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Kampf am Mount Kenya: Purity braucht Wasser

Purity Muthoni lebt am Mount Kenya. Die 43jährige Farmerin hat drei erwachsene Kinder, einen untreuen Mann und eine Kuh. Was sie nicht hat: fließend Wasser. Und das seit über 20 Jahren. Jetzt reicht es ihr.

von Sandra Coy, 26. Oktober 2011
Vor 23 Jahren traf Purity ihren Mann Patrick, seitdem lebt sie in einem kleinen Dorf in Baragwi, und seitdem schleppt sie Wasser. Denn ihr Dorf ist von der Wasserversorgung ausgeschlossen. Vor fünf Jahren gründete Purity mit acht anderen Frauen deshalb eine Selbsthilfefrauengruppe „Mugomi Water“.

 

Abendessen: Kochen mit wenig Wasser

Abendessen: Kochen mit wenig Wasser

Die rund 100 Frauen wollen ihre Zeit endlich sinnvoller nutzen. Doch schon im Morgengrauen vor dem Frühstück führt sie ihr erster Gang an die rund 2 km entfernte Wasserstelle. Sie tragen die Plastik- Tornister mit einem Tuch über der Schulter. Unser Selbsttest hat gezeigt: Wir bekamen die Tornister kaum von der Stelle, geschweige denn auf den Rücken, geschweige denn noch 2 km geschleppt. Doch damit ist es nicht getan: Die Frauen brauchen 100 bis 200 Liter Wasser am Tag: Für ihr Nutzvieh, zum Kochen, Waschen, Trinken, Kaffeepflanzen wässern. Das heißt: 5 Mal gehen Minimum, manchmal auch bis zu 10 Mal.

 

Erster Gang vor dem Frühstück: Purity auf dem Weg von der Quelle

Erster Gang vor dem Frühstück: Purity auf dem Weg von der Quelle

Damit sind mindestens fünf Stunden am Tag verloren, Stunden, die sie für die tägliche Arbeit in ihrer Kaffeefarm brauchen. Warum gehen die Frauen und nicht auch mal die Männer? Da Wassertragen zu den täglichen Arbeiten gehören, und die sind in Kenia traditionell Frauensache.

 

Wir treffen Puritiy in der Mittagshitze und begleiten sie zur Wasserstelle: Ein Rohr, aus dem Trinkwasser sprudelt, in einem kleinen Bach. Im mokkafarben schimmernden Kostüm und mit Leinenschuhen bekleidet geht Purity mit drei Nachbarinnen den staubigen Weg entlang. Links und rechts stehen Hütten, hier spielen Kinder, Männer sitzen im Schatten, Kaffeepflanzen wachsen, und die Frauen bevölkern mit Tornistern die Strasse. Von einer Dusche hat Purity zwar schon gehört, aber für sie ist sie undenkbar. Die Familie wäscht sich im Wasserbottich zu Hause, darin werden auch Geschirr und Kleidung gewaschen. Die Haare tragen die Menschen meist kurz geschoren, so fällt weniger zu Waschen an.

 

Doch Purity denkt nicht an Dusche und Waschmaschine, Purity möchte endlich Zeit haben, sich um ihren Kaffee zu kümmern. Denn Kaffee ist eine Cash Crop, mit Kaffee verdienen die Frauen Geld. Das Geld benötigen sie dringend für Kleidung und Schulgeld für die Kinder. Denn allen ist wichtig: Die Kinder sollen eine gute Bildung bekommen, am Besten sogar studieren.

 

Purity lebt mit ihren vier Kindern idyllisch in einer kleinen Hütte unter Bananenpalmen. Vor dem Häuschen haust ihre Kuh im Bretterverschlag. Zurück vom Wasserholen bekommt die Kuh als erstes zu trinken, dann wird ihr Gras mit einer Machete zerkleinert und in den Trog gelegt.

 

Mit dem restlichen Wasser wäscht Purity vier Teller im Hof ab, Spülmittel gibt es nicht. Nächster Job: Gemüse putzen und zerkleinern. Gekocht wird in einer separaten Kochhütte über offenem Feuer. Ob ihr Mann Patrick, der ehemalig Chairman der Baragwi-Kooperative, heute zum Essen kommt, Purity weiß es nicht. Denn Patrick hat noch eine zweite Frau und Kinder, die er unterhalten muss. In Kenia nicht unüblich.

 

Doch Purity hat wenig Zeit sich über ihren Mann Gedanken zu machen, muss sie doch ihre Familie ernähren. Das heißt: eine neue Runde zur Wasserstelle. Mit dem großen Wunsch: endlich fließend Wasser zu bekommen. Um endlich genug Zeit zu haben, sich um ihren kleinen Kaffeegarten hinter dem Haus zu kümmern. Die Pflanzen brauchen Wasser, müssen beschnitten werden, die Kaffeebohnen geerntet – das braucht Zeit, bringt aber bares Geld, dass alle Frauen dringend benötigen.

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