fest, sich privat bewaffnen zu dürfen. Auch wenn dieses Recht mittlerweile föderalistisch unterschiedlich geregelt ist.

 

Der seinerzeit beispielhafte Mythos “Freiheit” dominiert immer noch das Denken und Handeln vieler US-Bürger.

“So wenig Staat wie möglich, so wenige Paragraphen wie möglich”, forderten im Wahlkampf vor allem die Republikaner. Und so überrascht es auch nicht, dass primär die rechten Wähler-Schichten vehement gegen schärfere Waffen-Gesetze wettern – gegen jene Reglements, die der demokratische Präsident durchzusetzen versucht.

Zweifellos sind nicht alle Amerikaner Waffen-geil. Aber bis dato ist die Mehrheit “pro guns”. “Für uns sind Waffen Gebrauchsgegenstände wie Smartphones. Man hat sie! Und am besten immer das Neueste vom Neuen”, erklärt mir meine Nachbarin Heather, deren weißer Lexus ein “Romney”-Sticker schmückt, ein Relikt aus dem Wahljahr 2012. “Wer an unserer Gesinnung etwas ändern will, der will unsere Kultur verändern. Der verändert letztlich unsere Seele, die Seele Amerikas.”

 

Als ich das höre, Waffen gehören zur Seele Amerikas, muss ich an den “Marlboro Man” denken.

War nicht auch er dereinst Bestandteil des „American way of life“? Und das Quarzen im Land der Cowboys schlichtweg gute Sitte? In den meisten US-Staaten ist der Tabakkonsum an öffentlichen Orten mittlerweile aber untersagt und die Zahl der Raucher drastisch gesunken – trotz der mächtigen Tabak-Lobby, die den Konsum mit aller Kraft promotet. Rauchen ist heutzutage verpönt. Private Schusswaffen sollten es auch sein, denn sie sind nicht weniger gesundheitsgefährdend als Glimmstengel! Einst waren die Amis Weltmeister im Raucher-Tod. Seit geraumer Zeit sind sie Weltmeister im Schusswaffen-Tod. Das ist wahrlich kein Titel, auf den Amerika stolz sein kann!

von Stephanie Lavoie, 1. März 2013

 

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