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Sie kämpft für Gleichberechtigung.

Die 80jährige Anwältin Lore Maria Peschel-Gutzeit hat Energie für drei. Gleichberechtigung ist ihr Lebensthema. Dafür setzt sie sich immer noch kraftvoll ein — die ehemalige Justizsenatorin von Berlin und Hamburg und Mutter dreier Kinder. Jetzt hat sie ein fesselndes Buch über ihr Leben geschrieben. Titel: „Selbstverständlich gleichberechtigt“. 
 

Dani Parthum, November 2012   

 

 

Frau Peschel-Gutzeit, Sie blicken auf ein selbstbestimmtes und sehr bewegtes Leben zurück: Sie haben den Krieg erlebt, große Widerstände im Beruf erfahren, waren Richterin und Justizsenatorin und haben sich immer für Gleichberechtigung eingesetzt. Vieles aus eigener Kraft. Und doch treten Sie für eine Frauenquote in Unternehmen ein. Was ist Ihr Argument pro Quote?

Ich habe mich ganz explizit für die Quote ausgesprochen und tue das bis heute. Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es bestimmte Bereiche im gesellschaftlichen Leben gibt, die ändern sich nicht, ohne dass das ein Gesetz angeordnet. Darauf zu warten, dass eine bessere Einsicht dazu führt, dass auch Großbetriebe und DAX-notierte Konzerne ihre Führungspositionen verstärkt mit Frauen besetzen, bedeutet Warten bis zum St. Nimmerleinstag!

Wie oft hat die Wirtschaft schon Selbstverpflichtungen ausgesprochen; wie oft spricht man davon, dass einige Unternehmen anfangen, Frauen auch in höhere Positionen zu bringen.

Nach wie vor aber besetzen bei den größeren Konzernen nur 2 Prozent Frauen die Führungspositionen, und das ist nicht hinnehmbar. Wir haben noch nie so eine große Zahl an gut ausgebildete Frauen gehabt wie jetzt.

Es gibt keine Begründung, keine Berechtigung, Frauen von diesen Positionen auszuschließen.

 

Wie erklären Sie sich, dass die Entscheider mehrheitlich männlich sind und auch heute nur vereinzelt weiblich?

Solange es Unternehmen überlassen ist, ob es Männer oder Frauen als Führungskräfte einstellt und es keinerlei Verpflichtungen bei der Besetzung von Posten gibt, auch das andere Geschlecht zu berücksichtigen, machen viele Firmen einfach so weiter, wie bisher. Sie finden Begründungen, wie: das finden wir effektiver mit Männern; da wissen wir, was wir haben; mit Frauen kommt Unruhe in die Firmen … Sie kennen alle diese Argumente, die in Wirklichkeit keine sind.

Dahinter steht wohl eine gewisse Furcht vor Veränderung. Und die wird es auch geben.

Denn Frauen führen anders als Männer, Frauen verursachen ein anderes Unternehmensklima. Nur, das ist nicht schädlich! Im Gegenteil. Es gibt sehr seriöse Studien, die zeigen, wenn Führungen großer Unternehmen als Team besetzt sind, mit Männern und Frauen, steigt nicht nur der Gewinn um ein Drittel, sondern das gesamte Klima der Firma bessert sich, wird meist sehr viel humaner.

 

Sie kämpft für die Gleichberechtigung auch mit ihren 80 Jahre noch: Lore Peschel-Gutzeit

 

Sie sagen von sich, Sie leben „selbstverständlich gleichberechtigt“, so haben Sie auch Ihr Buch genannt, das im Oktober erschienen ist. Was ist für Sie Gleichberechtigung?

Gleichberechtigung ist ja abgeleitet von Gerechtigkeit. Und ein Mensch, der ein Gerechtigkeitsbedürfnis hat wie ich, der kann nicht akzeptieren, dass die eine Hälfte der Menschheit weniger Rechte, weniger Entwicklungsmöglichkeiten hat, als die andere Hälfte – nämlich Frauen weniger in der Gesellschaft ausrichten können als Männer, ganz generell gesprochen. Das ist ein Phänomen, das wir alle kennen, Jahrtausende alt, aber dadurch wird es nicht besser und nicht gerechtfertigter.

Als ich diese Diskriminierung als junge Frau wahrgenommen habe, da dachte ich mir: Das kann nicht sein, dafür gibt es keine Berechtigung, und das habe ich auch ein Leben lang so gelebt.

Zwar haben wir in Artikel 3 des Grundgesetzes die Gleichberechtigung auch festgeschrieben. Was aber bis heute nicht dazu geführt hat, dass Frauen wirklich in allen Bereichen gleichgestellt sind, also die gleichen Entwicklungschancen haben wie Männer, sodass auch heute noch sehr viel zu tun ist für die Gleichberechtigung von Frauen.

 

Wie könnten wir denn endlich gleiche Chancen für Frauen und Männer erreichen?

Es gibt viele Instrumente, die schon gegriffen haben. Das sind die Gleichstellungsgesetze, die kennen Sie aus den Bewerbungen, den Anzeigen für Stellen, dass dort nicht mehr ausgeschrieben werden darf: wir suchen Männer, oder die Anzeige nur männlich formuliert ist. Dort müssen beide Geschlechter angesprochen werden. 

Auch die Parteien müssen damit anfangen. Die linken Parteien haben ja alle eine Quotierung eingeführt, damit Frauen die Chance, oder wie ich es nenne, einen Türöffner haben, sich fair um Führungspositionen zu bewerben. Ob sie es dann wirklich packen, das ist eine zweite Frage. Aber sie von vornherein auszuschließen, indem man nur Männer für die Posten benennt, das geht nicht, und das geht 60 Jahre nach Inkrafttreten des Artikel 3 Grundgesetz schon gar nicht!

 

Sie arbeiten in Berlin als Rechtsanwältin, kämpfen also immer noch für andere und für Gleichberechtigung. Was hat Sie geprägt?

Das weiß man ja selbst nie so ganz genau. Ich komme aber aus einer Familie, in der die Frauen sehr starke Frauen waren.

Meine Großmutter hat die Fabrik meines Großvaters geleitet, wenn der in den Tropen war. Sie hatten eine Rohrfabrik. Meine Großmutter hat Prokura verlangt und sie auch erhalten und dann die Fabrik allein geführt. Das war um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts undenkbar! Meine Mutter war ihr Leben lang berufstätig. Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, hat ebenso studiert wie meine Mutter. Meine Schwester hat studiert genau wie ich.

Ich komme also aus einer Familie, in der es selbstverständlich ist, dass Frauen einen qualifizierten Beruf ergreifen und den auch ein Leben lang durchhalten und selbstverständlich ihren Platz in der Gesellschaft fordern und finden.

 

Würden Sie heute etwas anders machen, als Sie es getan haben?

Als meine Kinder klein waren, hatten wir noch sehr viel weniger Hilfen gesellschaftlicher Art, als das heute der Fall ist. Damals waren Kinder Privatsache. Deshalb hatte ich für mich eigentlich nie Zeit, weil ich für alles allein zuständig war. Sicher würde ich das ein oder andere heute anders machen.

Ich würde vielleicht versuchen, etwas mehr für mich selbst herauszuholen. Man darf sich aber nicht täuschen. Der Preis einer Frau dafür, dass sie Familie und Beruf hat und zwar beides so, dass es Freude macht, der Preis dafür ist, das für sie nicht so furchtbar viel Freizeit übrig bleibt. Aber das ist ein Preis, den frau zahlen kann für ihre Gleichberechtigung.

 

Lore Peschel-Gutzeit diskutiert gern über die Rechte der Frauen und Gleichberechtigung.

 

Wäre es nicht gut für die Gesellschaft, wenn wir alle etwas mehr Zeit für uns selbst und unsere Familie hätten und einen verantwortungsvollen Job dazu?

Was Sie schildern ist ein kleiner, aber schöner Traum. Ich bin übrigens bei Ihnen, ich fände es gut, wenn es z.B. Lebensarbeitszeitkonten gebe. Wenn man in Zeiten, in denen einen die Familie wirklich braucht, weniger arbeiten müsste, was man dann später nachholen könnte. Das wäre sicherlich eine sehr humane und machbare Maßnahme.

Man müsste nur anfangen und ich, um darauf zurückzukommen, könnte mir gut vorstellen, wenn Frauen über solche Dinge in Führungspositionen zu entscheiden hätten, würde sich an dieser Stelle auch sehr viel mehr ändern!

 

Was sollten junge Mädchen Ihrer Erfahrung nach lernen, um persönlichen und beruflichen Erfolg zu haben und um gleichberechtigt zu leben?

Ganz sicher brauchen sie ein unerschütterliches Selbstwertgefühl. Sie dürfen sich von Zurückweisungen nicht kränken lassen. Das ist leicht gesagt und schwer getan, dass weiß ich aus eigener Erfahrung sehr genau.

Aber die Erziehung zuhause muss dort ansetzen und muss jungen Frauen und Mädchen beibringen, in dem Bewusstsein zu leben, denselben Wert zu haben wie der Mann, der vor ihnen steht. Und dieses Bewusstsein kann man natürlich durch Erziehung begründen.

Man muss Frauen und Mädchen ermutigen, ermutigen, ermutigen.

Und wenn eine solche junge Frau so ermutigt erzogen ist, wird sie auch Widerstand leisten können, wenn man ihr alles Mögliche vorenthält. Dann wird sie sich einbringen können  und Gleichberechtigung einfordern.

Entscheidend ist, dass in der Erziehung nicht nur das Selbstwertgefühl eingepflanzt und gepflegt wird, sondern dass die Bereitschaft begründet und gepflegt wird, Konflikte auszuhalten. Sehr viele Frauen weichen Konflikten aus, weil sie ein Harmoniebedürfnis haben. Das ist auch in Ordnung. Aber allein mit Harmoniebedürfnis schaffe ich bisweilen einen Kampf um eine Position nicht. Ich muss bereit sein, in diese Schlacht zu ziehen.

 

Beobachten Sie, dass Eltern ihre Mädchen in diesem Sinn erziehen?

Mit Freude sehe ich, dass eine Reihe von Vätern sich darum bemüht, an der Kindererziehung teilzunehmen, dass sie sich nicht nur um die Jungs kümmern, sondern auch um die Mädchen. Das halte ich für unverzichtbar, weil ein Mädchen von einem Vater lernen kann, wie Hierarchien funktionieren. Das wissen viele Frauen nicht, deshalb können sie es auch nicht weitergeben. Ein Mann weiß das. Die wissen das seit Jahrtausenden. Und das muss Frau auch wissen, damit sie sich dort zurechtfindet.

Es gibt aber immer noch sehr viele traditionellen Familien, die Jungs und Mädchen sehr unterschiedlich erziehen. Nur das ist für eine junge Frau absolut hinderlich, wenn sie sich in dieser Welt aufgrund guter Ausbildung, die fast alle jungen Mädchen haben, zurechtfinden und vorankommen will.

Deswegen gibt es keine Alternative dazu, sich bewusst zu machen, was Mädchen anders als Jungen an Erziehung benötigen.

 

Lore Peschel-Gutzeits Buch, Selbstverständlich gleichberechtigt„, ist auf jeden Fall eine Empfehlung. Es ist bei Hoffmann und Campe erschienen. Und unter diesem Link finden Sie eine Buchbesprechung von mir für NDR Info.

Die agile Anwältin war außerdem im Oktober im WDR in der Sendung „Redezeit“ zu Gast. Hier können Sie das Gespräch nachhören:  WDR5 Redezeit mit Lore Maria Peschel-Gutzeit 

 

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