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Frau Müller, wann platzt ihnen der Lack ab?

Starke Frauen – an dieser Stelle stellt Sakida Frauen vor, die in ihrem Leben auch in schwierigen Zeiten ihre Frau stehen! Heute ist es Nina Müller. Sie ist 35 Jahre alt und Geschäftsführerin einer Hamburger Autolackiererei. Nach Abschluss ihrer Meisterprüfung zur KFZ-Lackiererin begann sie, in der Firma ihres Vaters mitzuarbeiten. Nach dessen Tod hat sie die GmbH vor 3 Jahren übernommen.

von Kirsten Kahler, 07. November 2011

Beherzt und großzügig: Handwerksmeisterin Nina Müller

Beherzt und großzügig: Handwerksmeisterin Nina Müller

Frau Müller, Sie wurden 2008 von heute auf morgen die Chefin von 10 Mitarbeitern. Auch wenn Sie da schon als Meisterin 8 Jahre in der Firma mitgearbeitet haben – war das schwierig?

Man hat natürlich keinen mehr, der sagt: das kriegen wir schon hin. Oder den ich mal fragen kann: wie mache ich das jetzt. Man steht eben allein davor. Aber im Alltag habe ich im Grunde von der Buchhaltung bis zum Lackieren, Kundenbetreuung, alles sowieso schon vorher gemacht und das war auch gut so. Allerdings begann es gleich im nächsten Jahr, schwierig zu werden, weil 2009 die Abwrackprämie kam. Im Grunde haben mir da – wenn man ehrlich sein will – die Lebensversicherungen von meinem Vater geholfen. Sonst wären wir Pleite gegangen, weil die Geschäfte so extrem in die Knie gingen. Die Zeit musste überbrückt werden.

Platzt Ihnen auch manchmal der Lack ab?
Ja, aber dann gehe ich erst mal eine Stunde mit meinen vier Hunden spazieren – oder bepöbele jemanden von einer Telefon-Hotline oder Gewinnspielzentrale, von denen ja ganz viele hier täglich anrufen.

Schaffen Sie sich so den Ausgleich zu all den schwierigen Entscheidungen, die eine Chefin treffen muss? Oder gehen Sie boxen?
Nein, ich gehe reiten, wenn es die Zeit erlaubt. Ich habe ein Pferd und da versuche ich dann abzuschalten. Sobald ich mit meinem Auto hinaus ins Grüne fahre, geht’s mir besser. Meine Tiere sind für mich mein Ausgleich. Und – am Wochenende – mein Garten.

Sie pflegen ein recht freundschaftliches Verhältnis zu Ihren Mitarbeitern. Ist da eigentlich noch eine fachliche Kritik möglich?
Schwierig. Ich habe festgestellt, dass Männer durchaus sehr sensibel sein können und unheimlich schwer mit Kritik umgehen können. Da muss man mit Fingerspitzengefühl herangehen. Man kann nicht sagen: Mensch, mach das doch mal so und so“, ….“warum funktioniert das jetzt hier nicht“, sondern eher: „könntest Du bitte…“, ..“überleg Dir doch mal…“, „ich will Dich ja nicht ärgern, aber guck dir das doch noch mal an“.

Ohne Lack nur halb so schön -- ein Fiat 500

Ohne Lack nur halb so schön -- ein Fiat 500

Können Sie gut nein sagen?
Gar nicht! Für die Chefrolle bin ich eigentlich zu weich. Aber durch die Erfahrung merkt man, wenn nichts zurückkommt. Da bin ich auch mittlerweile in der Lage zu sagen „nee, dann nicht“. Sei es mit Kunden oder mit Angestellten. Aber das ist bei mir schon ein langer Weg und ich kann viel wegstecken.

Arbeiten Sie daran, ihren Geduldsfaden zu verkürzen? Schneller den Ausstiegspunkt zu finden?
Ich glaube nein. Vom Geschäftlichen her müsste ich das tun, aber ich versuche eher, mir meinen Charakter so zu erhalten, wie er eben ist. Ich glaube, ich kann als Mensch ruhiger einschlafen, als wenn ich ein charakterliches Arschloch würde.

Fällt es Ihnen schwer, jemanden zu kündigen?
Ja, das ist schrecklich. Ich hatte ein Erlebnis – das war ein junger Mann, der hier hochmotiviert anfing, und bekam plötzlich schlimme Probleme mit seiner Partnerin. Er kam nicht mehr pünktlich, er blieb einfach weg, ohne sich krank zu melden. Er bekam eine Abmahnung nach der anderen. Irgendwann sagte mein Vater: ich möchte mit dem Vogel nichts mehr zu tun haben, sieh zu, dass Du das durchziehst. Und ich dachte: Mensch, der hat solche Probleme und probier man noch mal. Dann habe ich mit ihm ein Gespräch geführt, aber dabei blieb es. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass der schon nebenher woanders gearbeitet hat. Ich dachte: so nicht. Ich habe ihn herbestellt, habe ihm die Kündigung überreicht. Und der brach vor mir in einem Tränenmeer zusammen. Und mit dieser Situation umzugehen, hat mir erst einmal extreme Schwierigkeiten bereitet. Ich mochte ihn als Mensch gern und verstand ein bisschen seine Situation. Aber unserer Firma hatte er seit Monaten nur noch geschadet. Das war sehr schwierig.

War es im Gespräch schwierig, sich da nicht emotional mitreißen zu lassen?
In Tränen auszubrechen, das geht nicht. Ich habe mich da relativ gut unter Kontrolle.

Ist das eine wesentliche Eigenschaft von Ihnen?
Mag sein. Für diesen Bereich bestimmt. Auch Brüllen gibt es bei mir nicht. Da bin ich sehr kontrolliert. Emotionen nach außen hin kann ich nicht geben. Ich bin froh darüber.

Nina Müller vor ihrer Firma

Nina Müller vor ihrer Firma

Träumen Sie manchmal davon, etwas völlig anderes zu machen?
Manchmal ist die Überlegung da, sich freizumachen von dieser Belastung und alles zu verkaufen. Stattdessen einen Ponyhof in Schleswig-Holstein kaufen und meine eigenen Tomaten züchten. Aber andererseits: wenn hier der Hof voll von Kundenfahrzeugen ist und man bekommt dann ein Feedback, dann weiß man: das ist doch alles gar nicht so falsch gelaufen. Oder die Angestellten sagen: natürlich arbeiten wir eine Stunde länger, auch wenn wir das nicht bezahlt bekommen. Da hängen wir uns für unsere Chefin mal rein. Das sind Momente, die machen mich glücklich.

Wie sieht für Sie der ideale Mann aus?
Früher mussten für mich Männer groß sein, V-förmig, Glatze, Bodybuilder – dieses Türsteher-Syndrom – und hatte so etwas auch immer als Freund. Aber es war immer grauenvoll. Eigentlich waren das die schrecklichsten Beziehungen, die ich je gehabt habe. Und mein jetziger Partner ist das komplette Gegenteil. Und ihm geht es mit mir auch so. Aber wir sind trotzdem glücklich. Im Grunde glücklicher, als man vorher hätte jemals sein können. Und darauf kommt es an. Es ist wichtig in einer Beziehung, dass man seinen Partner gern anschaut und das Gefühl hat, immer noch verliebt zu sein.

Fotos:  Kirsten Kahler

 

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