Wirklich Konkurrenzlos?

Markus Krall kämpft seit mehr als einem Jahr für die Gründung einer europäischen Ratingagentur. Alles umsonst? So scheint es zurzeit beim Lesen der Wirtschaftspresse.

 

von Dani Parthum, 16. April 2012
Um den Unternehmensberater ist es in der Öffentlichkeit still geworden. Der Seniorpartner von Roland Berger lässt sein Handy klingeln. Bereits Ende des vergangenen Jahres wollte er die Gründung einer Ratingstiftung offiziell bekannt geben. (Sakida hat darüber ausführlich berichtet). Noch im Oktober war er voller Optimismus, das auch zu erreichen. Den Termin aber konnte er nicht halten. Dann hieß es: Ende März dieses Jahres könnte die Gründung gelingen. Noch liefen Gespräche mit Geldgebern, ließ er mitteilen, noch seien nicht alle benötigten 30 Großinvestoren an Bord, die ihm, Krall, jeweils 10 Millionen Euro Startkapital für die Ratingstiftung überlassen. Jetzt ist auch dieser Termin verstrichen.

 

Nichts Offizielles 

Aus der Presseabteilung von Roland Berger heißt es vorsichtig: Ja, der Termin Ende März sei nicht zu halten gewesen, und nein, einen neuen Gründungstermin nenne man nicht. Ist also der Weg, eine große Idee in die Tat umzusetzen, in eine Sackgasse geraten? Die Idee, den dominierenden drei US-Ratingagenturen Standard and Poors, Moody’s Investor Services und Fitch Ratings die Stirn zu bieten und aufzuräumen mit den zahlreichen Interessenkonflikte der Branche?
Von der Politik bekommt das Startup jedenfalls offiziell keine Hilfe, obwohl Minister wie Wolfgang Schäuble, Guido Westerwelle und auch Kanzlerin Merkel nach einem europäischen Gegengewicht zu den US-Giganten lautstark gerufen hatten, und auch so mancher französische Politiker.

 

Intransparenz nützt Branche

Warum auch sollten Banken, Börsen, Versicherungen und Großunternehmen jeweils 10 Millionen für ein Unternehmen hergeben, das jahrelang keine Gewinne erzielen wird, das enorm viel Gegenwind der bestehenden Rating-Lobbyisten aushalten müßte, das viel Unsicherheit in die Branche brächte, weil die Stiftung transparent arbeiten will. Außerdem weiß niemand, ob die Qualität der Bewertung von Unternehmen, Staaten, Anlageprodukten wirklich besser ausfällt.

Die Lobbyisten verteidigen ihre Pfründe anscheinend gut. Seit Markus Krall auf Werbetour ist, beackern gleichzeitig die großen Ratingkonzerne das Feld mit ihren Argumenten. Eines ist jedenfalls klar: Die Rating-Stiftung, die keinem Gewinnziel verpflichtet wäre und den Ratingprozess nachvollziehbar machen würde, würde den Markt aufmischen. Sie würde allein durch ihr Geschäftsmodell die enormen Interessenkonflikte der Branche sichtbar und für jedermann verständlich machen, zum Beispiel die Abhängigkeit der „Großen Drei“ von ihren profitgetriebenen Eigentümern und die personellen Verflechtungen zwischen Agenturen, Banken, Vermögensverwaltern, Behörden.

 

Freut sich Konkurrenz zu früh?

Die Unternehmen, die von Standard and Poors, Moody’s und Fitch bewertet werden, sind jedenfalls größtenteils zufrieden mit deren Urteil, schreibt z.B. Christian Wappenschmidt in seiner Doktorarbeit von 2008. Und die Banken, die Hauptnutzer der Rating-Dienstleistung? Sie haben den drei großen US-Bewertern Milliardengewinne zu verdanken — vor der Finanzkrise. Die „Großen Drei“ haben nämlich auch die komplexesten Anlagepapiere mit Bestnoten ausgestattet und sie dadurch erst verkäuflich gemacht. Die US-Kommission, die die Ursachen der Finanzkrise untersucht hat, nennt die großen US-Ratingagenturen deshalb auch die Wegbereiter der Finanzkrise. Ohne sie wäre es nicht soweit gekommen. Die Banken haben also immer gut mit den Agenturen zusammengearbeitet, in ihrem Sinne. Und die Folgen der Finanzkrise haben die Eigentümer der Banken nicht selbst getragen, sondern die Steuerzahler des jeweiligen Landes. Welchen Nutzen also sollten Großbanken haben, sich für eine Konkurrentin, die alles anders machen will, einzusetzen? Das Bankgeschäft macht schließlich seine größten Gewinne mit Intransparenz und Informationslücken anderer!

 

Noch, so heißt es aus der Unternehmensberatung Roland Berger, arbeite Markus Krall unverändert weiter am Aufbau einer europäischen Rating-Gesellschaft. Eine offizielle Stellungnahme gibt es nicht. Wer Markus Krall aber einmal selbst kennengelernt hat, der ahnt: Dieser Mann gibt nicht so leicht auf. Der kämpft. Die Konkurrenz könnte sich also zu früh freuen.

 

Ein sehr informatives Interview mit Werner Rügemer über „Die Macht der Ratingagenturen“ hat Telepolis Ende Mai 2012 veröffentlicht.

Wer lieber hören will — bei Deutschlandradio Kultur ist ein Feature von mir Ende April 2012 erschienen. Titel:  „Die Schulmeister. Die Arbeit der Ratingagenturen„. 

 

0 Kommentare

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

zurück