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Un-Gleichberechtigung

Schweden ist Vorbild für Vieles, besonders wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht. Und ganz richtig, das Verhältnis der Geschlechter ist anders, weniger hierarchisch, weniger kämpferisch, es wirkt freundschaftlicher.  Und es wird öffentlich darüber diskutiert.

von Dr. phil. Susanna Stempfle Albrecht

In welchem Land gibt es schon einen Premierminister, der sich selbst als Feminist bezeichnet? So wie es  Göran Persson tat, zu seiner Zeit als schwedisches Staatsoberhaupt 1996-2006. Hier zu Lande scheint es hingegen mittlerweile so, als lehne frau sich wieder zurück, in der Gewissheit, dass in Sachen Gleichberechtigung bereits – wenn zwar noch nicht alles, dann doch vieles – gesagt und getan worden ist. Frau Schwarzer, unsere einzige Ikone in der deutschen Frauenbewegung, scheint ja auch nicht mehr so auf der geistigen Höhe zu sein, kooperiert sie inzwischen offen und unverblümt mit der BILD und sagt auch in so mancher Talk-Show wunderliche Dinge. Dennoch verdient Alice Schwarzer höchste Anerkennung für das, was sie für die Emanzipation getan hat. Und sie ist weiterhin wichtiges und leider einziges Gesicht der Frauenbewegung. Ihre schrille und erfrischend aufmüpfige Art hat dafür gesorgt, dass Frauenfragen überhaupt öffentlich diskutiert wurden. Dies alles scheint bedauerlicherweise in Vergessenheit zu geraten, eine Vergessenheit, die für die weitere Frauenemanzipation nicht hilfreich ist. Denn wir sind den Weg noch nicht zu Ende gegangen.

Die „Bitterfotze“ und das positive Image Schwedens
Blicken wir nach Schweden, dann sehen wir, dass dort laut und unablässig darüber diskutiert wird, dass es noch viel zu tun gibt, bis die Frau endlich die gleichen Rechte hat wie der Mann und die Gleichberechtigung auch im Alltag gelebt und gedacht wird. Sei es in den Medien, in der Literatur oder in der Wissenschaft: Der schwedische Feminismus lebt, sogar in der jüngeren Generation. Als jüngstes Beispiel lässt sich hier Maria Svelands „Bitterfotze“ nennen, 2009 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Darin beschreibt Sveland das harte Los einer jungen, verheirateten Mutter, die im Grunde alleinerziehend ist. Ihr Ehegatte kommt nicht so gut dabei weg. Er verfolgt zielstrebig seine Karriere und glänzt am meisten durch Abwesenheit. In einem Interview mit Brigitte.de betont die Autorin Sveland, dass in Schweden Frauen und Männer zwar emanzipierter als woanders leben, aber dass Frauen im Vergleich nur 80 Prozent eines Männergehaltes verdienen, den Großteil der unbezahlten, undankbaren Hausarbeit machen und aus dem Beruf entweder aussteigen oder zu lange pausieren, wenn ein Kind kommt. Maria Sveland meint, der Trick schwedischer Politik allgemein sei, bewusst dieses positive schwedische Image zu fördern, um sagen zu können: Man sei im internationalen Vergleich doch schon sehr viel weiter. So kann Kritik schnell und einfach mundtot gemacht werden.

Das Manifest: 100.000 Kronen auf den Grill und deutsche Tristesse
Es scheint also nicht zu genügen, dass Politikerinnen wie Gudrun Schyman einen symbolischen Akt begehen, indem sie 100.000 Schwedische Kronen – ungefähr 10.000 Euro – im nördlichen Ådalen öffentlich verbrennt.

Feministin Gudrun Schyman

Feministin Gudrun Schyman

Die Summe symbolisiert den Lohnunterschied zwischen Mann und Frau und ist, wie Schyman sagt, ein „Manifest gegen die Ungerechtigkeit“. Wie wichtig solche Zeichen dennoch sind, zeigt die große mediale Aufmerksamkeit dieser Kampagne. Schyman ist die Gründerin der feministischen Partei (FI=Feministische Initiative) in Schweden, die 2009 im Europaparlament und 2010 bei den schwedischen Reichstagswahlen zur Wahl stand. Sie will mit ihrer Partei in den schwedischen Reichstag einziehen. Einer der berühmtesten Unterstützer der FI ist kein Geringerer als ABBA-Ikone Benny Andersson, der satte 1 Millionen Kronen spendete.

Es geht aber um so viel mehr als um Geld. Es geht auch um eine Lebenseinstellung, um die Frage, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Es geht um eine Aufwertung des Weiblichen, nicht darum, dass die Frau es dem Mann gleich tut und sich anpasst. Und es geht um die Aufwertung von Kindern, deren Erziehung Elternsache ist, nicht Frauensache sein sollte. Das deutsche Wertesystem ist in dieser Hinsicht sehr verschieden von dem Skandinavischen, um nicht zu sagen: mittelalterlich, trist und rollenfixiert.

Im Norden ist nicht alles besser und nicht so unkompliziert wie es scheint. Die Praxis sieht – wie so oft – leider anders aus. Und auch in Schweden ist man mit dem Erreichten noch lange nicht zufrieden. Aber eines können wir uns hier in Deutschland vom gelobten Land Schweden wirklich abgucken: Die gemeinsame Bereitschaft, endlich wahre Gleichberechtigung zu erhalten und den unermüdlichen Willen, diese Fragen auf allen Kanälen immer wieder zu thematisieren. Frau und Mann gemeinsam. Diesen Willen gibt es in Schweden, da muss man nur einmal das öffentlich-rechtliche Radio einschalten oder die Zeitung aufschlagen. Überall und jederzeit wird diskutiert. Toll!

Hamburg, 19. Februar 2012

 

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