• SAKIDA Archiv

Trendforscherin über Job, Werte und Schokolade.

Weiß eine Trendforscherin besonders gut Bescheid? Kann sie nichts mehr überraschen? Was macht sie mit ihrer Glaskugel? Fragen an Corinna Mühlhausen. Trendcoach im Trendbüro von Professor Peter Wippermann. Ich sprach mit ihr über den Lebensstil von morgen, Spaß im Job und Schweinebraten!
 
von Sandra Coy, 17. Februar 2013
 
 
Trendforschung ist ihr Metier: Trendcoach Corinna MuehlhausenFrau Mühlhausen, Hamburg oder München?
 
Mühlhausen: Die Trendforschung passt perfekt nach Hamburg: Eine entspannte Stadt mit hoher Bereitschaft zum Wandel. Hier weht ein steter Wind der Veränderung.
 
Sie forschen über den Gesundheitsmarkt (Healthy Living) der Zukunft. Wie wird sich der Konsummarkt dahingegen verändern?
 
Mühlhausen: Die Konsummärkte spiegeln immer den Wertewandel der Menschen wider. Derzeit erleben wir, wie sich Lifestyle in persönlichen Healthstyle verwandelt. Wir alle geben unserer Sehnsucht nach Gesundheit und Wohlbefinden mehr Raum – und konsumieren entsprechend unseren persönlichen Vorlieben Gesundheitsprodukte aus den Bereichen Vorsorge, Sport, Ernährung, Entspannung, Kosmetik, Reisen usw.
 
Wie gesund leben Sie?
 
Mühlhausen: Ich esse schon seit sehr vielen Jahren sehr ungerne Fleisch, liebe aber Schokolade auf Brot. Darüber hinaus verfahre ich nach der Devise: Iss von allem aber nicht immer das Gleiche. Und kombiniere mit viel Frischem.
 
Leben Sie denn die Trends, die Sie ermitteln?
 
Mühlhausen: Als Trendforscherin, die sich schon seit beinahe zwei Jahrzehnten mit den Veränderungen in unserer Gesellschaft beschäftigt, wäre es schwer möglich, jeden Wandel mitzumachen. Zumal sich viele der Veränderungen auch durch Impulse von außen ergeben – beispielsweise soziale oder kulturelle Veränderungen, die ich natürlich nicht alle am eigenen Leib erfahre. Aber gerade die Themen, die einen selbst berühren, verfolgt man mit einer höheren Leidenschaft und Reflexionsfähigkeit.
 
Sie kennen die Zukunft vielleicht ein bisschen besser als wir. Alarmiert Sie das oder gibt das Wissen Grund zur Entspannung?
 
Mühlhausen: Die Beschäftigung mit den großen gesellschaftlichen Wertewandelentwicklungen, also Trends, ist grundsätzlich etwas, was die eigenen Ängste vor Veränderungen und der Zukunft abbauen hilft. Die Trendforschung  weiß, dass wir Menschen als Individuen sowie als Gesellschaft sehr gut in der Lage sind, uns auf Neues einzustellen. Trends sind deshalb immer auch Beschreibungen von Anpassungsstrategien – spannend und beruhigend zugleich.
 
Sie haben sich auch schon mit dem Thema „Spaß im Job“ beschäftigt. Ihre fünf wichtigsten Punkte dazu?
 
Mühlhausen: Die Arbeitsmarktforschung zeigt, dass es tatsächlich fünf Zutaten sind, die aus einem Job einen erfüllenden Beruf machen: Das Gefühl von Selbstwirksamkeit, Anerkennung, Abwechslung, Standortfaktoren, Entlohnung. Mit den Veränderungen in Ökonomie und Ökologie, in Technik und Kultur verändern sich natürlich auch die Anforderungen, die an den Einzelnen gestellt werden. Das geht nicht immer ohne Reibungsverluste ab. Und trotzdem kann jeder für sich selbst, in seinem Team und mit seinem Vorgesetzten versuchen, ein wenig von dem Sand zusammenzukehren, der so gerne ins Getriebe rutscht.
 
Gibt es aktuell Trends, die Sie und Ihre Kollegen überhaupt nicht vorhergesehen haben? Oder Vorhersagen von vielen Forschern, die bis heute nicht eingetroffen sind?
 
Mühlhausen: Mit der Jahrtausendwende und auch jetzt wieder nach dem prognostizierten aber ausgefallenen Weltuntergang vom 21.12.12 wurde auf breiter Front Bilanz gezogen: Welche Visionen der Futurologen beispielsweise aus den 1960 bis 1970er Jahren haben sich bewahrheitet, welches Gadget zur Erleichterung des Alltags – von selbstfahrenden Autos bis zu Bildtelefonen – wurde Realität? Und das Ergebnis zeigt eine erstaunlich hohe Trefferquote. Nur wenige Vorhersagen waren utopisch. Die moderne Trendforschung hat sogar eine noch höhere Trefferquote. Die Beschäftigung mit der Zukunft ist keine Glaskugel-Guckerei – obwohl ich sogar eine wunderschöne besitze. Es geht vielmehr darum, die Entwicklungen von Gegenwart und jüngerer Vergangenheit heranzuziehen, um daraus wahrscheinliche Zukünfte für die nächsten Jahre zu entwickeln. Und so Gesellschaft und Wirtschaft auf das vorzubereiten, was auf uns zukommt.
 
Von Ihnen stammt der schöne Begriff „Lattemacchiato Familie 2.0“ (Leben 2030). Was können wir uns denn darunter vorstellen?
 
Mühlhausen: Die typische Lattemacchiato Mutter wohnt im Prenzlauer Berg in Berlin und ist in letzter Zeit gehörig in Ungnade gefallen. Sie tut den ganzen Tag nichts als mit ihrem Kind in Cafés abzuhängen und ihre ländliche Heimat nun in der großen Stadt nachzuspielen. Der Zusatz des 2.0 soll aber andeuten, dass auch dieser Lebensstil schon wieder im Wandel begriffen ist: Die neuen Lattemacchiatos sind nicht mehr nur Mütter, sondern gleich ganze Familien. Sie pflegen eine starke Werteorientierung, sind dabei nicht per se unpolitische Hipster. Vielmehr haben sie sich zu modernen Familien weiterentwickelt, die sich um eine neue Geschlechterparität und ein ausgeglichenes Familien- und Berufsleben bemühen. Der Latte Macchiato bleibt als Getränk das Symbol für die Sehnsucht nach der Heimat im urbanen Raum, nach Weltoffenheit gepaart mit Traditionsbewusstsein.
 
So und nun, ganz wichtig: Was wird uns alle 2013 beschäftigen?
 
Mühlhausen: Wir werden in diesem und in den nächsten Jahren erleben, wie sich das Grundprinzip unserer Gesellschaft wandelt. Aus strengen Hierarchien werden flexible Netzwerke. Dieser Wandel ändert die Art, wie wir Innovationen generieren, wie wir kommunizieren, wie wir produzieren. Wir können uns jederzeit miteinander vernetzen, der Einzelne kann sich einmischen, weil er die Macht hat, mit einer Stimme unendlich viele Menschen zu erreichen. Im Ergebnis steht uns dadurch eine Umkehr der Kräfteverhältnisse bevor: Unternehmen erkennen, dass sie erst nach den Bedürfnissen der Menschen fragen müssen und dann produzieren und liefern sollten, das Individuum muss die Herausforderung ernst nehmen, sich selbst als Hauptverantwortlichen seines persönlichen Lebensglücks anzuerkennen. Das geht nicht ohne Reibungsverluste vergrößert aber das Spielfeld unserer Möglichkeiten. Resilienz, also die Anpassungsfähigkeit, wird zum Schlüssel zum Glück. Und dazu gehört auch, dass jeder Einzelne Strategien erlernen muss, seine eigenen Kräfte einzuteilen und beizeiten die Batterien wieder aufzuladen.
 

0 Kommentare

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

zurück