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Die Redenschreiberin.

PolitikerInnen reden viel und oft. Vieles, was sie dabei sagen, haben sie aber gar nicht selbst formuliert. RedenschreiberInnen erledigen das. Ein diskreter Job. Fast immer bleiben sie im Hintergrund und ihre Namen unerwähnt. Dabei formen RedenschreiberInnen das Bild von Politikern in der Öffentlichkeit mit.

 Parlamentarische Rede vor der Bürgerschaft

 

SAKIDA hat mit einer Redenschreiberin gesprochen, die einer hochrangigen Hamburger Politikerin die Redemanuskripte entwirft. Sie möchte anonym bleiben. Bevor sie angefangen hat, für PolitikerInnen zu texten, war sie Journalistin und Moderatorin im Radio und Fernsehen.

von Dani Parthum,  14. August 2012

 

Haben alle Politiker und Politikerinnen jemanden, der für sie die Reden schreibt?

Viele, vor allem die, die in Regierungsverantwortung stehen. Diese Politiker haben wahnsinnig viele Termine. Da geht das gar nicht anders. Außerdem müssen Politiker Fähigkeiten haben, zu denen nicht unbedingt grimmepreisverdächtiges Schreiben und Reden gehört. Natürlich ist es klasse, wenn jemand ein rhetorisches Naturtalent ist. Aber das gibt es nicht oft. Viele Politiker sind Juristen, die gern Juristen-Fachjargon benutzen. Damit kann man bei einer Rede niemanden begeistern. Deshalb ist es normal, dass es Leute wie mich gibt. Redenschreiber gab es ja schon im alten Griechenland.

Für eine gute Rede von zehn Minuten brauche ich etwa zwei Tage á sechs bis acht Stunden. Da ist die Recherche mit drin. Von den Planungsstäben erhalte ich Thema und Fakten, und dann versuche ich, das mit einer politischen Botschaft zu versehen und in einen schönen Guss zu bringen.

 

Das heißt, Politiker sagen gar nicht klipp und klar, was in ihren Reden auftauchen soll?

Das ist unterschiedlich. Bei politischen Reden im Bundestag oder der Hamburgischen Bürgerschaft ist das so, bei einem Grußwort zum Beispiel für einen neuen Roboter aber ist das nicht unbedingt nötig. Kein Politiker hat Zeit, über jedes Thema selbst lange zu recherchieren. Er muss nur mit den nötigen Informationen versorgt werden, damit er sich auf den Termin insgesamt vorbereiten kann.

Aber da will er oder sie ja nicht nur sagen, der Roboter kann das und das, ist so schwer und braucht so und soviel Watt. Diese Fakten bekomme ich als Redenschreiberin geliefert und nutze sie für eine übergreifende Idee. Dabei versuche ich herauszustellen, was das Besondere an dem Roboter ist, wie sehr er das Land voranbringt, und dass diese Technologie ein kleines Beispiel für die große Innovationskraft der lokalen Wirtschaft ist – gefördert vom Land. Das letzte wäre in diesem Grußwort dann die politische Botschaft.

 

Im Film „The Queen“ feilt Premier Toni Blair mit seinem Redenschreiber an jedem Wort im Manuskript. Ist das auch bei Dir so?

Nein. Ich hatte aber auch noch keine Regierungserklärung! Bei solchen Reden geht es oft hin und her, habe ich bei meinem Kollegen beobachtet, der Regierungserklärungen schreibt. Da entscheidet der Redner ganz viel selbst, sowohl beim Inhalt als auch bei der Form.

Der Politiker, für den ich bis vor kurzem geschrieben habe (ein für Hamburg sehr wichtiger, Anmerkung SAKIDA), arbeitet sehr hart am Text, weil er weiß, dass er nicht soviel Präsenz hat wie andere Politiker. Deshalb ist in seinen Reden sehr viel von ihm drin. Ich bin oft zu seinen Veranstaltungen gegangen, um mir die Reden anzuhören und zu schauen, wie kommt er mit meinem Text klar. Er hat auch viele Artikel geschrieben, aus denen sein Denkgebäude hervorgeht, und das habe ich immer wieder aufscheinen lassen, seine Kernbotschaften.

Ich habe aber auch von Kollegen gehört, dass es Politiker gibt, die nehmen, was sie kriegen, gucken sich den Text nicht weiter an, fahren los und lesen ihre Rede ab.

 

Gelingt Dir eine Rede besser, wenn Du den Redner magst oder sympathisch findest?

Mögen ist einfacher. Der Politiker, für den ich bis vor kurzem gearbeitet habe, war schwieriger zu fassen. Da war eine Distanz da. Vielleicht, weil er ein Mann ist. Jetzt schreibe ich für eine Politikerin, das geht viel besser.

Es ist für mich auch leichter, wenn ein kontinuierlicher Kontakt herrscht, wenn ich Rücksprache halten kann. Im letzten Feedback hat sie mir beispielsweise gesagt, meine Reden seien tendenziell etwas zu lang. Das war eine gute Ansage, da weiß ich jetzt, ich kann gleich von vornherein zwei Minuten abziehen.

 

Das heißt, zum Job gehört auch, die Eigenheiten Deiner RednerInnen zu studieren.

Klar, das macht die Dienstleistung Redenschreiben aus: Dass sie möglichst genau auf den Kunden, die Kundin zugeschnitten ist. Redenschreiben ist ja etwas sehr Persönliches, fast Intimes. Als ich mich beworben habe für meine aktuelle Stelle, habe ich mir Videos mit der Politikerin auf Youtube angesehen. Im Bewerbungsgespräch wurde ich dann gefragt: Wie schätzen Sie sie ein, was ist sie für eine Rednerin? Und da habe ich meinen Eindruck geschildert, was ihre Vorzüge sind, nämlich ihre tiefe, warme Stimme, und dass sie sehr deutlich und ruhig spricht. Aber in dem Moment, in dem sie vom Manuskript lässt, fängt sie an zu schwimmen. Zumindest wirkt es so.

Außerdem will ich wissen, ob es zwischen uns passt – flammende Worte für den Wiedereinstieg in die Atomkraft würde ich nicht schreiben! Definitiv nicht. Und nicht zu vergessen, das Publikum!

 

Das Publikum?

Ich versuche immer genau zu recherchieren, wer da sitzt und zuhört und welche Erwartungen die Zuhörer an die RednerIn haben.

Vor allem: Welche Fragen stellt sich das jeweilige Publikum. Wenn ich mich in die Zuhörer hineinversetze und ihre Fragen notiere, dann ergibt sich schon eine Gliederung und ich weiß, wo ich die Zuhörer abhole und wohin ich sie führen will mit dem Text. Ich nehme die Fragen also vorweg, die im Publikum auftauchen können, nehme sie auf und beantworte sie in der Rede. Das ist superspannend!

 

Wie hast Du das Reden schreiben gelernt?

Ich habe in Tübingen „Allgemeine Rhetorik“ studiert. Da lernt man unter anderem dieses ganze theoretische Rhetorik-System aus der Antike kennen mit allen Arbeitsschritten und Redeteilen. Die man als RednerIn oder RedenschreiberIn aber natürlich brechen kann.

Ich habe kürzlich Peer Steinbrück, unseren Ex-Finanzminister, auf youtube gesehen, beim Blankeneser Neujahrsempfang. Ein lustiger, informeller Termin. Dort sprach er völlig frei, reihte Anekdoten aneinander und alle im Raum lagen unterm Tisch. Das ist begnadet! Steinbrück ist dabei überhaupt nicht stringent. Und trotzdem rockt er so eine Versammlung. Er ist witzig, intelligent, aktuell. Das kriegt kein Redenschreiber so hin.

Für meine Tätigkeit hat mir das Studium aber sehr geholfen. Für jede Art von Textproduktion gilt im Grunde: Ich brauche einen Anfang, einen Mittelteil, einen Schluss. Den Anfang kann ich auch weglassen, das nennt sich dann “in medias res”. Gut sind immer drei Gedanken, am besten finde ich ein Motiv oder Zitat. Das muss zur Botschaft der Rede passen, und das nehme ich als roten Faden immer wieder auf.

 

Wer sich selbst am Reden formulieren und halten versuchen will: Was sind die gröbsten Fehler?

Es gibt viele Fehler: zu schnell reden, an den Hörern vorbei reden, Sprache benutzen, die nicht zum Publikum passt. Und: Die Zuhörer langweilen. In dem man nur Fakten herunterbetet oder Fachchinesisch verwendet. Das passiert durchaus oft!

Ich habe auch viel mit Juristen zu tun, die in den Behörden zum Reden schreiben eingesetzt werden. Viele von denen produzieren Schriftdeutsch und schreiben nicht für das Hören. Da war meine Radiozeit natürlich eine sehr gut Schule.

Oft fehlt auch eine übergreifende Idee. Ich habe kürzlich eine Rede gegengelesen, die gespickt war mit Zahlen, weil es um einen Hochleistungsrechner ging. Fakten reihten sich an Fakten, ohne roten Faden. Das langweilte. Ich habe dann vorgeschlagen, den Text unter den Gedanken zu stellen: Bei uns im Land konnte man schon immer gut rechnen, das zeigt dieses und jenes. Damit kann jeder etwas anfangen, ein übergreifender Gedanke, die Metaebene der Rede.

 

Gehst Du staatstragend durchs Zimmer, wenn die Rede fertig ist und trägst sie laut vor?

Ich spreche schon vor mich hin, um aufzupassen, dass ich Sprechdeutsch fabriziere und nicht Lesedeutsch. Aber dafür gehe ich nicht durchs Zimmer. Ich versuche mir aber immer den Redner vorzustellen, also zurzeit meine Rednerin. Das gelingt mir bei ihr gut. Sie hat eine sehr charakteristische, ruhige Art zu sprechen. Und doch ist es manchmal so, dass ich mich dabei ertappe, dass ich mich im Geiste selber höre. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht für die ehemalige Moderatorin schreibe, sondern wirklich für „meine“ Politikerin.

 

Deine Stelle läuft in wenigen Monaten aus. Was dann?

Ich bereite gerade meine Selbständigkeit als Redenschreiberin vor. Demnächst geht mein “rednernotdienst” online: Ein 24-Stundenservice, der sowohl komplette Redetexte, Hilfe beim Texten als auch Rhetorikcoaching bietet.

Im Studium fand ich den Journalismus immer spannender, aber jetzt habe ich das Redenschreiben für mich entdeckt. Ich würde gern weiterhin Politikerinnen und Politikern Worte in den Mund legen. Je nachdem, welches Ressort ein Politiker inne hat, wird eine Rede zur Eröffnung der Sternwarte gebraucht, wo ich mit Astrophysik glänzen kann, oder eine Rede über Bildungspolitik; dazu Wahlkampfreden und die vielen Grußworte, gern auch vor dem berühmten Kaninchenzüchterverein. Diese Bandbreite ist unglaublich spannend! Außerdem möchte ich neue Auftraggeber in der Wirtschaft akquirieren.

 


 

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