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Regisseurin darf Film über Tänzer nicht zeigen.

Bettina Pohlmann wollte immer einen Film über Tänzer des Hamburg Balletts drehen. Das hat sie auch. Sie darf ihn aber nicht im Kino zeigen. Dabei feiert das Hamburg Ballett dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen.

Warum Bettina Pohlmanns einzigartige Filmdokumentation „Born for Ballet“ nicht in den Kinos zu sehen sein wird, erzählt sie exklusiv im Interview mit Dani Parthum.   

 

Bettina Pohlmann

 

Bettina, Du hast 3 Jahre lang die Tänzer des Hamburg Balletts mit der Kamera begleitet, bist sogar mit auf Tournee nach China gegangen. Warum hat Dich das so interessiert?

Weil ich schon früher als Kind am Bühnenausgang stand und auf die Tänzer gewartet hatte. Ich war fast die einzige, die da gestanden hat, weil ich immer wissen wollte: Was macht ein Tänzer nach dem Auftritt, was macht er, wenn er frei hat. Da wusste ich noch nicht, das Tänzer nie freihaben. Und dieses ganze Leben drumherum hat mich von kleinauf fasziniert.

 

Der Kinofilm liegt seit 2011 als Rohfassung vor. Der fertige Film sollte 2012 / 2013 in die Kinos kommen. Wieso darf er nicht gezeigt werden? (Unter diesem Link können Sie den Trailer zum Film sehen.)

Die Kurzfassung ist die, dass wir John Neumeier, dem Choreografen und Intendanten des Hamburg Balletts, den Rohschnitt des Films von 100 Minuten gezeigt hatten, und er sich daraufhin entschied, den Film nicht mehr zu unterstützen.

Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen hatte er sich damals zum 40jährigen Jubiläum des Hamburg Balletts in diesem Jahr einen Film gewünscht, der seine Choreografien abbildet und ausschließlich diese gut ins Licht rückt, so wie bei „Pina“ von Wim Wenders. Zum anderen gefielt ihm überhaupt nicht, dass fast ausschließlich seine Tänzer so sehr im Fokus standen, vor allem ihr Privatleben. Dabei wollte ich aber genau das zeigen.

Ich wollte immer einen Film über die Tänzer machen und nicht über John Neumeier. Dazu stehe ich auch.

Ich wollte Tänzer zeigen, jenseits der Bühne, jenseits dessen, was die Zuschauer wahrnehmen, und was sie sonst nie sehen. Und was man außer in dem Film von Frederick Wiseman „La Danse: Das Ballett der Pariser Oper“ auch bisher noch nicht gesehen hat: Wie erarbeiten sich Tänzer ein Stück. Was für ein Privatleben haben sie? Ich wollte den Bogen spannen, von den Kleinen, die die ersten Schritte machen hinein ins Tänzerleben, über die Schüler kurz vor dem Abschluss, bis hin zu älteren Tänzern, die aufhören müssen.

 

Joelle vom Hamburg Ballett mit ihrem Mann.

Dreharbeiten in Nizza. Tänzerin Joelle besucht ihren Mann.

 

Und das ist Dir gelungen! Du hast einen ganz jungen Tänzer, eine jugendliche Tänzerin und eine Erste Solistin vom Hamburg Ballett, die aufhört … und auch ein Kind wird geboren!

Es ein ganz großes Filmglück, was man so selten erlebt. Wir hatten ursprünglich für das Fernsehen, für Arte und den NDR, gedreht, mit den selben Protagonisten. Eine von ihnen war eine der Ersten Solistinnen, die ganz großartig ist, die Französin Joelle Boulogne. Sie war am Anfang sehr schüchtern und zur Zeit unseres Filmdrehs die Älteste in der Compagnie, 41 Jahre alt; das ist für eine Tänzerin schon ziemlich alt. Und sie wusste, dass ihre Zeit begrenzt ist. Aber während des ersten Drehs für Arte stand nicht fest, dass sie aufhören würde. Sie sprach nur von dieser Angst, aufhören zu müssen.

Joelles Abschied vom Hamburg Ballett.

Eine Tänzerin verabschiedet Joelle nach ihrem letzten Auftritt.

Dann war der Film für das Fernsehen abgedreht, aber wir wollten immer auch einen Kinofilm machen. Und hatten dann weitergedreht, weil sich bei den Tänzern privat viel ereignet hatte.

Joelle zum Beispiel hörte dann auf, weil John Neumeier zu ihr gesagt hatte, dass er sie weniger einsetzen würde. Aufzuhören ist ihr wahnsinnig schwer gefallen und sie konnte anfangs gar nicht darüber reden. Zeitgleich ist eine andere Film-Protagonistin schwanger geworden, eine der ersten Solistinnen, Silvia Azzoni. Sie hatte sich immer gefragt, kann ich als Tänzerin überhaupt ein Kind behalten? Das war Zufall. Und diese Bandbreite an Leben wollten wir im Kino zeigen und haben weitergedreht – mit sehr wenig Geld.

 

Wie hatte John Neumeier seine Absage begründet?

Er war damals der Meinung, dass es die Zuschauer nicht interessiert, wenn man Tänzer in ihrem Privatleben sieht. Er fand es irrelevant, es wäre banal. Das liegt vermutlich daran, dass er als Choreografen die Tänzer als besondere Wesen ansieht und der Zuschauer die Tänzer nicht im Jogginganzug erleben soll. Tänzer sind ja wunderschön auf der Bühne und sehen im Privatleben eben doch anders aus, ähnlich wie Schauspieler. Vielleicht wollte er diese Welt nicht preisgeben. Er hat zudem gesagt: Ich hätte ihn beleidigt und verletzt.

 

Im Fernsehen lief aber vor zwei Jahren eine Fernseh-Fassung mit den selben Protagonisten und privaten Szenen?

Ja, aber da hatte ich von ihm keine Reaktion bekommen. Die Fassung hat er akzeptiert. Da kam er allerdings auch mit einem Interview vor. John Neumeier kommt in der Kinofasssung ausschließlich situativ vor. Wir haben ein langes Interview mit ihm geführt. Aber ich hatte mich dagegen entschieden, im Kinofilm Ausschnitte daraus zu zeigen, weil die Tänzer so stark waren und ich dachte, es würde die Zuschauer herausreißen. Das war offensichtlich falsch. Das hätte ich heute anders gemacht.

 

Mit welchem Recht konnte John Neumeier einfach „nein“ sagen und drei Jahre Arbeit von vielen Menschen wegwischen?

John Neumeier hat als Choreograf die Rechte an seinen Choreografien, das heißt, an jedem der Tanzschritte, die man im Film sah – auch während der Proben. Und wenn er sagt, ich gebe die Rechte nicht dafür her, dann fallen alle diese Szenen raus. Das heißt, wir hätten die Tänzer nur in ihrem privaten Räumen zeigen dürfen, beim spazieren gehen und Kinder kriegen. Ein Film über Tänzer, die nicht tanzen, wäre aber natürlich kein Ballett-Film gewesen.

Es war auch ein Fehler, keinen Vertrag mit ihm für das Kinoprojekt abzuschließen. Für die Fernseh-Fassung hatten wir einen mit dem Hamburg-Ballett ausgearbeitet. John Neumeier war über alle Drehs im Ballettzentrum informiert, also lag sein verbales Einverständnis vor. Keiner von uns hat mit dieser konsequenten Absage gerechnet.

 

Hattest Du versucht, nochmal mit ihm zu reden?

Es ist nicht so einfach, John Neumeier zu kontaktieren. Er hat keinen Computer, man kann ihm nicht einfach eine Mail schreiben. Alle, die mit ihm zusammen arbeiten, sagen, sie müssen einen günstigen Termin finden, um ihn überhaupt ansprechen zu können.

Wir hatten dann noch nach der Absage überlegt, wie wir uns stark machen können. Der Verleiher und ich haben ihm angeboten, den Rahmen des Films zu bilden, wie er es bei seinen Balletten auch macht: Prolog und Epilog. Aber er hatte nicht auf unseren Vorschlag reagiert.

Ich hatte ihm geschrieben. Aber ich wusste nicht, ob ihn die Briefe überhaupt erreicht hatten. Einige nicht, das weiß ich mittlerweile. Das führte sicherlich mit zum dem Aus. Er war z.B. nicht darüber informiert, dass es sich um einen Rohschnitt handelte, als er die Kinofassung gesehen hatte. Aber diese Infos hätten ihn erreichen müssen. Das waren ein ganz große Fehler seiner damaligen Berater.

Während des Dreh war es oft so, dass er vieles zunächst abgelehnt, in letzter Minute aber dann doch zugelassen hatte.

 

John Neumeier, Intendant Hamburg Ballett, auf der Pressekonferenz in Peking.

Pressekonferenz in China: Ballett-Indentant John Neumeier (im roten Rolli) stellt Tänzer und Programm vor.

 

Was bleibt Dir von den Dreharbeiten mit den Tänzern des Hamburg Ballett am stärksten in Erinnerung?

Es gab ganz viele intensive Momente. Für mich war es schon immer ein Traum, schon als Kind, im Proberaum mich in die Ecke setzen zu dürfen und Mäuschen zu spielen und zuzugucken, wie die Tänzer proben. Wie sie zusammenarbeiten. Das war das Allergrößte bei den Dreharbeiten.

Wir durften auch soviel Zeit im Ballettzentrum verbringen. Fast alle Tänzer kannten uns. Wir saßen in der Kantine, die Tänzer setzten sich zu uns, und so bauten wir Vertrauen auf. Das war sehr schön.

Und es waren diese Momente im Ballettsaal, in denen ich festgestellt hatte, dass Tänzer unglaublich höflich und zugewandt sind und einen großartigen Beruf ausüben. Man spürt, dass sie das mit Liebe machen. Es war für mich wie die Erfüllung eines Kindertraums. Und sie dann auch noch privat erleben zu dürfen ….

Alexandre Riabko beispielsweise, den alle Sascha nennen und der mit der Ersten Solistin Silvia Azzoni verheiratet ist, ist schüchtern, sehr zurückhaltend. Und dann rief er mich an, um mir zu sagen, das Silvia ihr Kind geboren hatte und dass wir mit der Kamera vorbeikommen dürfen. Das war nur einige wenige Stunden nach der Geburt. Das wäre am Anfang unseres Drehs undenkbar gewesen.

Mit den Tänzern über das Leben zu reden, über Träume und Ängste, das hat mich sehr berührt.

Ich habe selbst in dieser Zeit ein Kind bekommen, habe hochschwanger gedreht, bis 4 Tage vor der Geburt.

 

Sehr intim ist der Beginn Deines Films. Du nimmst die Zuschauer kurz vor Beginn der Vorstellung mit hinter die Bühne …

Das war einer der schönsten Momente. Bevor es losgeht, sind Tänzer unter allergrößter Anspannung, wie Schauspieler. Ich habe zum ersten Mal gesehen, wie die Tänzer selbst das Ballett sehen. Diese Ansicht von der Bühnenseite ist einfach phantastisch – und macht süchtig. Ich dachte immer, die Ersten Solisten tanzen und die andern gehen währenddessen ein Pausenbrot essen oder Rauchen. Das aber stimmt nicht. Sie sind alle versammelt und schauen zu, sind dabei, leiden mit, freuen sich mit. Das fand ich beindruckend. Keiner geht weg. Das ist ein Gemeinschaftserlebnis. Für diese vielen Momente bin ich dankbar.

 

Tänzer vom Hamburg Ballett: Carsten, Joelle, Thiago

Lächeln für Bettina: die Tänzer Carsten Jung, Joelle Boulogne, Thiago Bordin

 

Wie siehst Du rückblickend, ein Jahr nach John Neumeiers Absage an den Kinofilm, diese Arbeit?

Sagen wir so: Traurig über die Absage war ich nur am Anfang und geschockt natürlich. Aber ich bin während der drei Jahre, in denen ich mich mit dem Film beschäftigt hatte, durch so viele Tiefs und Hochs gegangen, es war eine Achterbahn der Gefühle, dass mich so schnell nichts mehr erschüttern konnte. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit den Tänzern verbringen durfte.

Und: Dieser Film hat mir sehr viele Türen geöffnet. Zur Filmförderung beispielsweise, die das Projekt immer unterstützt hat, aber auch zuKollegen aus der Filmbranche. Der Verleiher z.B. hatte nach der Absage von John Neumeier sogar einen langen persönlichen Brief an ihn geschrieben und ihn gebeten, nochmal über alles nachzudenken.

Im Nachhinein weiß ich: Vielleicht war dieser schwierige Film eine Art Lehrstück. Denn ich habe gesehen: Ich schaffe es, 100 Minuten zu drehen, die anscheinend emotional berühren, weil wir den Rohschnitt auf privaten Veranstaltungen im Kino gezeigt hatten und die Zuschauer sehr bewegt waren.

Den Tänzern des Hamburg Ballett hätte ich den roten Teppich gegönnt, dass sie von sich erzählen und sich zeigen können. Das war ihnen verwehrt worden und auch das finde ich sehr schade, dass John Neumeier ihnen diese Bühne nicht gab. 

 

Das machen einige der Protagonisten des Films heute:

Die Französin Joelle Boulogne hat im Juli 2011 aufgehört, beim Hamburg Ballett als Erste Solistin zu tanzen. Sie war ein Jahr auf Arbeitssuche und ist jetzt als Ballettmeisterin bei einer Tanz-Compagnie in Cannes, Frankreich, fest angestellt.

Die andere Erste Solistin beim Hamburg Ballett, Silvia Azzoni, hat einige Wochen nach der Geburt ihres Kindes wieder angefangen zu tanzen und ist wieder in allen Hautrollen beim Hamburg Ballett zu sehen. Ihr Mann Sascha, Alexandre Riabko, ebenso.

Filmautorin Bettina Pohlmann selbst arbeitet längst wieder an anderen Fernseh- und Filmprojekten.


veröffentlicht im Mai 2013
Dani Parthum hatte die seltene Gelegenheit, den Film in seiner Rohfassung zu sehen. Sie war bewegt und begeistert von den Bildern,
 den Worten der Tänzerinnen und Tänzer und der Atmosphäre dieser Dokumentation.
Dani und Bettina kennen sich über ihren Beruf.    

 

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