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Seine Affäre.

 

Es traf mich völlig unvermittelt. „Ich liebe eine Andere“, sagte er. „Hier ist es ja nicht mehr gut, das hast Du ja auch schon gemerkt. Ich ziehe zu ihr.

 

So ungefähr waren seine Worte an diesem Abend, die mich aus einem scheinbar sicheren (Ehe)leben hinauswarfen. Wenn ich daran denke, sehe ich ihn vor mir, als wäre es gestern gewesen. Ich hätte es kommen sehen müssen. Können? War ich blind? Dass er unzufrieden war, hatte ich ihm schon einige Monate lang angemerkt. Nur noch nörgelig war er, noch schweigsamer als sonst. Immer weniger schmusig. Dennoch kam immer wieder mal ein „Ich liebe Dich“. Ich hatte auf seine Warnungen und Bitten, die er nur vorsichtig, leise, auf seine Weise eben aussprach, nicht gehört. Du bist zu viel weg. Ich brauche Dich. Ich wünsche mir mehr Zärtlichkeit. Ich hatte das nicht so ernst genommen. Nun hatte ich den Salat selbst kräftig mit angerichtet, seine Affäre.

In diesem Moment brach für mich eine Welt zusammen.

Wir hatten uns doch so geliebt! Was war noch davon übrig? Bei ihm scheinbar nichts. Bei mir? Ich war nicht sicher. Wenn ich ehrlich bin, hatte aber auch ich in letzter Zeit unsere Beziehung in Frage gestellt. Oder, besser gesagt, ich war immer weniger gern nach Hause gekommen, weil die Stimmung dort eben mies war, ein missmutiger Ehemann, der dazu noch mit meiner Tochter, wie ich fand, nicht gut umging. Also lebte ich für meine Arbeit. Alle Leidenschaft steckte ich in neue Projekte anstatt in meine Ehe. Wenn ich spät nach Hause kam, ging ich nicht ins Bett, sondern schrieb noch e-mails. Sexualität schien nicht mehr wichtig für mich. Ich diskutierte mit Freundinnen, wie ich das Zuhause ändern könnte, was mir fehlte, was ich gern von ihm hätte. Anstatt Zeit mit ihm zu verbringen. Anstatt die Liebe zu leben, baute ich Phantasiegebäude und Wunschschlösser auf. Rosarote Wolkenbilder vom Prinzen, der mich auf Händen trägt und mir zu Füssen liegt. Ja, da hatte ich wohl einen schweren Fehler gemacht. Aber deshalb eine Andere zu suchen? Mich wochenlang zu hintergehen? Und jetzt so mir nichts dir nichts aus dem Staub machen? War das die Lösung? Ich konnte es mir nicht vorstellen.

Ich war mir seiner Liebe zu sicher gewesen.

Ich hatte unendliches Vertrauen gehabt. Nie im Leben gedacht, er könnte gehen, sich anderweitig umschauen, eine Affäre haben. Und jetzt das!

Nach etwa vier Stunden Diskussionen, Heulen und Zähneklappern ging er. Er war durch nichts aufzuhalten, wirkte wie unter Drogen. Völlig ruhig und abgeklärt beantwortet er mir meine Fragen mehr oder weniger, fast, wie man einen Einkaufszettel bespricht, und schaute seelenruhig zu, wie ich mich mehr oder weniger in Tränen der Verzweiflung auflöste. Das war nicht mehr der Mensch, dem ich all meine Liebe geschenkt hatte.

Das Auto hatte er schon gepackt mit den wichtigsten Sachen. Ich war ja den Tag über im Büro und beim Meeting mit meiner Freundin gewesen, und am Abend hatte ich noch eine Veranstaltung. Er hatte Zeit, seinen grausamen Plan in Ruhe vorzubereiten. Als ich mit dem Auto auf unsere Auffahrt fuhr und die Steine unter den Reifen das bekannte knirschende Geräusch machten, sah ich im Augenwinkel, dass es in seinem Wagen anders aussah – realisierte es aber nicht wirklich und machte mir keine Gedanken. Ich ging ins Haus, er begrüsste mich, fragte, ob ich etwas trinken wolle, ja, ich wollte auch etwas essen, merkte aber schon, es lag etwas in der Luft. Ich solle mich mal setzen. Und dann diese Worte: „Ich liebe eine Andere. Ich ziehe zu ihr.“

Nachdem er weg war, saß ich noch eine Weile mit meiner Tochter zusammen, fassungslos. Sie schmiedete schon Pläne. In die Stadt ziehen oder aus meinem Haus ein „Frauenpowerhaus“ machen. Ich stoppte sie. So weit war ich noch lange nicht!

Irgendwann gingen wir zu Bett. An Schlaf war aber nicht zu denken. Ich versuchte es immer wieder, aber mit dem leeren Bett neben mir? Unmöglich. Ich setze mich an (seinen) Computer und entwarf eine e-mail an ihn. Ich schickte sie nicht ab. Der Text war immer wieder weg, weil ich falsch klickte, er wurde immer länger und enthielt mehr Vorwürfe. Gut, dass ich ihn nicht absandte.

Ich ging dann doch wieder ins Bett. Am nächsten morgen, Samstag, machte ich eine Art Rundreise zu einigen Freundinnen. Jetzt bloß nicht Zuhause allein sein! Ich heulte mich überall aus. Alle nahmen sich Zeit, waren fassungslos, glaubten kaum, was ich erzählte. Zwischendurch lachte ich, weil alles so unwirklich war mit dieser Affäre. An diesem Tag erkannte ich, wie wertvoll meine Freundinnen sind und war unendlich dankbar. Von ihm hörte ich nichts. Doch, ganz kurz. Ich hatte ihm noch eine SMS hinterhergeschickt in der Nacht, nachdem er gegangen war. „Pass auf Dich auf. Ich liebe Dich.“ Er antwortet: „Pass auch auf Dich auf. Du bist mir nicht egal.“ Es war nicht das, was ich hören wollte …

Abends holte ich meine Tochter von der Arbeit ab, und wir fuhren gemeinsam nach Hause.

Eine zweite, fast schlaflose Nacht. Am Sonntag besuchte ich eine sehr gute Freundin weiter entfernt. Die Fahrt tat mir gut. Weg von zuhause. Nur nicht an seine Affäre denken. Reden. Nicht allein sein. Wir aßen gemeinsam und machten einen langen Spaziergang.

Als ich wieder zuhause in den leeren Kleiderschrank schaute, wurde mir ganz schlecht. Er hatte so gut wie alle Klamotten mitgenommen.

Es war also ernst?

Abends machte ich mir sogar Feuer im Ofen an und saß gemütlich im Wohnzimmer. Und telefonierte. Lange, bis nach Mitternacht. Keiner störte mich dabei. Gefühlsmässig schwankte ich zwischen Verzweiflung und meiner unendlichen Zuversicht, die mich schon bei der Geburt meiner Tochter über die Stunden voller Schmerzen getragen hatte. Es gab Momente, da glaubte ich fest daran, dass er zu mir zurückkommen würde, und dann wieder diese Angst, die Panik, er ist für immer gegangen.

Montag früh fuhr ich ins Büro.

Kaum im Auto, hatte ich einen unglaublichen Traurigkeitsanfall. Ich telefonierte mit einer Freundin. Sie unterstütze mich beim Formulieren einer e-mail an ihn. Aus langen Ausführungen und krausen Gedanken entstand ein Satz. „Ich habe viel nachgedacht und bitte Dich um ein Gespräch.“

So schickte ich es ab – und wartete bangend auf die Antwort. Ich erledigte meine Arbeit mehr oder weniger abwesend. Tatsächlich rief er am Vormittag an. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Er war vollkommen kühl, distanziert. Unerträglich! Er wolle seinen Computer abholen von zuhause. Er könne auch meine Flyer weitermachen, wolle mich damit nicht hängen lassen, sagte er. Ach, Du verlässt mich, aber willst mich mit den Flyern nicht hängen lassen?

„Wie geht es Dir“, fragte er. „Wie es mir geht? Du verlässt mich, hast eine Affäre, und fragst mich zwei Tage später, wie es mir geht?“ Er schwieg. Ich wählte meine Worte bewusst und machte Pausen, ungewöhnlich für mich. Ich presste das Handy an mein linkes Ohr, um sein Gefühl zu hören, irgendetwas, was mir Hoffnung machen würde…

Meine e-mail hatte er noch nicht gelesen. Ich bat ihn um das besagte Gespräch. In diesem Moment veränderte sich die Stimmung. Ich spürte wieder Gefühl bei ihm, es war nahezu greifbar. Er wunderte sich wohl, glaube ich. Wieso will sie mit mir reden? Er sagte, er würde sich später nochmal melden. Ich war total aufgewühlt nach diesem Gespräch und mir zitterten die Knie. An Konzentration war nicht zu denken. Nachmittags klingelte mein Handy. Eine unbekannte Nummer. Es war ER.

Er fragte, ob ich übermorgen Zeit hätte. Hatte ich. Später verschoben wir den Termin schon auf den nächsten Abend. Ich schöpfte wieder Hoffnung und war sehr aufgeregt. War doch noch nicht alles verloren?

Meine Veranstaltung am Abend leitete ich mit gewohnter Routine und sie verlief sogar besonders gut. Erst danach rollten die Tränen. Ich saß noch mit zwei Frauen zusammen und wurde lieb getröstet.

Am nächsten Abend trafen wir uns dann; er holte mich ab und nahm mich gleich in den Arm. Mir stiegen die Tränen hoch. Wir gingen in ein griechisches Restaurant. Es war wie beim ersten Rendevouz. Woher nahm ich bloß meine Zuversicht? Es war noch lange nicht klar, wie es weiterging!

Ich hatte Briefe aus unserer ersten Zeit gefunden, die geprägt waren von zusammen sein und wieder verlassen werden. Eineinhalb Jahre hatte es gebraucht, bis er sich endlich für mich entschieden hatte, damals.

Das Gespräch begann langsam. „Wie geht es Dir“, fragte er. Pause. Wie soll es mir gehen? Ich zeigte ihm einen der Briefe, was ich erst für später geplant hatte, und er las ihn von vorn bis hinten durch. Er hatte damals geschrieben, wir müssten dafür sorgen, dass es nun auch gut ginge, auch ich! Da ich mich schon einmal getrennt hatte, befürchtete er wohl eine Wiederholung. Ha ha.

Der Brief bewegte ihn sichtlich. Wir nahmen uns schon wieder in den Arm, redeten, lachten, weinten. Später, zuhause, redeten wir weiter. Er sagte, er wolle wiederkommen. Wiederkommen? Zurückkommen!? Ich bin da sehr genau. „Bleib doch gleich hier“, bat ich. „Nein, das ginge nicht, er müsse da noch einmal hin.“

Als er weg war, war ich auch ein bisschen froh. Ich wusste auf einmal nicht mehr, ob ich ihn wirklich wiederhaben wollte. Was hatte er gesagt? Wenn ich ihn wiederhaben wolle, müsse ich mich um 180 Grad drehen! Das hatte er gesagt. Aber wollte ich das? Ich wollte ihn zurück haben, aber doch nicht, wenn ich mich dafür total verdrehen sollte. (Später wollte er davon nichts mehr wissen, es war alles nicht so gemeint, sagte er, ich solle es bitte vergessen… )

Ich war durcheinander, holte meine Tochter ab, telefonierte. Deshalb bekam sie erst eine halbe Stunde später mit, dass er wohl wieder kommen würde. Was??? „Das musst Du mir doch sofort sagen!!“, belehrt sie mich. Ich lachte. Obwohl sie oft nicht gut mit ihm auskam, war ihr nur wichtig, dass ich nicht mehr weinen musste.

Am nächsten Tag hatte ich frei und fuhr meine Tochter zur Arbeit. Wir frühstückten zusammen – in einem kleinen, portugiesischen Cafe, gegenüber ihres Ladens. Da klingelte mein Handy und mir blieb fast das Herz stehen. ER war dran. Mit einer tiefen, rauen Stimme sagte er: „Ich hab’s ihr gesagt, ich packe, ich komme nach Hause.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. „Bist du zuhause?“, fragt ich. „Nein. Aber in einer Stunde kann ich da sein.“

Völlig verheult stand er dann vor der Tür. Ich schnappte mir den Hund, der um den Block musste, um nicht mit ihm gemeinsam den Koffer auszupacken. Dann frühstückten wir, redeten und heulten. „Das war also mein Ausflug nach Q.“, sagte er. „Und nun bin ich wieder zuhause.“ Ich schlug vor, ans Meer zufahren. Und das taten wir auch. Und feierten abends unsere neu erwachte Liebe …

Warum er zurückgekommen ist?

Ich glaube, der Brief, sein eigener Brief, aus unserer Anfangszeit, hatte ihm zu denken gegeben. Und ihn an Gefühle erinnert. An seine Liebe zu mir. Die wohl immer da war. Genauso, wie bei mir. Durch den Alltag waren wichtige Bedürfnisse untergegangen, wir haben sie untergehen lassen. Nun gab es einen neuen Anfang für uns, eine neue Chance.

Inzwischen ist ein Jahr vergangen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe mit Gänsehaut diese Geschichte auf. Ich liebe ihn, meinen Mann. Und er liebt mich. Wir streiten hin und wieder, ja. Wir unternehmen viel miteinander. Wir schauen uns wieder in die Augen. Was für ein Glück!

 

Januar 2013

„Seine Affäre“ ist eine wahre Geschichte von einer SAKIDA-Leserin. Sie ist mittleren Alters, beruflich unabhängig und schreibt gern. Ihren Namen möchte sie nicht veröffentlichen.

Wenn auch Sie verlassen worden sind, oder verlassen haben, und andere Frauen an Ihren Gefühlen teilhaben lassen möchten, zögern Sie nicht, uns zu schreiben:  mail(at)sakida.de  

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