Eine wahre Geschichte.

oder:
Bahnfahren ist doch immer für eine Überraschung gut!

Es war der Neujahrsmorgen. Wir wollten im IC von Köln nach Hamburg – Abfahrt 9.10 Uhr. Da mein Lebensgefährte und ich noch eine halbe Stunde Zeit hatten, tranken wir in der DB-Lounge noch schnell einen Latte Macchiato. Wir erlebten: freundliches Personal, service-trainiert, zuvorkommend und bemüht, uns auch wirklich alles Recht zu machen. Die Räumlichkeiten: schlicht-elegant und durchdacht. Links die erste Klasse mit Bedienung, rechts die zweite Klasse mit Selfservice. Einverstanden!

Dann kam der Zug. Wir enterten mit unseren zwei Trolleys und zwei Taschen den Speisewagen für ein erstes Frühstück. Menschenleer. Wir zogen unser Gepäck zwischen den Tischen hindurch. Dicht hinter mir drängelten eine Frau und ein Mann – offenbar sehr in Eile. Etwa in Höhe der Bordküche wollte ich die beiden vorbei lassen, zog meinen Trolley zur Seite, aber hinter mir hörte ich tadelnd: „Also, hier können Sie den nicht stehen lassen! Da müssen wir ja auch durch!“

Ich fuhr herum und knurrte: „Ich wollte Sie nur vorbei lassen!“ und nahm die Frau dabei fest ins Visier. Und erkannte: die Speisewagen-Besatzung! Ja, adieu, guter Lounge-Service …

Warum auch immer nahmen wir einen Tisch nah der Pantry. Während wir darauf warteten, bedient zu werden, ließ der DB-Kellner fröhlich pfeifend einen Meter neben uns die Mineralwasser-Paletten auf den Boden knallen. Als uns die Kellnerin schließlich unser 10-Euro-Frühstück brachte und mich wiedererkannte, mochte sie mir nicht in die Augen sehen. Auch in diesem Moment war sie kein Profi.

Sie ließ uns allein. Wir schmierten unser erstes Brötchen und wurden belohnt mit echtem DB-Kantinen-Feeling: die beiden, die ja nun in diesem menschenleeren Speisewagen auf Kundschaft warten mussten, ließen sich am Nachbartisch nieder, packten ihre Stullen aus und das Privatgespräch nahm seinen Gang: kein toller Tag heute – auch noch früh aufstehen an Neujahr – Kollege Meier sieht so komisch mit dem neuen Bart aus – und die Neue erst – was hast du auf deiner Stulle drauf … unsere Ohren wurden länger und länger. Gekrönt wurde die Szenerie durch den Schaffner, der das Duo im Vorbeigehen kollegial-freundlich darauf hinwies, dass am anderen Ende des Speisewagens mehrere Gäste gern bestellen möchten. „Na gut“, sagte der Kellner, „wenn’s denn sein muss.“

Wir zahlten und gingen.

von Kirsten Kahler, 9.Januar 2012


Flattr this

0 Kommentare

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

zurück