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Viel Ehre, wenig Lohn.

Ein Doktortitel klingt gut, finden viele. Sogar ein KT zu Guttenberg findet das. Doch der Titel klingt besser, als er ist. Angestellte Doktoren an Universitäten wissen, das ein Doktortitel vor allem eines ist: eine schlecht bezahlte Durchgangsstation.

von Dr. phil. Susanna Stempfle Albrecht

Ich arbeite als das, was man heute eine „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ (LfbA) nennt. So steht es im Arbeitsvertrag. Im täglichen Universitätsbetrieb werden wir dagegen schlicht Lektoren genannt. Wir unterscheiden uns von den Lehrbeauftragten, Dozenten und Professoren dadurch, dass wir außer Literatur auch Sprachen und Landeskunde unterrichten – und das auch noch in der Originalsprache. Wir arbeiten sozusagen an der Basis, indem wir erstmal die Fremdsprache lehren, auf deren Grundlage die Studenten ihr weiteres Studium aufbauen.

Honorarkraft und doch Lektorin, Dozentin und ein bißchen auch Professorin  
Meine Tätigkeiten gehen dabei über die üblichen Lektorentätigkeiten hinaus. Als Dr. phil. mit Unterrichtserfahrung in der Skandinavistik (skandinavische Sprachen und Literatur) kann ich auch Hauptseminare auf Bachelor- und Masterniveau geben. Darüber bin ich sehr glücklich, denn es entspricht meinen Kompetenzen und ich kann meine Vielseitigkeit unter Beweis stellen. Die Bezahlung bleibt jedoch die gleiche, obwohl ich teilweise auf gleicher Ebene unterrichte wie ein Professor oder eine Professorin. Ich bin also Lektorin und Dozentin in einem – zwei Berufsbezeichnungen, die sich gemäß der Unistruktur ausschließen und tariflich überhaupt nicht erfasst sind. Zusätzlich bin ich auch Lehrbeauftragte an den Universitäten Münster und Hamburg, aber in Hamburg werden nun leider die Pforten der Skandinavistik geschlossen.

Es gibt eine Vielzahl akademischen Personals: wissenschaftliche Hilfskraft, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor, Lehrbeauftragter, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Post-Doc, Juniorprofessor, Professor und

Privatdozent. Titulierungen, die bei weitem nicht die Realität der täglichen Aufgabenfelder abbilden und noch weniger die Arbeitszeiten und das Gehalt.

Ich beispielsweise habe eine Stelle inne, die es eigentlich gar nicht gibt. Dies teilte mir das Personaldezernat mit, als ich mich selbst darum kümmern musste, dass mein Vertrag verlängert wird. Denn das muss man (wenn man Pech hat) alle halbe bis (wenn man Glück hat) alle zwei Jahre tun, wenn man eine „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ ist. Irgendeine Absprache, die niemand kennt oder die niemand mir verraten will, führte letztlich dazu, dass ich seit sieben Jahren stellvertretend eine Stelle ausfülle, die es nicht gibt.

Keine Aussicht auf unbefristete Stelle
Da frage ich mich doch: Wie kann es sein, dass eine, die im Vergleich zu allen anderen Kollegen, die größte Anzahl von StudentInnen betreut, unterrichtet und benotet, keine vernünftige, unbefristete Anstellung bekommt? Ohne meinen Sprachenunterricht, ohne meine Literatur- und Landeskundeübungen würde es die weiterführenden Haupt- und Masterseminare, ja den gesamten Studiengang, so gar nicht geben. Hinzu kommt, dass die Nachfrage der Studenten seit Jahren sehr groß ist und immer weiter zunimmt. Wie oft fragen die Studenten und Studentinnen mich, warum es so wenig Unterricht bei mir gibt. Ich muss viele wieder nach Hause schicken, denn 80 Studenten passen nicht in einen Raum. Und so einen zusammengepferchten Haufen kann ich auch nicht artgerecht unterrichten. Das empfinde ich als sehr schade.

Ich frage mich auch – und mit mir viele KollegInnen und StudentInnen — warum diese Misstände nirgends gehört werden, und wenn, warum nichts passiert?

Dabei war das ein selbsternanntes Ziel bei der Einführung der so gepriesenen Studiengebühren: „Verbesserung der Lehre“. Im Zuge des Bologna-Prozesses wird das auch immer dringlicher, bei all den ehrgeizigen Aufstockungen von Modulen und Lehrplänen. Aber das Gegenteil passiert, und zwar auf allen Ebenen.

Weniger Professoren, mehr Studenten, mehr Kurzzeitkräfte
Jahr für Jahr werden nicht nur eine Vielzahl von Professuren gestrichen, sondern es werden auch immer mehr Kurzzeitarbeitskräfte in den Lehrdienst gestellt, die den Löwenanteil von bis zu 18 Semesterwochenstunden bestreiten. Und ich spreche hier noch nicht von den anderen fehlenden Geldern für Arbeitsmaterial, Bücher, Exkursionen und dergleichen.

Der Stundenlohn eines Lehrbeauftragten – einer freien Honorarkraft – richtet sich kurioserweise nach dem Portefeuille der Bundesländer. Das heißt: In Kiel erhält man 20 Euro pro 45 Minuten, während man in Hamburg das Doppelte (!) verdient, nämlich 40 Euro pro 45 Minuten. Viel zu wenig. Die Vorbereitungen für Seminare, inklusive Korrekturen von Arbeiten und das Abnehmen von Prüfungen, werden zudem gar nicht bezahlt. Und damit auch nicht die Verantwortung, die ich dabei trage. Vergleiche ich die Gehaltssituation der Lehrer mit meiner, schwindelt es mir.

Kläglicher Lohn trotz hoher Verantwortung und Doktortitel
An der Universität verdienen viele weniger als an der Schule und sind auch nicht verbeamtet. Ich warte noch auf den Menschen, der mir das plausibel begründen kann. Wer seine mehrjährige Doktorarbeit geschrieben und alle Prüfungen bestanden hat, gewinnt also keinen Blumentopf. Höchstens einen alten Hut.

Der Doktortitel garantiert weder ein höheres Gehalt noch eine Festanstellung, sondern ist lediglich eine arbeitsintensive, schlecht bezahlte Durchgangsstation nach ganz oben: die Professur. Sollen wir denn aber alle Professoren werden, damit wir beruflich endlich fester im Sattel sitzen? Wie soll das gehen? Mit immer weniger festen Stellen und immer mehr Lehrbeauftragten und kurzfristig angestellten Lehrkräften wird die Lehre jedenfalls nicht besser. Das versteht sich von selbst.

Hamburg, 19. Januar 2012

Susanna hat auch eine eigene Seite. Siehe hier: www.scalborg.de 

 

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