Kampfansage an die US-Ratingagenturen

von Dani Parthum, 30. Januar 2012

Die Finanz- und Bankenkrise hat es bisher nicht geschafft, dass die Politiker Europas ernsthaft über das Geschäftsmodell der drei dominierenden Ratingagenturen diskutieren. Dabei sah das 2008 kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers genau danach aus. Seit aber Standard & Poors, Moody‘s und Fitch an der Finanzkraft der Euro-Länder zweifeln, ist Bewegung in die Politik gekommen – weil die Agenturen sie beim Retten behinderten, sagen sie. Finanzminister Schäuble, Kanzlerin Merkel und zuletzt Außenminister Guido Westerwelle fordern deshalb eine europäische Ratingagentur.         

Ratingagenturen geben ihr Urteil darüber ab, wie wahrscheinlich es ist, dass Anleger, die ihr Geld Staaten und Unternehmen anvertrauen oder in bestimmte Anlageprodukte investieren, dieses Geld auch wieder zurück erhalten. Keine unwesentliche Sache bei der Wahl des Investments! Was eine europäische Ratingagentur allerdings anders machen soll als die US-Agenturen — in diesem Fall bei der Bewertung hoch verschuldeter Euro-Länder — sagen Merkel und Co. nicht. Die Unternehmensberatung Roland Berger dagegen hat eine Idee und der Ansatz ist gut. Ob die Umsetzung es aber auch wird oder überhaupt werden kann?

Stiftung statt Privatkonzern

auf Infotour Markus Krall

auf Infotour Markus Krall

Markus Krall treibt die Idee schon länger um, von einer anderen Ratingagentur, die auf das Streben nach Gewinn verzichtet, sich in die Karten gucken lässt und für ihr Handeln gerade steht. Was nach einer Utopie klingt im aktuellen Ratingbusiness, könnte schon im März in die Tat umgestetzt werden. Der Senior-Partner bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger ist auf den letzten Roadshows durch Europa, um seine Idee vorzustellen. Herzstück dieser Idee von einer anderen Ratingagentur ist die Gesellschaftsform. Sie soll eine Stiftung sein.

Die Stiftungsidee

Vorteile einer Stiftung: Sie strebt nicht nach Gewinn und stetig steigendem Aktienkurs, sie zahlt auch keine Dividene. Eine Stiftung setzt sich andere Ziele, wie – im Fall einer Ratingagentur – die beste Ratingqualität im Markt zu erreichen oder die neuesten, wissenschaftlichen Methoden anzuwenden. Eine Stiftung arbeitet im besten Fall unabhängig von Geldinteressen und zum Wohle der Allgemeinheit. Beispiele für Stiftungen sind z.B. die ZEIT-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung, Bosch-Stiftung.

In der Gesellschaftsform einer Stiftung würde eine Ratingagentur einen wesentlichen Interessenkonflikt der Branche ausschalten: den Einfluss mächtiger Eigentümer, wie das bei den seit Jahrzehnten marktführenden Ratingagenturen Standard & Poors, Moody‘s und Fitch der Fall ist. Sie bzw. ihre Muttergesellschaften sind an den Börsen notiert. Standard&Poors und Moodys zum Beispiel gehören mächtigen US-Finanzkonzernen wie der Capital Group, Blackrock und – über die Vermögensgesellschaft Berkshire Hathaway – Großinvestor Warren Buffet. Diese Eigentümer streben nach hohen Erträgen und nicht nach unabhängigen, hochwertigen Ratings, die möglichst objektiv sind und der Wirklichkeit standhalten. Das hat die Finanzkrise eindrucksvoll bewiesen (siehe Artikel zu den Interessenkonflikten der Branche).

300 Millionen Euro für die Provokateurin

Für das Projekt einer europäischen Ratingagentur mit Sitz in Frankfurt ist Berater Markus Krall seit Mitte 2011 auf der Suche nach 30 Geldgebern, die jeder 10 Millionen Euro als Kredit zum Stiftungskapital geben – nicht mehr, nicht weniger. Er spricht in Europa Großbanken an, Versicherungskonzerne, Börsen und andere Konzerne. Das Stiftungskapital will die Agentur später durch den Verkauf ihrer Ratings plus Zinsen zurückzahlen – und aus eigenen Mitteln wieder auffüllen.

Die Stifter

Wer der Stiftung letztlich das Kapital gibt, wird Krall voraussichtlich Ende März der Öffentlichkeit erklären. Dann soll die Ratingstiftung offiziell gegründet werden; geplant ist, etwa 300 Mitarbeiter einzustellen. Sympathisanten der Stiftungsidee hoffen auf ein rein europäisches Gründerkonsortium, ohne US-amerikanische und britische Großkonzerne. Denn dann sei zu befürchten, dass der von Boni und Aktienkursen getriebene angelsächsische Unternehmergeist die Stiftungsidee untergräbt.

Kompromisslos transparent

Anders als die „Big Three“ soll die neue Ratingstiftung alles, was sie tut, im Internet veröffentlichen, damit jeder nachvollziehen kann, wie die Ratingagentur zu ihrem Urteil über die Zahlungsfähigkeit eines Landes oder eines Unternehmens gekommen ist. Dazu soll die Stiftung z.B. angeben, welche Daten sie sammelt und wie diese im Rating gewichtet werden, welche Rechenmodelle Anwendung finden und welche Analysten an dem Rating arbeiten inklusive ihres beruflichen Werdegangs. Jeder einzelne Prozessschritt soll nachvollziehbar sein, so der hehre Anspruch von Markus Krall, damit Investoren wirklich wissen, woran sie sind, wenn sie auf ein Rating zurückgreifen.

volle Transparenz

Die marktbeherrschenden Ratingagenturen legen dagegen nur rudimentär offen, wie ihre Ratings entstehen. Das bleibt genauso Geschäftsgeheimnis wie die Vita ihrer Analysten, die oft von Banken, Unternehmen und Regierungsbehörden kommen und nach etwa 6 bis 8 Jahren entweder zur Konkurrenz gehen oder zurück zu einer Bank, einem Hedgefonds, einer internationalen Organisation. Auch dadurch sind Willkür und Gefälligkeiten Tür und Tor geöffnet.

Zurück auf Anfang

Und noch einen Bruch mit dem herrschenden Ratingsystem treibt die Beratungsgesellschaft Roland Berger voran: die Beziehung der Ratingagentur zu ihren Auftraggebern. Zurzeit bezahlen diejenigen die Ratingagenturen, die Geld brauchen, wie klamme Staaten, expandierende Unternehmen und umtriebige Banken, die ihre Anlageprodukte losschlagen wollen. Das ist in etwa so, als würden im Fußball die Mannschaften den Schiedsrichter bezahlen. Diesen Interessenkonflikt will Krall ausmerzen.

Die Stiftung wird ihre Ratings deshalb denjenigen verkaufen, die Geld anlegen wollen und dazu eine weitere Meinung einholen möchten. Das war auch die Gründungsidee der heute marktdominierenden Ratingagenturen vor mehr als hundert Jahren, die sie allerdings MItte des 20. Jahhunderts geändert haben. Zufriedene Investoren ist das Ziel der Stiftung. Wie dieses Verkaufs- und Preismodell in der Praxis genau aussehen soll, verrät Berater Markus Krall noch nicht im Detail. Vermutlich arbeitet er noch daran.

Haften für fahrlässig gegebene Urteile

Und auch das viel diskutierte Thema Haftung spart Krall nicht aus. Für grobe Fahrlässigkeit beim Entstehen eines Ratings solle die Stiftungsagentur finanziell gerade stehen.

Die Haftungsfrage

Bisher ist keine der etablierten Ratingagenturen jemals für ein Fehlurteil zur Verantwortung gezogen worden, nicht für ihre Fehlbewertungen, mit der die aktuelle Banken- und Finanzkrise erst möglich wurden, nicht für die Fehlbewertungen des größten US-Energiekonzerns Enron und der US-Investmentbank Lehman Brothers, die beide mit Topratings pleite gingen — mit verheerenden Folgen.

Der Roland-Berger Berater Krall jedenfalls plant revolutionäres. Die Ratingagentur als Stiftung markiert dafür den Anfang. Am Ende des Umbruchs sollen Investoren, die ihr Geld anlegen möchten, über eine Internet-Platform von der Agentur ihrer Wahl eine Bewertung einkaufen können. Ob die Hauptnutzer von Ratings — Banken, Versicherungen, Fonds, Notenbanken und Hedgefonds — aber schon bereit sind für einen Systemumbruch? Die Banken jedenfalls haben durch die Gefälligkeitsnoten der großen drei Ratingagenturen für ihre „Finanzinnovationen“ vor Ausbruch der  Bankenkrise 2007  Milliarden verdient.

 

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