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Die Perückenfrau.

Sie schminkte die „7 Zwerge“ und Harvey Keitel. Ann-Kathrin Guballa verließ dennoch das Filmgeschäft. Jetzt macht sie krebskranke Frauen zu Königinnen.

Die Maskenbildnerin gründete eine Haarwerkstatt. Dort schenkt sie Chemo-Patientinnen neues Haar-Glück und Selbstbewusstsein. Keine Frage: Ann-Kathrin Guballa fühlt sich beruflich angekommen.

 

Ann-Kathrin Guballa liebt Haare in allen Variationen.
Ann-Kathrin Guballa liebt Haare in allen Variationen.

 

Wer sich eine Frisur von Ann-Kathrin Guballa wünscht, dem sind in punkto Länge und Farbe eigentlich keine Grenzen gesetzt. Sechs Schaufensterköpfe präsentieren im gemütlichen Hamburger Souterrain Laden „Die Königinnen“ angesagte Lang- und Kurzhaarfrisuren. Denn Frauen, die die „Königinnen“ Haarwerkstatt besuchen, wollen nicht die Spitzen geschnitten bekommen oder eine neue Tönung. Frauen, die hierher kommen, haben meist keine Haare mehr. Oder sie sind gerade dabei, alle zu verlieren.

Meist beginnt es mit einem Kopfhautjucken nach der ersten Chemotherapie, erzählt die Haarkünstlerin. An diesem Punkt erfahren die Brustkrebspatientinnen im nahen Jerusalem-Krankenhaus von sogenannten Breastcare Nurses, die Kranke unter anderem psychisch betreuen, dass sie nicht zwingend auf vorgefertigte Kunsthaarperücken zurückgreifen müssen, sondern auch individuell angefertigte Frisuren bei den „Königinnen“ bekommen können.

Ann-Kathrins Haarwerkstatt in Hamburg: Die Königinnen
Ann-Kathrins Haarwerkstatt in Hamburg: Die Königinnen

 

Perückenparty

Ann-Kathrin Guballa arbeitet eng mit den Nurses zusammen. Mit einem Werbekoffer voller Perücken an Krankenbetten aufzutauchen sei nicht ihr Ding, sagt sie. So aber arbeiteten viele Perückenhäuser. Die Maskenbildnerin setzt lieber auf die Mund zu Mund Propaganda der Nurses, mehr Werbung braucht sie als Ein-Frau-Betrieb ohnehin nicht.

Kommt eine Kundin zu den „Königinnen“, besteht der erste Akt meist im Scheren des Kopfes – im Beisein der ganzen Familie. Auch Kinder und Ehemann dürfen zum Rasierer greifen, um die Situation zu entspannen. Im Anschluss heißt es oft Perückenparty, zu diesem Zweck können sich Kinder und Erwachsene alte Perücken überstülpen und Spaß haben. Oft sind diese Augenblicke aber auch so emotionsgeladen, dass sich Ann-Kathrin Guballa diskret zurückzieht.

Ob blond, ob braun, ob kurz, ob lang. ... Bei Zweitfrisuren ist alles möglich.
Ob blond, ob braun, ob kurz, ob lang. … Bei Zweitfrisuren ist alles möglich.

 

Nichts daran erinnert die zierliche Haarkünstlerin mit dem braunen Pagenkopf dann an alte Theatertage, hat sie doch 12 Jahre unter anderem für das Hamburger Schauspielhaus frisiert und geschminkt. Es folgten zehn Jahre beim Film, die sie in viele Länder führte und mit Stars wie Harvey Keitel, Birgit Minichmayer und Otto bekannt machte. Ganz klar sehr schöne Jahre, sagt sie, die schon immer eine Affinität zu Haaren hatte. Doch alles änderte sich als vor acht Jahren ihr Sohn zur Welt kam.

Wer kann mit kleinem Kind schon wochenlang auf Dreh gehen? Ann-Kathrin Guballa entschied sich für kurze Werbedrehs, erschuf haarige Monster und Gestalten für Nutella und Dacia. Doch so recht glücklich mit ihrer beruflichen Situation wurde die Filmfrau nicht. Bis zu dem Tag, an dem sie eine Mutter in der Kita ansprach. Sie wusste von Ann-Kathrins Haarkünsten. Die Mutter berichtete von ihrer überstandenen Brustkrebs Erkrankung, und wie schwierig es gewesen sei, die ausgefallenen Haare zu verdecken.

Ein Haarteil zu fertigen dauert etwa 30 Stunden.
Ein Haarteil zu fertigen dauert etwa 30 Stunden.

 

Haare aus Asien und Osteuropa

Das brachte die Haarexpertin ins Grübeln. Und sie recherchierte. Ergebnis: Im Raum Hamburg gab es wenige Perückenhäuser, die Haarteile selbst fertigten. Das war im Oktober 2009. Drei Monate später bezog Ann-Kathrin Guballa ihre Haarwerkstatt im Eppendorfer Weg. Die Startkosten waren überschaubar, besaß sie doch aus Film- und Werbetagen die meisten Knüpf-Instrumente.

Statt trubeligen Dreharbeitern steht die gelernte Friseurin nun alleine in ihrem Studio und knüpft und knüpft: Toupets, Perücken und sogenannte „Anfertigungen“. Eine Geduldsarbeit, für ein Toupet braucht sie rund 30 Stunden. Kein Wunder also, dass die Haarteile sehr teuer sind. Eine Echthaarperücke in Neuanfertigung kostet zwischen 2500 und 3000 Euro – zu viel für die meisten Patientinnen, die entweder noch sehr jung sind oder krankheitsbedingt nicht arbeiten können. Die Krankenkassen übernehmen in der Regel nur 250 Euro. Darum läuft es bei den meisten Kundinnen meist auf Teiländerungen hinaus. Ann-Kathrin nutzt als Grundlage Rohlinge mit halblangen Kunsthaaren, die sie dann nach Wunsch umarbeitet. Oft „pimpt“ sie das Kunsthaar mit Echthaar auf.

Dieses kommt aus Asien, Indien sowie Osteuropa und ist säuberlich in Schubladen aufgeteilt. Viele Haarspenden erhielt die umtriebige Haarfachfrau darüber hinaus im September bei dem von ihr initiierten Haarspendetag, bei dem fast 30 Frauen über 20 cm von ihrem Haar ließen. Ältere Frauen brachten alte Zöpfe mit, die sie sich zur Konfirmation hatten abschneiden lassen, und viele Geschichten zum Thema Haare.

 

Kosmetische Tricks

Kommt eine Kundin in Ann-Kathrin Guballas Haarwerkstatt, legt die Maskenbildnerin großen Wert auf Diskretion. Keine Kundin wird einer anderen über den Weg laufen. Oft weiß nicht einmal der Kollegen- oder weitere Freundeskreis von der Erkrankung der Frau. Umso wichtiger sei den Meisten, so Ann-Kathrin, dass die Frisur nicht auffalle. Die gelernte Maskenbildnerin erschafft aber nicht nur eine neue Frisur. Sie bringt Frauen auch kosmetische Kniffe bei, wie Wimpern kleben und Augenbrauen nachstricheln.

Die meisten Echt-Haare kommen aus Asien und Ost-Europa.
Die meisten Echt-Haare kommen aus Asien und Ost-Europa.

 

Trotz des Leids der Kundinnen ist Ann-Kathrin Guballa sehr glücklich mit ihrem neuen Job: „Es ist eine so superdankbare Aufgabe Menschen wieder schön zu machen! Natürlich denke ich oft, wie unfair, wenn ganz junge Frauen oder Müttern mit kleinen Kindern Brustkrebs haben.“ Umso dankbarer ist die zweifache Mutter, die selbst ihren Vater früh durch Krebs verloren hat, eine gesunde Familie und ein „schönes Leben“ zu haben.

 

Perücken Spende

Natürlich könnte die Perücken-Macherin expandieren. Der Bedarf wäre groß. Doch Ann-Kathrin möchte nicht:  „Der direkte Kontakt zu den Kundinnen ist mir wichtiger als Geld, wir kommen auch so über die Runden.“ Punkt 16.00 Uhr schließt sie den Königinnen Salon um ihre Kinder abzuholen. Bis dahin knüpft sie Haare und führt lange Gespräche mit ihren Kundinnen. Beides möchte sie nie mehr missen – für keinen Filmdreh der Welt.

Sind die Haare nachgewachsen, kommen viele der Kundinnen wieder. Dieses Mal zum Schneiden ihrer eigenen Haare. Oft spenden sie ihre Kunsthaare. Denn sie wissen wie es ist, keine Haare und nicht genug Geld für eine schöne Perücke zu haben.

 

Sandra Coy, 20. Februar 2012
Fotos: Sandra Coy

 

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