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Modernes Schweden: „hen“ statt er oder sie


von Susanna Stempfle Albrecht,  Mai 2013 

Mädchen und Junge in freundschaftlicher Umarmung.

Die Schweden diskutieren einmal mehr etwas ganz revolutionäres, um Frauen und Männer gesellschaftlich gleich zu stellen. Kein Wunder, dass dieses Land die Frauenquote gar nicht erst braucht.

Jetzt gehen die Schweden wieder einen großen Schritt weiter und widmen sich der Macht der Sprache. Denn die Nordeuropäer wissen, wie stark Sprache unsere Meinungen und Wertevorstellungen lenkt und beherrscht. Und deshalb reden sie sich zurzeit gerade die Köpfe über ein neues Personalpronomen heiß. Sie wissen schon: er, sie oder es. 

 

Die Schweden wollen künftig nicht mehr „er“ oder „sie“ sagen

Zum Beispiel in Sätzen wie „Er spielt mit Autos.“ oder „Sie spielt mit ihrer Puppe.“. Die Schweden wollen statt dessen diesen Teil der Sprache frei von geschlechtlicher Stereotypisierung, Ungleichbehandlung und Stigmatisierung halten. Dafür haben sie das „hen“ erfunden, angelehnt an das geschlechtsneutrale finnische Personalpronomen „hän“ und im Schwedischen zusammengesetzt aus dem männlichen Pronomen „han“ (er) und dem weiblichen „hon“ (sie). Unter Umständen spielt dann ER auch nicht mit dem Auto, sondern „hen“ spielt mit Puppen.

Alles klar?

Kindergärten, Schulen – und zum Teil auch Parteien und Medien – haben von diesem neuen Wort bereits Gebrauch gemacht und es in Kinder- und Schulbücher übernommen. Auch bei der Gesellschaft für schwedische Sprache (Svenska språkrådet) und Wikipedia hat sich „hen“ seinen Platz erobert.

 

„hen“ auch in Deutschland denkbar

Übertrüge man dieses Ansinnen ins Deutsche, käme etwas Ähnliches heraus wie „sur“ (sie-und-er) oder „eus“ (er-und-sie) oder „eos“ (er oder sie). Der Satz: „Sie geht in die Vorschule Egalia.“ würde dann neudeutsch heißen: Eos geht in die Vorschule Egalia.

Im Schwedischen klingt dieses geschlechtsneutrale Pronomen geschmeidiger und weniger fremdartig, weil „hon“ und „han“ im Klang wesentlich näher beieinander liegen als im Deutschen das „sie“ und „er“.

 

Nicht alle Schweden begeistert 

Nun ist es aber nicht so, dass dieses neue Pronomen „hen“ bei allen Schweden gleich gut ankommt. Es hagelt Proteste und Diskussionsforen mussten wegen der zu hohen Datenfrequenz geschlossen werden. Besonders stark hat man sich an der schwedischen Lehrerin und Schulrektorin Lotta Rajalin abgearbeitet.

Rajalin war es, die 1998 die per Schulgesetz beschlossene geschlechtliche Gleichstellung in Schulen und Kindergärten ernst genommen und 2010 die Vorschule mit dem vielsagenden Namen „Egalia“ gegründet hat. Inzwischen leitet Rajalin sieben Vorschulen.

Eingangstor der Vorschule Egalie nahe Stockholm

 

 

 

 

 

 

Kritiker werfen ihr vor, sie sei mit ihrem politischen Konzept der Gleichstellung, sprich mit der offiziellen Einführung des Wortes „hen“ und der totalen genderpädagogischen Ausrichtung an schwedischen Schulen, zu weit gegangen. Die künstliche Neutralisierung der Geschlechter in Form des „hen“ würde Kinder verwirren und den Umgang mit Geschlecht und Sexualität sowie ihre eigene Identitätsfindung erschweren. Die Anfeindungen gingen so weit, dass Rajalin Drohbriefe erhielt, auch an ihre private Adresse.

 

Die Macht der Sprache – bekannt aber nur Wenigen bewußt

Dass Bilder und Sprache prägen und polarisieren ist längst bewiesen. Und wie wichtig es für die Entwicklung einer Gesellschaft ist, Stereotype und Klischees immer wieder zu überprüfen und aufzubrechen, ebenso. Das haben auch wir Deutschen zuletzt eindrucksvoll an den sexistischen Bemerkungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer Journalistin gesehen. Die öffentliche Kontroverse in Schweden über das kleine Wörtchen „hen“ zeigt, wie schwer sich selbst so eine moderne und offene Gesellschaft wie Schweden mit so einem sprachlichen Novum tut.

Sicherlich hat sich die neue Pädagogik keinen Gefallen getan, im Nachhinein auch alte Lieder und Sagen umzuschreiben, eine Unart, der auch unsere Familienministerin Kristina Schröder verfallen ist. Und sicherlich ist es anfangs nicht ganz leicht, sich artikulatorisch und phonetisch umzugewöhnen, kommt „hen“ doch zunächst eher sperrig und uncharmant daher.

Wer diskutiert in Schweden vehement gegen die kleine, revolutionäre Neuerung? Es sind Politiker und Beamten. Die Eltern jedenfalls scheinen nichts Negatives an dem neutralen „hen“ zu haben. Denn die von Rajalin 2010 gegründete Vorschule in Stockholm ist unter schwedischen Eltern so sehr beliebt, dass es lange Wartelisten gibt.

 

Test auf Alltagstauglichkeit – einfach mal probieren

Und doch bewegen solche breit geführten, kontroversen Debatten unsere Gesellschaft. Denn immer noch unterschätzt die Mehrheit der Menschen nach wie vor die Macht der Sprache im Alltag.

Deshalb zum Schluss ein paar gänzlich unideologische Tipps, warum so ein neues Pronomen auch bei uns in Deutschland hilfreich sein könnte:

  1. Es ist bequem (Verkürzung der Formulierung er und/oder sie)

  2. Es ist unverfänglich (Wahrung der Geschlechterneutralität)

  3. Es macht aufmerksam (Hingucker, „Hey hen ist total Hipp!“)

 

Jetzt brauchen wir nur noch ein deutsches Pendant. Wie wäre es mit „eos“ = er-oder-sie:  „Eos möge jetzt eosen Kommentar zu diesem Artikel schreiben! “, um damit auch in Deutschland eine heiße Debatte anzustoßen! Bitte sehr! Die Kommentarfunktion finden Sie unten rechts … 

 

Foto: Heike Berse via pixelio.de 

 

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