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Die blaue Kleidfrau.

Meike Winnemuth liebt Mutproben. Deshalb ist sie Journalistin geworden. Ein Jahr lang hat sie es mit nur EINEM Kleid ausgehalten! Ein Experiment mit Folgen.

Ein Jahr, ein Kleid? Ein blaues. Für viele Frauen unvorstellbar. Für Winnemuth dagegen eine Offenbarung. Das Experiment ist jetzt eineinhalb Jahre her. Doch erst jetzt ist die Kolumnistin des Süddeutschen Magazins wieder in Hamburg. Denn sie war zwischenzeitlich unterwegs. Ein Jahr um die Welt. Noch eine Mutprobe. 

SAKIDA hat die 51-jährige in ihrer Altbauwohnung im quirligen Viertel St. Georg besucht — auf drei Tassen Tee.      

 

 

Haben Sie Ihr blaues Kleid noch und ziehen Sie es manchmal an?

Winnemuth: Ich hatte ja drei davon. Eines ist in das Archiv der Designerin Katharina Hovman zurückgegangen, eines habe ich auf der Webseite an die Fans vom „kleinen Blauen“ verlost. Das hat eine ganz bezaubernde 67-jährige Dame gewonnen, die mir dann gleich ein Foto von sich im Kleinen Blauen geschickt hat. Und eines habe ich behalten. Es hat sich aber bis jetzt nicht ergeben, dass ich es anziehe.

Ich bin ja gleich nach Abschluss des Projekts zu meiner Weltreise aufgebrochen – übrigens mit einer Garderobe, die mir ebenfalls Katharina Hovman geschneidert hat. Es sind neun Kleidungsstücke in blau und petrol, die multipel miteinander kombinierbar sind und aus dem gleichen stretchigen Stoff wie das Kleine Blaue, einer Funktionsfaser, die sich wunderbar in jedem Waschbecken waschen lässt. Das passt alles in einen ziemlich kleinen Koffer. (Meike Winnemuth hat über ihre Reiseerlebnisse hier gebloggt.

 

 

 

 

Hat sich durch dieses eine Jahr mit einem Kleid ihr Kleidungsstil geändert und hängen jetzt nur noch – sagen wir – 10 Klamotten in Ihrem begehbaren Schrank?

Winnemuth: Es sind schon ein paar mehr Stücke, gerade zum Kombinieren. Mein Kleidungsstil hat sich aber gewaltig geändert. Ich habe gelernt, mit wie wenig man tatsächlich auskommen kann. Ich habe es sogar noch besser auf der Reise gelernt als während des Jahres mit dem „kleinen Blauen“. Da war der Impetus auch eher: Wie kann man ein Kleidungsstück so verändern, das man jeden Tag anders aussieht? Dabei ist mir klar geworden, dass man es wirklich gut aushält mit dem einen Ding, und dass man sich nicht langweilt oder sich beschränkt fühlt. Man kann sich als Frau verdammt gut ausdrücken mit einem Kleid, indem sie es abwandelt. Im Reisejahr bin ich mit einem 20-Kilo-Koffer gereist und hatte mir vorgenommen – und auch zu einem guten Teil durchgehalten –, dass immer ein Teil rausfliegt, wenn ein neues dazukommt. Das habe ich auch als ein gutes Prinzip für meinen Kleiderschrank übernommen.

 

Das heißt auch, Sie geben jetzt weniger Geld für Kleidung aus?

Winnemuth: Deutlich weniger. Ich überlege mir bei jedem Ding zehnmal, ob ich es wirklich brauche und haben will oder ob das jetzt nur ein Lust- oder Frustkauf ist, so ein Samstagsmorgenskauf, bei dem man einfach, weil man nichts besseres zu tun hat, in die Stadt latscht und aus Langeweile etwas kauft. Das habe ich mir wirklich abgewöhnt. Diese Jeans hier trage ich zurzeit fast jeden Tag, das nervt mich überhaupt nicht. Ich kann damit überall hin. Gestern zum Beispiel war ich damit in Düsseldorf zu einem offiziellen Termin, dann ziehe ich dazu ein Jackett an, fertig.

Die Journalistin in ihrer Küche. An der Tapete dürfen ihre Gäste einen Gruß zurücklassen.

Die Journalistin in ihren Lieblingsjeans.  An der Tapete dürfen Gäste einen Gruß zurücklassen.

 

Färbt dieser Minimalismus zusehends auf Ihr Leben ab?

Winnemuth: Ja! Das Kleid war ein Sandkorn in der Auster, ein Störfaktor, der viele Dinge in Gang gesetzt hat. Das war eigentlich ein lustig gemeintes Experiment für ein Jahr. Ich experimentiere ja öfter mal mit solchen Ideen und schaue, was die für Konsequenzen für mein Leben haben. Nun sehen Sie mich hier in diesem Palast sitzen (Meike Winnemuth wohnt allein in einer 200 Quadratmeter Altbau-Wohnung), der mir überhaupt nicht mehr passt. Er ist mir zu groß geworden, es ist alles zu viel, zu voll. Passt gar nicht mehr zu der Person, die ich in diesen zwei Jahren geworden bin. Ich reise – auch im übertragenen Sinn – mit leichtem Gepäck und möchte das fortsetzen.

Das Wunderbare ist ja: Man verkleinert seinen Besitz und erweitert damit gleichzeitig seine Perspektive. Heute Nachmittag zum Beispiel besichtige ich eine Eineinhalb-Zimmerwohnung, weil ich mich in so einer reduzierten Umgebung zurzeit wohler fühle. So sehr ich meine Wohnung liebe, die voll ist mit Erinnerungen – das ist ja auch der Vorteil, vielleicht der einzige, von Besitztümern, dass sie mit Emotionen aufgeladen sind –, aber zurzeit passt für mich was anderes besser, eine konzentriertere Art zu leben und zu wohnen.

 

Hat diese neue Sicht auf das Leben nicht auch etwas mit dem Älterwerden zu tun?

Winnemuth: Auf jeden Fall. Ich habe viele Jahre meines Leben lustig vor mich hin konsumiert. Jetzt, mit 52, komme ich in die Phase, in der ich alles auf den Prüfstand stelle. Mit 20 oder 30 will man noch alles haben. Erst später stellt man sich die Frage nach den wahren Bedürfnissen.

Ich finde dieses Mittelalter, in dem ich jetzt bin, total toll. Es beginnt jetzt eine bullshitfreie Zone. Ich muss das Spiel nicht mehr mitmachen, wenn es nicht mehr meins ist. Ich kann die Regeln selbst bestimmen. Niemand kann mich aufhalten. Ich bin auch nicht mehr wie noch mit 40 von der Akzeptanz meiner Umgebung abhängig, sondern merke, dass ich mich mehr und mehr davon frei mache, was andere denken. Das ist eine Entwicklung, die eindeutig mit dem Alter zusammenhängt.

 

Sie haben ja vieles ausprobiert. Sie haben z.B. 1997 mir Ihrem Mann und Kollegen Peter Praschl für die Zeitschrift AMICA den Sexmarkt getestet, mit ihm eine „Ultimative Gebrauchsanweisung für das Leben zu zweit“ geschrieben, dazu einen Roman …

Winnemuth: Ich war neugierig! Und bin es noch. Ich will ganz viel wissen, und das meiste erfährt man, indem man es selber macht. Ich war immer ein großer Fan davon, Dinge am eigenen Leib auszuprobieren.

 

Sind Sie und Peter Praschl noch ein Paar?

Winnemuth: Nein, er hat mich vor sechs Jahren für eine andere verlassen. Ich habe furchtbar getrauert, denn er war wirklich die Liebe meines Lebens, aber gleichzeitig habe ich gemerkt, wie viel Energie die Trennung freigesetzt hat. Ich habe Dinge durchgezogen, die ich nie gemacht hätte, wenn ich noch in dieser Beziehung gewesen wäre. Wäre ich zum Beispiel ein Jahr allein um die Welt gezogen? Vermutlich nicht! Und das gilt für vieles andere in meinem Leben auch, das ich nie gemacht hätte, wenn es diese sehr enge, hermetische Beziehung weiter gegeben hätte. So entsetzlich die Trennung war: Sie hat ein Platz für ein wunderbares, bereicherndes neues Leben geschaffen.

 

Waren Sie immer eher Single oder in einer Partnerschaft?

Winnemuth: Eher in Partnerschaften. Die vergangenen sechs Jahre ist die erste längere Strecke, die ich allein lebe. Aber ich mag es gerade sehr gern, Single zu sein, es entspricht meiner derzeitigen Lebensphase. Mich jetzt an einen Mann zu binden, wäre das Grauen für mich. Klingt blöd, ist aber so. Es wird sicher auch mal wieder anders sein, aber derzeit fehlt mich nichts. Zudem habe ich eine Menge Männerfreunde, mit denen ich trinken gehe oder verreise. Meinen ältesten Freund Michael kenne ich seit 36 Jahren – es ist toll, den immer noch im Leben zu haben. Und eine Bohrmaschine kann ich auch selber in die Hand nehmen.

 

Verlassenen Frauen würden Sie also sagen: Durchstarten!?

Winnemuth: Was denn sonst? Ich finde es normal, dass sich Menschen mit Mitte 40 oder 50 fragen: Will ich dieses Leben noch? Das gilt für Frauen und Männer. Wenn sie dann zu dem Schluss kommen, ihr Leben noch mal auf andere Füße zu stellen, dann müssen sie gehen. Das geschieht ja nicht aus Gemeinheit, sondern aus einem echten Bedürfnis. Wenn man in so einer Situation dann die vordergründig Leidtragende, weil Verlassene ist, sollte man das als Chance betrachten, sein eigenes Leben mal auf den Prüfstand zu stellen.

 

Schon die nächste Mutprobe in Planung?

Winnemuth: Noch nicht. Ich bin gerade damit beschäftigt, das Buch zur Reise zu schreiben. Das war eigentlich nicht geplant, aber es gab Anfragen von mehreren Verlagen. Ich habe zunächst gesagt, ist doch schon alles geschrieben. Kam dann aber im November zu dem Schluss: Da ist doch noch eine Menge übrig, was ich aufschreiben könnte. Gerade die Frage: Was passiert mit einem, wenn man sich ein Jahr lang absolute Freiheit gönnt? Ich hatte den Luxus zu tun, was ich wollte, ich hatte das Geld dazu und die Zeit – es ist ja selten, dass beides zusammenkommt. Und natürlich die Ungebundenheit. Ich habe das auf meine Weise gefüllt und bin einfach meiner Neugier und meinen Gelüsten gefolgt.

Hätte ich gedacht, dass ich in Sydney metzgern lerne und Ukulele spielen? In Buenos Aires habe ich Spanisch gelernt, in Israel Tauchen. Es war ein ungeheurer Schatz, diese neuen Erfahrungen machen zu dürfen. Jetzt bin ich erst mal damit beschäftigt, hier wieder anzukommen und zu überlegen, wie ich die erlebte Freiheit und Selbstbestimmtheit in meinen Alltag integriere. Das ist erstaunlich anstrengend. Im August ist Abgabetermin für das Buch. Was ich danach mache, weiß ich nicht. Aber das wird sich schon ergeben. Klar arbeite ich weiter, schreibe Reportagen, Kolumnen, verdiene Geld. Aber die eigentliche Frage, über die ich nach diesem Jahr nachdenke: WIE will ich leben? Eine große Frage! Oft eine, die man sich im Alltag nicht stellt. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich mir erlauben kann, darüber mal nachzudenken.

 

Meike Winnemuth ist studierte Germanistin und hat die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg absolviert. Sie arbeitete für RTL, schrieb und schreibt für den Stern, AMICA, Myself und GeoSaison; sie war Redaktionsleiterin und stellvertretende Chefredakteurin bei Park Avenue und stellvertretende Chefredakteurin bei der Cosmopolitan. Zurzeit schreibt sie als freie Autorin u.a. regelmäßig für das SZ Magazin und für Architektur & Wohnen.

Wer Meike Winnemuths Weltreise nacherleben möchte: „Vor mir die Welt. 12 Städte in 12 Monaten“  Für ihren Blog ist die Journalistin für den Grimme-Online-Award 2012 nominiert. 

Dani Parthum, 14. Mai 2012

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