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Weiße Zähne und kolossale Pappbecher.

Kalifornien ist für die Hamburgerin Stephanie Lavoie immer ein Traumziel gewesen. Seit nunmehr fünf Jahren lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in dem, wie sie selbst sagt, „aufregendsten aller US-Staaten“. Jedes Jahr im Sommer kommt Stephanie für ein paar Wochen auf Deutschland-Besuch, wohnt in ihrer alten Studentenbude und beobachtet ihre Landsleute. Mit einem Lächeln hat sie für SAKIDA einiges notiert, was ihr dabei aufgefallen ist:

 

Gelbe Zähne. Die Deutschen haben gelbe Zähne!

Sogar meine super hippe Freundin, die für einen internationalen Modekonzern arbeitet und damit täglich im Dienste der Schönheit tätig ist, hat vergilbte Zähne. „Schon mal was von Wasserstoffperoxid gehört?“, möchte ich sie fragen, als wir uns in unserem Lieblings-Cafe zum ersten Mal wieder gegenüber sitzen. Aber die Frage verkneife ich mir dann doch lieber, gucke stattdessen zum Nachbartisch und registriere dort eine junge Frau, die ihren männlichen Begleiter anstrahlt. Auch sie hat auffallend gelbe Zähne. Oder sollte ich sagen „natürlich gelbe Zähne“?

 

Gelbe Beißcherchen

Gelbe Beißcherchen

Letztere scheint es in Kalifornien nicht zu geben. Dass im „Golden State“ der USA jeder mit chemisch gebleichten Beißerchen durch die Gegend rennt, fällt mir schon gar nicht mehr auf. Dass in Deutschland die meisten Menschen ein gelbliches Gebiss haben dafür umso mehr. Ästhetisch schön finde ich das nicht. Aber natürlicher ist es allemal. Und eigentlich bin ich ein ausgesprochen natürlicher Typ. Ich kann mich mit den obligatorischen „fake boobs“, den operativ gemachten Oberweiten, in meiner zweiten Heimat genauso wenig anfreunden, wie mit den vielen Botox-Gesichtern in Kalifornien!

 

Aber um nochmal auf das in Deutschland weit verbreitete Phänomen der vergilbten Zähne zurückzukommen – Rauchen sorgt bekanntlich auch für eine gelbe Verfärbung. Und das ist das nächste, was mir in meinem über alles geliebten Hamburg auffällt:

 

Die Leute rauchen. Und zwar in der Öffentlichkeit! Und es ist ihnen nicht einmal unangenehm! 

Mein Vater (vor Jahren an Lungenkrebs gestorben) hat früher pro Tag locker zwei Schachteln ohne Filter weggequarzt. Damit bin ich aufgewachsen. In den mittlerweile acht Jahren, die ich in den Vereinigten Staaten lebe, habe ich nicht ein einziges Mal jemanden in der Öffentlichkeit schmöken sehen. Natürlich gibt es auch in den USA Millionen von Rauchern. Auf offener Straße eine Zigarette zu rauchen, ist in Kalifornien allerdings verpönt. Und daran habe ich mich schnell gewöhnt.

 

Denken Sie nun bitte nicht, ich nörgele an allem rum, was mir beim alljährlichen Besuch in meinem Geburtsland auffällt! Während ich dies hier schreibe, süffele ich genüsslich mein 0,2l-Glas Bionade – ohne die zwölf Eiswürfel, die in Kalifornien jeden bestellten Softdrink verwässern. Geschmack dort drüben: Fehlanzeige!

 

Der 1-Liter-Kaffee-to-go-Becher

Der 1-Liter-Kaffee-to-go-Becher

Was im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zählt, ist die Quantität. Starbucks hat in den USA gerade eine neue Becher-Größe eingeführt. „Coffee to go“ gibt’s dort jetzt im „Trenta“-Format. Der kolossale Pappbecher umfasst sagenhafte 916 ml. Das entspricht ziemlich genau dem Fassungsvermögen eines durchschnittlichen menschlichen Magens. Kein Wunder, dass die Amis immer auf Achse sind – bei dem Koffein-Konsum!

 

Wir Deutschen dagegen wissen noch, was es heißt zu genießen. Und was es heißt zu relaxen!

Schuften: ja! Aber sich was dafür gönnen eben auch! Hier wird einem nicht gleich die Rechnung auf den Tisch geknallt, wenn man den letzten Bissen seines Mahls in einem exquisiten Restaurant runtergeschluckt hat. Nach dem Verzehr des Essens darf der Gast noch verweilen. Wir Deutschen sitzen gern gemütlich beisammen und schwatzen. Das ist pure Lebensqualität.

 

Im Land der Gründlichkeit und Industrienormen bleibt auch mal das Smartphone zuhause liegen, ohne dass dessen BesitzerIn gleich in Panik ausbricht, weil er/sie nicht ständig die neuesten Push-Nachrichten und den aktuellen Facebook-Status der Freunde checken kann. Ich habe etliche kalifornische Bekannte, deren Iphone schon mal ins Klo gefallen ist. Sie haben richtig gelesen: ins Klo! Smartphone-Obsession nennt man das. Selbst auf der Toilette können die Amis nicht ohne.

 

Eine Studie hat gerade ergeben: Jeder fünfte US-Amerikaner greift nach dem Sex als erstes zum Iphone oder zum Blackberry. Keine Angst, ich werde das hier jetzt nicht ausführen, aber glauben Sie mir: Wenn mein Mann … Na, der könnte was erleben!

 

Ich gebe zu, manchmal bin auch ich ohne mein Smartphone aufgeschmissen. Neulich sind wir im Park, fragt mich meine Tochter: „Können Schmetterlinge eigentlich lachen?“ Im WiFi-durchsetzten Kalifornien (zu Deutsch: W-LAN) hätte ich die Antwort sofort gegoogelt. Hier in Deutschland lasse ich mein Iphone gerne mal auf dem Küchentisch liegen. Nicht erreichbar zu sein, dieser Zustand existiert im hektischen Amerika nicht. Ich stelle aber fest: Mitunter fühlt es sich tatsächlich gut an, mal nicht erreichbar zu sein!

 

Delikat und scharf -- und sehr deutsch.

Delikat und scharf — und sehr deutsch.

Apropos Supermarkt. Am ersten Sonntag unseres Deutschland-Aufenthalts standen wir doch prompt vor verschlossenen Ladentüren. Wer die meiste Zeit des Jahres im Land des „open 24/7“ lebt, vergisst gerne mal, dass die Verbraucher in Deutschland sonntags keine Lebensmittel erwerben können, außer im Notfall an der Tanke. Dabei ist der allgemeine deutsche Kühlschrank doch so klein. Und er verlangt ständig danach, gefüllt zu werden, vor allem, wenn man solch nimmersatte Kinder hat wie ich.

 

Mein deutscher „Liebherr“ ist nicht mal halb so groß wie unser Ami-Fridge (Refridgerator = Kühlschrank). Ich liebe dieses Teil, es ist so klassisch amerikanisch. Mit Eiswürfel-Maschine, versteht sich. Und es passt unglaublich viel rein: diverse Gallon (je 3,78 l) Milch genauso wie das gigantische Pickle-Glas (sensationelle 4 kg Gewürzgurken) und der Karton mit den 18 Eiern.

 

Alles ist groß in den Vereinigten Staaten, größer als anderswo. „Supersize“ nennen die Amerikaner das.

Selbst das gewöhnliche Huhn legt in den USA größere „mittelgroße“ Eier als seine deutschen Artgenossen. Die Ami-Eier haben (laut Nährwertangaben) allerdings weniger Kalorien und sind länger haltbar als die Eier hierzulande. Fünf Wochen aufbewahren – kein Problem! Meine Eierfrau auf dem Volksdorfer Wochenmarkt kann da nur angewidert den Kopf schütteln: „Aber das gibt’s doch gar nicht“, schnappt sie nach Luft, als ich ihr vom amerikanischen Super-Ei erzähle. Doch, das gibt’s, glauben Sie’s mir! Unmengen von Konservierungsstoffen machen es möglich. Aber ganz ehrlich, darüber möchte ich lieber gar nicht nachdenken.

 

Hach, es ist herrlich mal wieder in Deutschland zu sein!

Ich gönne mir jetzt erstmal eine schöne Scheibe Vollkornbrot mit Quark. Für mich ist das typisch deutsch! Vollkornbrot: können die Amis nicht. Quark: kennen die Amis nicht. Mmmm, lecker!  

 

von Stephanie Lavoie, Wahl-US-Bürgerin, Journalistin, geschrieben Mitte Juli 2012 irgendwo in Hamburg   

 

 

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