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Sein Krieg im Kopf.

Immer muss er wissen, wo sie ist. Schreit die Kinder an. Haut ab. Und doch hält Marita Scholz zu ihrem Mann. Weil sie weiß: er kann nicht anders.

„Wenn du nicht sofort nach Hause kommst“, brüllte es aus dem Telefonhörer, „dann bringe ich mich und Janina um.“ Das saß. Wie weit würde er gehen? Ich hatte mir immer wieder versucht vorzustellen, dass er fähig war zu töten. Sollte ich auf seine Forderung eingehen? Ich kannte ja auch den anderen Rene, den zarten, den liebevollen, der niemals in der Lage sein würde, seiner 3-jährigen Tochter etwas anzutun.“   (Zitat aus „Heimatfront“, S. 124)

 

Ich. Das ist die 35jährige Marita Scholz. Selbst nach diesem angekündigten Amoklauf hält sie zu ihrem Mann, kämpft um ihre kleine Familie — Mutter, Vater, zwei kleine Kinder. Ihr Mann Rene leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, einer PTBS, seit er als Soldat einer Spezialeinheit der Bundeswehr bei zahlreichen, geheimen Auslandseinsätzen zu viel gesehen, getan, gehört hat. Selbstmordattentate, gegnerisches Feuer, sterbende Kameraden, das Töten haben ihn schwer seelisch verletzt. Jetzt ist der Krieg sein ständiger Begleiter — auch im sicheren Deutschland: Er flieht vor Kinderweinen, meidet Menschengruppen und Rasenflächen, kontrolliert seine Frau, ist ängstlich und aggressiv. Von Heimatfront spricht seine Frau Marita. Sie hat ein bewegendes Buch darüber geschrieben. Ein Gespräch.

von Dani Parthum, 20. März 2012

Rene und der Krieg: die PTBS zerstörte fast ihre Ehe

Frau Scholz, Sie waren 2002 Weltmeisterin im Ruder-Doppelvierer, waren gesund, kräftig, emotional stabil. Heute sind Sie…
Scholz: … emotional an den Grenzen. Wenn die Kinder krank werden, bin ich an den Grenzen, das gebe ich offen zu, weil ich dann an die Grenzen komme, alles zu organisieren. Alles muss funktionieren. Eine Psychologin hat mal gesagt, dass ich die Jahre gar nicht durchgehalten hätte, wenn ich keinen Leistungssport gemacht hätte. Diese Disziplin, auch einfach dieses stumpfe Abarbeiten und Funktionieren, das hat mir da schon sehr geholfen, durchzuhalten.

Aber ich bin schon ein bisschen ruhiger geworden, weil Rene jetzt eine Therapeutin gefunden hat, die ihn menschlich annimmt und die ihm Methoden zeigt, wie er sich aus für ihn gefährlichen Situationen retten kann, um mal nicht einen Ausraster zu bekommen. Und weil ich mittlerweile bei einer Psychologin der Bundeswehr auch gesehen werde. Da gehen wir als Paar hin und besprechen Einzelheiten des Familienlebens. Wir haben ja unsere Kinder, und wir wünschen uns, dass sie so unberührt wie möglich aufwachsen.

Was hat Sie an Rene begeistert, als Sie ihn 2002 zum ersten Mal getroffen haben und was ist davon geblieben?
Scholz: Als ich auf ihn aufmerksam geworden bin, hat mir so eine Mischung gefallen, dass er so eine extreme Sicherheit ausstrahlte. Seine warme Stimme, der große warme Felsen. Das strahlt er noch heute aus. Ich muss aber immer schauen, dass er auch der große warme Felsen bleibt und sich nicht aus der Realität verabschiedet. Dann strahlt er Kälte und Gleichgültigkeit und Aggressivität aus.

Leben Sie als Familie wieder zusammen? In Ihrem Buch sprechen Sie von Trennung, um sich und die Kinder zu schützen.
Scholz: Wir leben zusammen mit unseren zwei Kindern. Er geht halbtags arbeiten, weil er aus körperlichen und nicht nur seelischen Gründen nicht mehr schafft. Er braucht neben seiner vierstündigen Arbeit genug Zeit, sich zu regenerieren. Und auch für seine Knieverletzung Krankengymnastik zu betreiben.

Wie sieht Ihr Tag aus?
Scholz: Heutzutage geht das schon etwas entspannter ab als zu der Zeit, als ich das Buch geschrieben habe. Es ist schon besser geworden, weil schlimmer es schon fast gar nicht mehr geht. Er nimmt heute Aufgaben wahr, wie die Brote für die Kinder machen. Früher wäre er dazu gar nicht in der Lage gewesen. Das ist ein großer Fortschritt, dass er seinen Bereich hat, sich wohlfühlt und genug Selbstbewusstsein trotz seiner Belastungsstörung hat, das auch zu machen. Es gab Zeiten, da hat er sich völlig verleugnet.

Heißt das, dass vor allem Sie den Tag organisieren, um ihn herum? Was ist besonders schwierig?
Scholz: Mit den Kindern einkaufen zu gehen wird schon schwierig, weil er dann zu viele Personen unter Kontrolle haben müsste. Er kann ja solche Menschen, die in ihm ungute Gefühle auslösen, schon riechen. Er nimmt seine Umgebung sehr, sehr sensibel wahr, da ahnen manche noch nicht, dass jemand um die Ecke kommt, da weiß er das schon. Auch mal ausgehen in eine Gaststätte geht mittlerweile. Bei der Sitzplatzwahl prüft er manchmal, ob er mit dem Rücken zu den Gästen sitzen kann. Kinder abholen geht auch mal. Aber wir haben auch eine Babysitterin, die zweimal in der Woche die Kinder betreut, wenn ich zum Sport gehe. Ich brauche den Sport für mein persönliches Wohlergehen, und ich will ihn nicht ständig unter Druck setzen, dass er für die Kinder da sein muss, weil ich mir nicht sicher sein kann, dass er sich jeden Tag gleich wohl fühlt. Der ganze Tag ist eine Herausforderung.

Was löst bei ihrem Mann besonders schnell Erinnerungen an den Krieg und seine Einsätze aus?
Scholz: Das Schreiverhalten der Kinder wie auch Kriegsnachrichten im Radio oder Fernsehen, gewisse Fremdsprachen. Deswegen bin ich sehr froh, dass beide Kinder jetzt sprechen können. Dass sie sich äußern können. Aber auch, wenn die Kinder teilweise Tiger spielen und fauchend durch die Gegend rennen, erinnert ihn das an unschöne Situationen, wo er Kameraden verloren hat und dann kann es sein, dass er plötzlich anfängt zu zittern oder Tränen in den Augen hat. Oder wenn ein Kind mit Essen spielt am Tisch, dann kommen auch harte Worte von ihm, oder er verlässt den Raum, wenn er meinen Blick sieht, um sich außerhalb der Situation zu beruhigen.

Warum reagiert er darauf so stark?
Scholz: Weil er viele Kinder an fehlender Nahrung hat sterben sehen. (sehr leise fügt sie an) .. er hat alles gesehen … ja.

Woran ist Ihnen letztlich aufgefallen, dass Ihr Mann anders geworden ist, als Sie ihn kennenlernten 2002?
Scholz: Sein Zittern, seine fehlende Körperwahrnehmung auf Schmerz, Kälte, Hitze, seine Hypersensibilität auf Geräusche oder auch Bewegungen. Aber auch dieser immer gleiche Wochen-Rhythmus. Montag ging es ihm gut, Dienstag wurde es schon so komisch hinterfragt, wo ich bin und am Mittwoch die regelmäßigen Ausraster und Donnerstag diese langsame Wogen glätten und Freitag wieder Sonnenschein. Diese Ausgewechseltheit, auch von Mimik, das man einen lebendigen Gesichtsausdruck hat und dann wieder eine totalen starren, faltig, grau, das war schon eigenartig. Und dann denkt man, das ist ein anderer Mensch.
Dieses Muster kam ja dadurch zustande, dass er montags in die Kaserne gefahren ist, und dann diese Wegsein von Zuhause, dieses Wegsein von der Sicherheit, das alles noch so ist wie zuvor, dass keiner ihn hintergeht- was das auch manchmal auch immer heißen mag. Er nimmt aufgrund seiner Erkrankung Situationen in schlechten Phasen anders wahr als ein Nichterkrankter.

Ihr Mann kommt vom Auslandseinsatz zurück, sieht grau aus im Gesicht, faltig, übermüdet, völlig fertig. Haben Sie ihn gefragt, wo er war, was er erlebt hat?
Scholz: Eigentlich habe ich da gar nicht so gefragt. Weil ich von ihm wusste, er ist ja Soldat und das ist mit Geheimniskrämerei verbunden. Also ich habe ihn eher beobachtet und dann darauf gewartet, dass er was sagt. Das muss von ihm kommen, sonst fühlt er sich ja wieder ausgefragt oder hintergangen oder vielleicht hätte er mich ja als Informant gesehen. Er ist ja darauf trainiert, skeptisch zu sein, alle Menschen mit Vorsicht entgegenzutreten. Sicherheit geht vor und wir lassen keinen zurück. Er hat ja bestimmte Satzfloskeln. Wenn man ihn mal gefragt hat, wo bist Du gewesen, da hat er gesagt: Habe ich vergessen. So. Da kann man sich den Rest denken.

Ihr Mann gesteht sich 2007 schließlich ein, dass er psychologische Hilfe braucht. Es folgen mehrere stationäre Therapieaufenthalte im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Sie wurden aber nicht eingebunden…
Scholz: Von dem ersten Psychologen hatte ich ja noch die eine direkte Durchwahl. Das hat mir Sicherheit gegeben, dass er ihn auch als schwierigen Patienten sah. Von der zweiten Psychologin hatte ich gar nichts, nur eine Nummer des Geschäftszimmers. Und sie hat meiner Meinung nach nicht wirklich die Realität gesehen. Sie hat immer wieder auf dieser einen Situation herumgehackt, mit Kindergeschrei, und wir hatten ein Baby! Das hat ihn so destabilisiert. Kranke mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) kann es passieren, dass sie Situationen ganz anders wahr nehmen als gesunde Menschen, die geben das auch ganz anders wieder. Gerade dort hätte eine Zusammenarbeit mit der Ehefrau erfolgen müssen, einfach mal Rücksprache halten, oder einfach mal dran bleiben am Patienten, um ihn dazu zu bewegen, eine Zusammenarbeit mit seinem Partner, der Familie, dem Hauptlebenspunkt zuzustimmen. Einfach mal sagen: Wir hören uns beide Parteien an und dann kann die Ehefrau meinetwegen wieder rausgehen aus der Therapie. Aber das grundsätzlich abzuwiegeln finde ich bei diesem Krankheitsbild fehlerhaft.

Was werfen Sie der Bundeswehr vor?
Scholz: Einerseits stimmt es ja, PTBS-Kranke suchen sich ja selbst solchen höheren Intensitätslevel, damit sie nicht in die Entspannungsphase kommen, sonst fangen sie ja das Zittern und Stottern an. Es muss mehr hinterfragt werden, der Mensch gesehen werden und nicht der funktionierende Soldat. Und gerade in solchen Kampfeinheiten, wo nur die „wahren“ Männer zählen, gerade bei diesen „wahren“ Männern gibt es viele Versteckte, die sich helfen lassen sollten.

Beim Lesen Ihres Buches habe ich mich immer wieder mal gefragt, was hat Sie bei ihm gehalten?
Scholz: Am Anfang habe ich das ja als persönliche Eigenheiten abgetan. Aber dann strengte sich ja immer mehr so die Frage nach seinen Verhaltensveränderungen und seinen teilweisen Phantasien an. Irgendwann fragt der normale Menschenverstand dann, ob so etwas möglich ist. Und man erinnert sich an den Menschen, den man kennt und in der Zweisamkeit kennt und das hilft einem beim Durchhalten. Ich war sicherlich zweimal an dem Scheideweg, und so wie ich ihn kennengelernt habe und ihn einschätze, weiß ich ja, dass er auch vieles möglich gemacht hat, was unmöglich schien und dass er eine große Opferbereitschaft hat gegenüber anderen Menschen. Er ist ein sehr hilfsbereiter Mensch, ist aber durch die Verluste in seinem Leben gekennzeichnet. Mein Trainer hat immer wieder den Satz gebracht: Das Umfeld prägt den Menschen. Deswegen habe ich mir immer wieder gesagt: Marita, wenn du so und so bist, dann wird sich das auch irgendwann in die Richtung bewegen. Du musst nur lang genug den Atem haben. Aber ich glaube, ich war manchmal zu lieb; ich hätte ihm eher Grenzen setzen müssen. Die Krankheit ist ja so, dass die Menschen es gar nicht merken, dass sie anders sind. Und daran habe ich immer festgehalten. Weil ich wusste, dass er krank ist.

Mit dem Buch werden sehr private Dinge publik. Warum trauen Sie sich das?
Scholz: Das hat mich so an meine Grenzen gebracht, dass ich mich gefragt habe: Wie wird es anderen gehen? Ich hatte einen guten Vorlauf in meinem Leben, um das Ganze zu verkraften. Ich musste mich selbst über die Krankheit informieren und bin auch deshalb selbst zur Psychologin gegangen, um etwas über die Krankheit zu hören. Ich glaube auch, dass selbst Psychologen nicht ahnen, was in so einer Familie abgehen kann! Weil die sehen ihre Patienten eine Stunde die Woche – und das finde ich so was von wenig. Ich habe das Buch für Angehörige geschrieben, für selbst Erkrankte, weil woher sollen die mal eine Geschichte von A bis Z lesen, wo sie vielleicht mal ihre Ehefrauen und Ehemänner in einem anderen Licht sehen und vielleicht auch den Menschen die Angst zu nehmen, das anzusprechen … Die Bundeswehr muss gucken, dass sie ein System schnellstmöglich erarbeitet, das allen Betroffenen hilft, auffängt und sie erst einmal ortet.

Gibt es für Sie und Ihren Mann eine Zukunft?
Scholz: Hätten wir die Liebe jemals verloren, dann wären wir heute nicht soweit, wie wir jetzt sind. Die Liebe ist noch da. Deswegen machen wir weiter und hoffen, dass das Vertrauen weiter wächst.


Die Bundeswehr ist nach §31 des Soldatengesetzes auch Angehörigen von Soldaten gegenüber zur Fürsorge verpflichtet, auch nach der aktiven Zeit als Soldat. Die Bundeswehr kommt dieser Fürsorge allerdings nur zögerlich nach. Auf ihre Anfragen beim Bundesverteidigungsmisterium per E-Mail, wie die Bundeswehr die Fürsorge sicherstellt, erhält Dani Parthum keine Antwort.


Nachtrag April 2012:
Marita Scholz berichtet nach ihrer Buchveröffentlichung allerdings Positives. Sie hat sich direkt an das Bundesverteidigungsministerium gewandt und auch mit dem im November 2011 erstmals ernannten PTBS-Beauftragten, General Munzlinger gesprochen. Die Mühlen beginnen langsam zu mahlen, schreibt Marita Scholz an sakida.de. Es müsse aber noch deutlicher zu spüren sein, dass sich die Bundeswehr kümmert, auch von allein Hilfen anbietet. Die Hauptlast liege immer noch bei den Soldaten und deren Angehörigen.

 

Nachtrag September 2012:
 
Rene ist noch bei der Bundeswehr als Zeitsoldat tätig, sein Vertrag läuft allerdings bald aus. Er hatte deshalb einen Antrag auf eine dauerhafte Beschäftigung als Berufssoldat gestellt. Für „einsatzgeschädigte“ Soldaten sieht das Einsatzversorgungsgesetz ausdrücklich diese Möglichkeit vor — als eine Art der Fürsorge.

Voraussetzung dafür ist die erneute Anerkennung der Posttraumatischen Belastungsstörung, noch bevor Renes Zeitvertrag ausläuft. Dabei ist seine einsatzbedingte Krankheit 2007 gutachterlich bestätigt und von der Bundeswehr anerkannt worden.

Das Bundesverteidigungsministerium hat dennoch seinen Antrag abgelehnt, wie Marita Scholz SAKIDA schreibt. Außerdem sei in der Wehrbereichsverwaltung das Gutachten über Renes Gesundheitszustand verschwunden, was das Ministerium gegenüber der Familie Scholz aber nicht erkläre. Dabei ist dieses Gutachten für Rene wichtig, um seine Chancen zu wahren.

Ein Angestellter des Verteidigungsministeriums hat Rene inoffiziell geraten, seinen Anspruch auf Verbleib in der Bundeswehr auf dem Gerichtsweg durchzusetzen und ihm einen Anwalt in Hamburg empfohlen. Er weiß aber nicht, wie er das durchstehen soll.

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