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Aufreger Frauenquote.

Das Magazin Focus macht Stimmung gegen die Frauenquote – mit beruflich erfolgreichen Frauen auf dem Titelbild. Auffällig: Es sind vor allem privilegierte Frauen, junge oder ohne Kinder.

Viviane Reding, Justizkommissarin der EU, hat das am Anfang ihres Berufslebens genauso gesehen: Eine gesetzliche Quote, um den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen, braucht es nicht. Jetzt aber hat sie europaweit eine Frauenquote in den Aufsichtsräten der börsennotierten Konzerne durchgesetzt.

Ganz offiziell: Vivace Reding, EU-Justizkommissarin„ … und sie kommt doch, die Frauenquote.“, sagte Reding auf dem Frauenfinanzforum in Hamburg Ende November des vergangenen Jahres. (Hier können Sie die Rede nachlesen.)

Für Reding ist die Quote eine Krücke, um zwei Ziele zu erreichen: das Nutzen des weiblichen Talents und die gleiche Teilhabe von Frauen an gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Macht.

Auf dem Frauenfinanzforum erzählt Reding, dass ihr erst mit zunehmender Lebenserfahrung bewusst geworden sei: es gehe nicht ohne Quote.

Entscheidende Spieler in der Wirtschaft sind immer noch ausschließlich mit männlichen Vorständen besetzt, siehe Europäische Zentralbank oder Deutsche Bank. In 100 Banken und Sparkassen in Deutschland finden sich in den Führungsgremien gerade mal 3 Prozent Frauen, obwohl fast 60 Prozent der Angestellten im Finanzsektor weiblich sind!

Nur eine Bank hat zurzeit eine Vorstandschefin. die Nachfolgerin der Hypo Real Estate in München, die Deutsche Pfandbriefbank. Manuela Better allerdings rückte erst auf den Posten vor, als die männliche Führungsriege unter Vorstandchef Georg Funke den Immobilienfinanzierer 2008 so krachend in den Sand gesetzt hatte, dass die Regierung Merkel die Bank zwangsverstaatlichte, die Bank aufspaltete in die Pfandbriefbank und eine „Bad Bank“, und wir Steuerzahler seither für mehr als 180 Milliarden Euro haften.

Seit den 80er Jahren kämpfte Reding für die Gleichberechtigung von Frauen in Führungspositionen. Die EU hat auch auf Druck Redings Empfehlungen dazu gegeben und mit der Wirtschaft Selbstverpflichtungen ausgehandelt, den Anteil von Frauen in den Führungsgremien zu erhöhen. Gebracht hat das nichts, musste Reding nach Jahrzehnten ernüchternd feststellen.

Noch 2008 sicherten die männlichen Vorstände und Aufsichtsräte der 30 DAX-Konzerne per Unterschrift zu, sie werden mehr Frauen in ihre Führungsgremien bringen. Getan hat sich nichts.

Dabei haben die skandinavischen Länder längst eine gesetzliche Quoten und dort funktioniert die Frauenpartizipation. Auch das habe sie umdenken lassen, erzählt die energische Reding auf dem Frauenfinanzforum in Hamburg.

Und deshalb setzt sich die 62jährige so vehement für die Frauenquote ein.

2010 hat sie die Quote angekündigt und viel Häme dafür einstecken müssen. Jetzt aber kommt sie, betont Reding selbstbewußt. Sie hat gemeinsam mit den anderen EU-Kommissaren einstimmig eine entsprechende Richtlinie beschlossen. Allerdings ist diese deutlich anders als Reding das vorgeschlagen hatte. Das erwähnt Reding allerdings nicht auf dem Frauenfinanzforum, dabei zeigt es, mit welch harten Bandagen um die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft gekämpft wird.

Das ist keine Frauensache, sondern eine gesellschaftliche Sache.“, sagt Reding. Damit liegt sie auf der gleichen Argumentationslinie der heute 80-jährigen Anwältin und früheren Justizsenatorin von Berlin und Hamburg, Lore Maria Peschel-Gutzeit, die SAKIDA im November dazu ein Interview gegeben hat. Sie kämpft seit ihrer frühesten Jugend für gleiche Chancen für Frauen.

Das Europaparlament und der Ministerrat müssen jetzt der Richtlinie noch zustimmen, bevor die EU-Länder sie in nationales Recht umsetzen. Vorab hat das EU-Parlament eine gemeinsame Erklärung für eine Quotenregelung abgegeben und damit klar Position gegen die Blockadehaltung einiger Mitgliedsländer bezogen, darunter auch Deutschland. Angela Merkel lehnt die Quote rundweg ab.

Was in der Richtlinie kurz gefasst steht?

Ab 2020 sollen alle europäischen, börsennotierten Konzerne und öffentliche Unternehmen ihre Aufsichtsräte bzw. nicht geschäftsführenden Direktoren zu 40 Prozent mit Frauen besetzt haben. Offizielle Sprachregel: mit dem „unterrepräsentierten Geschlecht“. Allerdings ist diese Quote nicht starr, so wie das Reding gefordert hatte. Ihren ersten Richtlinienentwurf haben die anderen Kommissare aufgeweicht. Herausgekommen ist doch wieder eine Art „freiwillige Quote“. Das sagt Reding aber nicht. Sie spricht von „intelligenter Quote“. (??)

Denn: Wird der 40-Prozent-Frauenanteil im Aufsichtsrat nicht erreicht, müssen die Konzerne lediglich begründen, warum das „überrepräsentierte“ Geschlecht, das dürften in der Regel Männer sein, qualifizierter sind als irgendeine Frau für den Posten. Was eine stichhaltige Begründung dafür ist, ist nicht festgelegt.

Außerdem sieht die EU-Richtlinie keine Sanktionen vor. Sanktionen sieht die Richtlinie der EU-Kommission nicht vor. Die sollen sich die Mitgliedsländer selbst ausdenken. Für Reding sähe eine Sanktion z.B. so aus, dass die Ernennung des Aufsichtsrates für nichtig erklärt wird und dass die Nichterfüllung der Quote publizieren werden muss. Das soll am Image des Unternehmens kratzen und seine Rückständigkeit sichtbar machen – hofft Reding.

Warum nicht auch eine Quote für die Vorstandsetage? Mit dieser Idee konnte sich Reding schon gar nicht durchsetzen, erzählt sie. Deshalb: Für Vorstände gibt es eine flexible Quote, über die die Firmen jährlich öffentlich zu berichten haben. Zum anderen werden die Vorstände von den Aufsichtsräten ernannt. Hier hofft Reding darauf, dass Frauen in den Aufsichtsräten für die Chancengleichheit im Vorstand sorgen werden.

Die Europäische Gesetzgebung zur Frauenquote muss – nach EU-Parlament und Ministerrat – im nächsten Schritt von den EU-Ländern in nationales Recht umgesetzt werden. Die jetzige Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel lehnt die Frauenquote aber strikt ab – obwohl sie keinen festen Anteil von Frauen in den Aufsichtsräten vorschreibt und auch keine Sanktionen beinhaltet.

Merkel steht allerdings mit ihrer strikten Ablehnung dieser recht flexiblen Frauenquote konträr zu anderen ältere Frauen in Führungspositionen. Sie tendieren dazu, sich für eine Frauenquote einzusetzen.

Wie Adelheid Sailer-Schuster, die Chefin der Bundesbankfiliale in Hamburg. Sabine Lautenschläger, Vizepräsidentin der Bundesbank, sieht ebenfalls ungeduldig der Quote entgegen. Ohne Druck ändere sich nichts, das wisse sie aus eigener, leidiger Erfahrung, sagt Lautenschläger. Sie sei auch bereit, Anfeindungen deswegen auszuhalten, wie „Quotenfrau“, was manche als Schimpfwort gebrauchen, um den Kampf der Frauen um gleiche Chancen im Beruf zu misskreditieren.

Lautenschläger hätte auch gern eine Frauenquote in den Vorständen gehabt. Als Strafen favorisiert sie Verfahren, die wirklich den Firmen weh tun. Sie plädiert deswegen für eine öffentliche Liste, wenn die Quote nicht erfüllt wird.

Managementpositionen neu denken! Das fehle in vielen Firmen, kritisiert Bundesbankerin Sabine Lautenschläger ebenfalls auf dem Frauenfinanzforum in Hamburg. Zum Beispiel könnte eine Führungsposition mit zwei ManagerInnen besetzt werden, so, wie es die Münchner Hauptverwaltung der Bundesbank macht. Dort teilen sich zwei Frauen einen Vorstandsposten. Tandem-Vorstand heißt das und es funktioniere gut, erklärt Lautenschläger.

Aber auch Frauen selbst sollte stärker gesellschaftlichen Druck aufbauen. Das fordert Viviane Reding. Sie appelliert: Frauen sollten von Männern die Hälfte der Arbeit einfordern und sich laut melden, wenn es um die Besetzung von Positionen geht.

Dass viele Unternehmen über Fachkräftemangel klagen, aber kaum etwas tun, um das vorhandene Potential der Frauen zu heben, findet die EU-Justizkommissarin skandalös. Die Mehrheit der Firmen stelle Frauen, wenn sie Mütter werden, aufs Abstellgleis, geben ihnen mit Familie schlechte Posten. Die Männer dagegen werden für den Nachwuchs mit Aufstieg belohnt, obwohl Frauen nachweislich oft die besseren Schul-, Lehr- und Uniabschlüsse. Kein Wunder, dass so viel in der Wirtschaft und bei Banken schief laufe, sagt Viviane Reding zum Schluss ihrer Rede.

Hier finden  Sie Fragen und Antworten der EU zur Frauenquote.
Hier lesen Sie die Richtlinie.

 

 

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