Ich liebe Autos!

von Kirsten Kahler, 7. Mai 2012

Ich bin ja sooo emanzipiert! Ich gebe gern den Ton an, ich gehe Konfrontationen nicht aus dem Weg, und ich liebe Autos. Ja, ich liebe Autos! Ich fahre sie gern, ich mag diese Technik, die Geschwindigkeit, das Metall, das Motorengeräusch, die Wucht. Immer wenn jemand fragt: „Bist Du typisch Frau bezüglich Autos?“, sage ich: „Nein, ich doch nicht!“

 

 

Ja, ja. Eben gerade wollte ich losfahren und entdecke: der linke Vorderreifen ist platt. Na, super! Ersatzreifen ist im Kofferraum. Radkreuz und Wagenheber auch. Und? 

Ziehe ich die Radkappe ab? Setze ich den Wagenheber an und drehe das Auto hoch? Schiebe ich das Werkzeug auf die Radmuttern? Setze ich meine volle Körperkraft ein, um die Schrauben los zu drehen? Wuchte ich den Ersatzreifen aus dem Kofferraum? NEIN!

 

Ich schaue mich um, ob zufällig in der Nachbarschaft ein Mann zu sehen ist – was natürlich nicht der Fall ist – und rufe den ADAC.

 

Jetzt warte ich auf den Gelben Engel, damit er mir den Reifen aufzieht. Und rechtfertige mich vor mir selbst damit, dass der Ersatzreifen bestimmt zu schwer für mich wäre. Und dass ich die Radmuttern am Ende garantiert nicht fest genug angezogen hätte. Viel zu gefährlich also … Peinlich. Ich weiß genau, dass es genug Männer mit meiner Statur gibt, die ihren Reifen einfach gewechselt hätten.

 

Bin ich also emanzipiert? Ich glaube, darüber sollte ich nachdenken.
Ah, es klingelt. Ich muss zur Tür!

 …

Eben war der ADAC-Mann da. „Es ist nur der Reifen“, sagte ich ganz zerknirscht zu ihm, „ich kann das leider nicht. Typisch Frau!“
Seine Antwort: „Müssen Sie auch nicht. Sonst werden wir ja arbeitslos!“ Charmeur, dachte ich bei mir. Und dann passierte Folgendes:

 

Der Ersatzreifen wurde NICHT aus dem Kofferraum gewuchtet, das Auto NICHT aufgebockt, KEIN Radkreuz gedreht. Stattdessen setzte der ADAC-Mann den Reifen unter Überdruck, zog den hineingefahrenen Nagel mit einer Zange heraus und drückte (mit deutlichem Kraftaufwand) einen Gummiflicken in den Mantel. Jetzt ist alles wieder gut. Ich kann einfach weiterfahren und brauche keinen neuen Reifen.

 

Kein Nachbar hätte das tun können.
Und ich auch nicht.
Schon wegen der Werkzeuge.

Siehste!

 

Fotos: Tom Salt

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