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Die Happy-End-Believerin.

Die Richterin Sabine König sagt: Die Welt ist konfliktfähiger geworden. Zumindest die junge Generation. Ihr ist deshalb nicht bang vor der Zukunft.

Dabei erleben wir ein Jahrzehnt schwelender Kriege: Syrien, Afghanistan, die Drogenkriege in Mexiko und den Bürgerkrieg in Myanmar. Dazu den Terror Al Kaidas. Für die Konfliktforscherin Sabine König ist der weltweite Frieden dennoch vor allem eines: eine Frage der Zeit.

 

Frau König, als langjährige Zivilrichterin in Hamburg und außergerichtliche Konfliktschlichterin sagen Sie: Wir werden konfliktfähiger. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung gerade auch angesichts der aktuellen Kriege wie in Syrien?

Die Konflikte rühren nach meiner Einschätzung daher, dass mehr Menschen in der Welt leben, und aus dem Zusammenleben heraus mehr Konflikte entstehen. Gleichzeitig aber wächst die Fähigkeit, in konstruktiver Weise damit umzugehen. So nehme ich wahr: Dieses auf der Erfahrung unserer frühen Vorfahren beruhende steinzeitliche Verhalten – der andere bedroht mich, dann haue ich ihm zuerst die Keule über den Kopf, dann bleibe ich am Leben – hat sich weiterentwickelt. Es hat zunächst über die Jahrhunderte eine Verrechtlichung stattgefunden. Und es ist inzwischen normal geworden, dass ich mir ein „Win-Win“ denken kann, unter anderem über den Weg der Mediation. Dabei erfahre ich, dass ich nicht den anderen fertig machen muss, um als Sieger aus einem Konflikt hervorzugehen, sondern beide gewinnen.

 

Ein Beispiel?

Mediation, also Konfliktschlichtung, ist nicht nur eine Mode, die aus den USA kommt, sondern es gibt hier weltweit eine Entwicklung. Eine Freundin von mir, die aus Australien stammt und jetzt in Hongkong als Professorin unterrichtet, hat sogar für die Salomonischen Inseln in der Südsee ein Mediationsgesetz mit entwickelt. Die Europäische Kommission fördert zudem stark konsensuale Verfahren. Oder nehmen Sie die Schulprojekte, in denen Konfliktschlichter solche Projekte anbieten und die Kinder diese Kompetenzen erlernen. Diese Generation macht sich schon heute lustig darüber, wenn wir Alten uns so albern streiten.

Wobei in der großen Politik, so wie sie in den Medien dargestellt ist, die Art und Weise, Konflikte zu lösen, noch viel altmodischer ist, als es in vielen Bereichen gelebt wird. Es wird in vielen Bereichen schon viel mehr kooperiert, Ergebnisse werden im Konsens getroffen. Aber das macht nicht so gute Schlagzeilen.

Unsere Informationskultur hat sich nicht entsprechend mit verändert. Diese ist noch sehr darauf orientiert, über Konflikte zu berichten statt über die guten Lösungen, die erzielt worden sind. Die bekommen längst nicht so viel mediale Aufmerksamkeit. Aber sie finden aus meiner Sicht öfter statt als in der Zeitung steht. 

 

Es ist also vor allem die junge Generation, die konfliktfähiger ist – in Europa? Oder stellen Sie das weltweit fest, Sie reisen ja viel, China, Asien, Afrika, Tibet, USA …

Das sehe ich überall bei den jungen Menschen. Die sind im Global Village angekommen. Die wissen, wir haben nur eine Erde, und das finden die ganz normal. Sie haben ein gutes Gefühl für Fairness, und die Streitigkeiten der älteren Generationen sind für die junge Generation Geschichten von gestern. Beispielsweise, dass unsere Urgroßeltern 1870 Frankreich als Erzfeind gesehen haben. Ich habe ja selbst Kinder, die Mitte 20 sind – die denken auf eine ganz andere Art. Wir erleben – aus meiner persönlichen Sicht –, dass sich die Ideale der Bürgerlichen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in weiten Teilen der Welt durchsetzen.

Es wird freilich auch wieder Rückschritte geben … Aber, um es mit Victor Hugo zu sagen: „Nichts ist so stark, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Ein Taxifahrer aus dem Orient meinte neulich zu mir: „Egal, welche Hautfarbe wir haben, wir haben alle dieselbe Farbe Blut.“ Das ist etwas, was immer mehr Menschen akzeptieren, bzw. immer mehr Menschen akzeptieren nicht mehr, dass man Menschen anders behandelt, nur weil sie ein anderes Geschlecht haben, eine andere Hautfarbe oder ethnische Herkunft. Meine Wahrnehmung der jungen Menschen ab etwa Mitte 20 ist, dass sie die Geschichte Geschichte sein lassen und in einer Welt leben möchten, die für alle lebenswert ist.

 

Noch aber erleben wir viele Kriege und Konflikte, wie den zwischen Israel und Palästina. Da wünscht man sich auch mal erfolgreiche Mediationsverfahren!

Die gibt es, sogar ganz viele! Der Harvard-Prof. Herbert Kehlmann z.B., gebürtiger Österreicher, ein herausragender Sozialpsychologe, Direktor des Programms für Internationale Konfliktanalyse und Konfliktlösung, ist da ganz aktiv. Oder der Hamburger Professor Alexander Redlich arbeitet viel in dem Bereich. Oder nehmen Sie den Dirigenten Daniel Barenboim, israelischer und palästinensischer Staatsbürger. Er spielt am 29. Juli 2012 mit seinem palästinensisch-israelischem Orchester auf der Waldbühne in Berlin Beethoven!

 

Israel und Palästina bekriegen sich aber weiterhin … an Frieden nicht zu denken!

Für mich ist der Agentenaustausch, der im Oktober des vergangenen Jahres stattgefunden hat, der Beginn des Endes des Nahostkonfliktes. Die Palästinenser hatten damals den israelischen Soldat Gilad Schalit gehen lassen und Israel hatte im Gegenzug über Tausend palästinensische Häftlinge auf freien Fuß gesetzt. Das ist meine persönliche Meinung.

Das ist so wie der historische Agentenaustausch zwischen Ost und West auf der Glienicker Brücke, dann kam der Kniefall Willy Brands in Warschau 1970 und dann das Ende des Kalten Kriegs mit dem Fall der Mauer Ende der 80er Jahre. Da ist ein Prozess in Gang gesetzt worden.

Ein Generationenwechsel wird dazu führen, dass die Menschen erkennen, dass sie besser dran sind, wenn sie kooperieren und nicht überkommene Feindbilder aufrechterhalten.

 

Und doch heißt es immer wieder: Wir steuern auf Rohstoffkriege zu (Öl, Wasser), einen Krieg der Religionen und einer wachsenden Terrorgefahr. Ängste der Alten oder doch mögliche Zukunft?

Mein Mantra ist immer: Wer an Bildung spart, investiert in Einfalt. Es gibt kein anderes Mittel gegen Dummheit als Bildung. Und wenn wir den jungen Menschen mehr Bildungschancen geben, dann werden sie das Ding schon schaukeln. Da bin ich gelassen. Aber dieses WENN ist wichtig. Wir müssen ihnen Bildungschancen geben, und da sind die neuen technischen Mittel klasse dafür. Deswegen bin ich ein „Happy-End-Believer.“ Natürlich geht die Welt unter, aber die alte. Und die neue, die entsteht, wird eine andere sein und sie wird so sein, dass hoffentlich weniger Menschen Hunger haben und weniger Angst vor Krieg. Und es weniger Kinder gibt, die ohne Eltern aufwachsen müssen. Dafür bin ich gerne bereit zu arbeiten, aber alle müssen ein bisschen was dafür tun.

Und ich finde, wir sind auf einem guten Weg. Auch die Vereinten Nationen mausern sich. Sie sind viel, viel besser, als ihr Ruf, genauso wie die Europäische Union. Da zeichnen die Medien ein Bild, das nicht dem entspricht, was und wie dort gearbeitet wird. Auch dafür sind die neuen Medien klasse, weil jeder die Chance hat, sich unmittelbar zu informieren und zu berichten.

 

Sabine König ist Richterin für Zivil- und Familienrecht am Amtsgericht Hamburg, sowie seit vielen Jahren aktive Mediatorin. Für eineinhalb Jahre hat sie sich von ihrem Richteramt beurlauben lassen. Die fünfsprachige Schnelldenkerin will durchatmen, sich mit ihrer Leidenschaft, der Konfliktforschung, beschäftigen und reisen, um andere Menschen zu treffen und ihre Lebensgeschichten zu hören. Ihre Doktorarbeit hat sie gerade eingereicht. Und dann schreibt sie noch an einem Buch. Sabine König hat vier Kinder großgezogen und lebt in Hamburg. 

 

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