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Sein Krieg im Kopf!

Dass Marita Scholz eine Kämpferin ist, hat sie früh bewiesen: Sie war Leistungssportlerin, wurde 2002 Ruder-Weltmeisterin im Doppelvierer. Im selben Jahr lernt sie ihren späteren Mann kennen, einen Zeitsoldaten. Was sie sofort an ihm mag, ist die Sicherheit, die er ausstrahlt, seine warme Stimme, seine weichen Hände. Heute ist er ein seelisch gebrochener Mann, ängstlich, schreckhaft, zum Teil aggressiv. Marita Scholz kämpft um ihn und ihre Kinder — und dass sie eine normale Familie werden.

 

Ihr Mann ist durch zahlreiche Auslandseinsätze der Bundeswehr höchst traumatisiert, weil Kameraden an seiner Seite starben, er Selbstmordanschläge und gegnerischen Beschuss nur knapp überlebt und verstümmelte, hungernde, sterbende Kinder gesehen hat. Diagnose nach zahlreichen Auslandseinsätzen: Posttraumatische Belastungsstörung. Was seine Seele zerstört hat, darüber redet er kaum; darf er nicht reden. Er gehört einer Spezialeinheit der Bundeswehr an. Höchste Geheimhaltung.

ein Bundeswehr-Soldat in Afghanistan    Bundeswehr/Wayman2010

ein Bundeswehr-Soldat in Afghanistan

Er trägt den Krieg in seine Familie hinein, kontrolliert seine Frau, erdrückt sie fast mit seiner Eifersucht, tobt, haut tagelang ab. Weg ist die Sicherheit. Stattdessen Furcht, Ohnmacht, Schweigen, Schuldgefühle, Isolation. Marita Scholz wird im Kampf um ihren Mann depressiv.

Sie hat ihren Schmerz in einem Buch niedergeschrieben. Sie erzählt darin, wie sich ihr Mann verändert, was diese Veränderung mit ihr macht — und später auch den Kindern, wie brutal die Familie mitleidet, und dass sie um jede Hilfe kämpfen muss. Die Bundeswehr bietet ihr keine an, sie wird auch in die Therapien ihres Mannes nicht einbezogen. Sie klagt mit ihrem Buch auch die Bundeswehr an:  Ich kann doch kein Problem privatisieren, das nicht im Privaten angefangen hat! Und sie fordert: Bietet Angehörigen und betroffenen Soldaten mehr Hilfe an!

schwerer Abschied - Soldat geht in den Einsatz               Foto Bundeswehr/Herolt

schwerer Abschied - Soldat geht in den Einsatz

„Heimatfront: Mein Leben mit einem Kriegsheimkehrer“ ist ein Buch mit Sprengkraft. Es zeichnet das Bild einer Bundeswehr, die ihre Soldaten, die seit 1992 immer öfter im Ausland ihren Kopf für Deutschland hinhalten, zu oft nicht fürsorglich behandelt und ihre Familien mit dem Kriegs-Trauma ihrer Partner zu lange allein gelassen hat.

 

Dani Parthum, 28. Februar 2012
Fotos:  Bundeswehr/ Wayman2010 und /Herolt2010

 

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