Madame L’Oreal.

 

Entschuldigen Sie, haben Sie kurz Zeit?“

Nein, nicht ich. Bitte nicht ich. Ich hasse Umfragen, Probeschminken, Saft testen und Suppen auslöffeln.

Diese Menschen machen einen harten Job, um ihr Geld zu verdienen und ich habe absolute Hochachtung vor ihnen. Aber meine Bereitschaft, Umfragern und Probeschminkern das Leben durch Rede und Antwort meinerseits zu erleichtern, ist in diesem Fall absolut gar nicht vorhanden.

Kleine Käsehäppchen gehen meistens noch. Die sind lecker, manchmal zu würzig, kommen aber meistens zur rechten Zeit, nämlich wenn ich Hunger hab‘.

Immerhin schaffe ich es inzwischen, freundlich, aber entschieden abzulehnen.

Nein, danke. Tut mir leid. Ich möchte den neuen Lippenstift nicht ausprobieren.“

Ich rette mich nicht einmal mehr in Notlügen, von wegen keine Zeit, muß das Kind von der Schule abholen oder dem Gatten das Badewasser einlassen. Meine Kinder gehen nicht mehr zur Schule und mein Gatte weiß selber, wie er mit einer Mischbatterie umzugehen hat. Nein, ich sage offen und ehrlich, dass ich etwas nicht möchte. Nein!

Ich bin stolz auf mich.

Wieso bin ich eigentlich hier? Ich meine, was wollte ich im Drogeriemarkt? Ich gehe zügigen Schrittes an Madame L’Oreal vorbei.

Naja, ein ganz klein wenig schlechtes Gewissen hab ich schon – aber sie nickt mir freundlich und keineswegs nachtragend zu.

Ich versuche mich anhand der Produktschilder, die über den Regalen hängen, zu erinnern, was ich kaufen wollte.

Kosmetik. Genau – das war’s. Ich brauche einen neuen Kajalstift, Peacock, nr. 45. Der Stift, über den ich mich jedes Mal beim Anspitzen ärgere, weil er so schnell abbricht, entsprechend schnell sich verbraucht, der aber so genial zu meinen blauen Augen passt, dass ich immer wieder den teuren Preis bezahle. Selbst in den Kühlschrank legen hilft nix – alter Schauspieler Trick. Das Ding bröselt, wenn man es aus Versehen zu weit anspitzt.

Also – der Stift kommt in den Einkaufskorb. Und wenn ich schon mal hier bin: Duschgel, Taschentücher, Kaugummi, na, was Frau eben so braucht. Nein, keine Tampons, hab ich noch. Slipeinlagen? Nein, hat die Hautärztin von abgeraten, lieber Baumwollslips – die Hautärztin ist fast siebzig.

Freundlich lächelnd ziehe ich an Madame L’Oreal vorbei zu den Kassen. Unsere Augen begegnen sich. Eine kleine cappucinofarbene Welle kräuselt sich zu mir rüber. Ich mag sie. Zwei Frauen, die ihren Mann stehen, und dabei Frau bleiben. Fast tut es mir leid, dass ich nie Lippenstift benutze.

Ich stelle mich an einer der Kassen an. Das tue ich grundsätzlich dort, wo es am längsten dauert – auch wenn die Warteschlange die kürzeste von allen zu sein scheint. Denn entweder muß gerade die Papierrolle gewechselt werden, ein Kunde besteht auf dem Sonderangebotspreis, der aber nicht ausgezeichnet ist oder ein Kind kotzt an der Kasse, weil es den Riesenschoko-Osterhasen in einem Zug aufgegessen hat, noch bevor er bezahlt war. Nun kann nur noch das Stück Folie mit dem verschlüsselten Preis über den Scanner gezogen werden und es wird per Lautsprechertaste nach einer Kollegin mit Wischeimer und Feudel gerufen.

Ich spüre Madame L’Oreal`s warme Ausstrahlung in meinem Rücken.

Das ist es! Na klar! Sie ist doch die Fachfrau. Sie hat sicher eine Lösung für mein Problem. Wenn schon kein Lippenstifttest, dann wenigstens eine fachliche Information in Sachen Kosmetik.

Ich zögere kurz – wer gibt schon gern seinen Platz in der Warteschlange an der Kasse auf – dann verlasse ich zur unverhohlenen Begeisterung meiner Hintermänner und –frauen meine Position und gehe auf Madame L’Oreal zu. Sie schickt mir ein offenes und warmes Lächeln entgegen.

Entschuldigen Sie, haben Sie kurz Zeit?“

Sie ist einen guten Kopf kleiner als ich, hat mittellange, rotgefärbte Haare und ein perfektes Make up. Wimperntusche, Kajal, dunkelroter Lippenstift. Schätzungsweise vierzig plus. Sie trägt einen engen schwarzen Rock, der knapp über’m Knie endet und einen schwarzen hüftlangen Blazer. Ein weißer Blusenkragen blitzt aus dem Blazer hervor. Das klassische „Beratungs-Dienstleistungs-Ich-will-Dir-was-verkaufen“ Outfit. Steht ihr ausgezeichnet! Unterhalb der linken Blazerkragenecke ein Firmenschildchen mit Namen: Frau Muriaz. In den niedrigen schwarzen Pumps stecken kurze, etwas dralle Beine in naturfarbenen Seidenstrümpfen.

Sie nickt. Charmanter Augenaufschlag.

Vielleicht können Sie mir ja weiterhelfen. Haben Sie eine Idee, warum mein Kajalstift so schnell beim Anspitzen abbricht?“

Charmanter Augenaufschlag meinerseits.

Nun, wie lange benutzen Sie denn Ihren Anspitzer schon?“

Ihre dunkle, sanfte Stimme umhüllt den professionellen Inhalt ihrer Frage wie dunkle Schokolade ein Praliné. Leichter südländischer Akzent.

Ähm, ich glaube, 10 Jahre …?“

Ich dachte, Kajalanspitzer halten ewig und in dem Glauben, eine solche Anschaffung nur einmal im Leben machen zu müssen, hatte ich auf diese Extraausgabe aus der Kosmetik-Abteilung von 1,75 € seit Jahren verzichtet.

Madame L’Oreal schaut mich verständnisvoll an.

Probieren Sie es doch einmal mit einem neuen Anspitzer. Das könnte verhindern, dass der Stift so leicht abbricht.“

Pause.

Das ist eine gute Idee. Daran könnte es liegen.“

Hinten rechts im 2. Gang bei den Kosmetika.“

Sie reicht mir ihre Hand.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Danke! Das wünsche ich Ihnen auch. Und danke für den guten Tipp!“ Ich drücke ihre schmale Hand und registriere dabei den dunkelroten Nagellack, passend zum Lippenstift.

Zurück in die Kosmetik-Abteilung getänzelt erwähle ich einen durchsichtigen, neongrünen Anspitzer mit Auffangkästchen zu meinem master of desaster.

Warteschlange, die zweite. Wie ich bereits sagte: egal wo … aber nein, ich stehe an zweiter Stelle und nichts scheint mein Vorrücken in die Pole Position verhindern zu können. Gerade als es soweit ist, steht Madame L‘Oreal neben mir. In der Hand eine kleine Kosmetik-Clutch aus schwarzem Paillettenstoff – ein Werbegeschenk von L’Oreal.

Moment mal, ich hab doch gar keinen Lippenstift gekauft?

„Für Sie.“

Wir sehen uns an.

Die Papierrolle an der Kasse muß gewechselt werden.

 

von Britta Haarmann
22. August 2012

Foto: ©soup studio – Fotolia.com

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