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Die Sache mit der Sexualerziehung.

Wissen Sie noch, damals in der fünften Klasse, als der Bio-Lehrer Abbildungen der weiblichen und männlichen Geschlechtsteile zeigte und ein Kondom herumreichen ließ? Sexualkunde stand auf dem Plan und führte bei den meisten Schülern zu Kichern und roten Köpfen. Durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts sind deutsche Schulen seit dem 21.12.1977 gesetzlich zur Sexualerziehung verpflichtet. Doch sexuelle Aufklärung sollte nicht erst in der Pubertät und nicht nur durch die Schule stattfinden. Vor allem Eltern sind gefragt, damit Kinder ein positives Körpergefühl entwickeln und ihre Neugier befriedigen können.

Stephanie Lavoie, Mutter von zwei gewitzten Schulkindern, hat sich dieser diffizilen Aufgabe beherzt gestellt:

 

“Mami, was ist ein Blowjob?” Ich dachte, ich kippe vom Stuhl, als mein siebenjähriger Sohn neulich mit dieser Frage unser beschauliches Frühstück torpedierte. Zugegeben, mir fehlen selten die Worte. Aber da musste ich doch nach letzteren ringen. “Ähm … Ein Blowjob, ja … Das ist, wenn Mami Daddy etwas Gutes tut. Wenn sie ihm etwas besonderes schenkt, etwas, das er nicht täglich bekommt”, hörte ich mich sagen und meinen Sohn postwendend antworten: “Ach, du meinst, wie wenn Daddy dir Blumen mitbringt?” Bitte, bitte, lass ihn jetzt nicht noch mehr fragen, dachte ich und drehte das Fragespiel schnell um: “Ja, genau, so in etwa. Aber wo hast du denn dieses Wort aufgeschnappt?” “Och, zwei Jungs in der Eishalle haben sich darüber unterhalten”, nuschelte er mit vollem Nutella-Brötchen-Mund und damit war unser kurzzeitiger Exkurs in den Bereich Sexualaufklärung beendet.

Sexualerziehung -- mit Plüschtieren?

Sexualerziehung — mit Plüschtieren?

Zweifelsohne würde ich mich als kosmopolitische, unverklemmte Frau und Mutter bezeichnen. Ich nehme nur selten ein Blatt vor den Mund. Aber Themen wie Selbstbefriedigung, Samenerguss und sexueller Missbrauch bereiten auch mir Bauchschmerzen – zumindest, wenn ich darüber mit meinem Töchterlein reden soll. Meine Mom dachte damals, sie wäre ganz raffiniert bei ihrer Sexualerziehung. Irgendwann – ich muss so circa zehn Jahre alt gewesen sein – erspähte ich in meinem Bücherregal das Werk mit dem einfallsreichen Titel “Junge, Mädchen, Mann und Frau”. Klammheimlich hatte sie es dort platziert. Und es war nicht zu übersehen, dieses Meisterwerk der Sexualkunde. Orange war es! Orange: Die Farbe der Geselligkeit, die den Wunsch nach Einheit symbolisiert! Wie passend. Erhellend war dieser Klassiker gleichwohl nicht. Er sorgte vielmehr regelmäßig für Schamesröte in meinem Gesicht und dafür, dass meine Busen-Freundin Christiane auf einmal verstärkt bei mir spielen wollte – sonst waren wir meistens nachmittags bei ihr gewesen.

“Aus Sex entstehen Barbies. Äh: Babys!” So in etwa lässt sich zusammenfassen, was damals in unseren Köpfen vor sich ging. Der Schritt vom beschaulichen Vater/Mutter/Kind-Spiel über „wie mache ich mich für Junge X, Y, Z interessant“ bis hin zur Auswahl der ersten Antibabypille war gewaltig und nicht einfach zu bewerkstelligen. Schlau wäre gewesen, wenn ich mit den vielen Fragen, die die Lektüre des orangenen Buches bei mir generierten, einfach zu meiner Mom gegangen wäre. Auf diese Idee wollte mein vorpubertäres Hirn aber partout nicht kommen. Warum sie mich nie darauf angesprochen hat, ist uns beiden – die wir eine durchaus innige und offene Mutter-Tochter-Beziehung führen – bis dato ein Rätsel geblieben.

Gottlob existierte der Sexualkunde-Unterricht. Wir durften Kondome über den Daumen streifen und Tampons in rote Lebensmittelfarbe tauchen. Welch ein Spaß! Besonders gern erinnere ich mich an folgende kluge Frage einer Mitschülerin: “Können meine Eier beim Eisprung brechen?” Ich weiß bis heute nicht, ob sie das wirklich ernst gemeint hat. Das Gegröle unserer Klassenkameraden war ihr jedenfalls sicher. Von unserem Lehrer gab es für diese „alberne Frage“ indes einen Rüffel. Dr. Sommer von der Kult-Jugendzeitschrift „Bravo“ wäre hier garantiert der bessere Ansprechpartner gewesen!

Sexualerziehung mit Dr. Sommer

Dr. Sommer von der Bravo

Mal ganz im Ernst. Was gab es da schon, Anfang der 80er Jahre, in puncto Sexualerziehung, als ich die ersten Pickel zu kaschieren versuchte? Kein Google, kein Wikipedia, keine Diskussionen über gleichgeschlechtliche Ehen! In unserem Bertelsmann-Lexikon wurde weder der Ausdruck „French Kiss“ erklärt, noch der Begriff „Analsex“ definiert. Heutzutage werden die Internet-versierten Kids hinsichtlich solcher Termini nicht verschont. Haben Sie schon mal den Namen „Schneewittchen“ bei Youtube eingegeben? Nein? Glauben Sie ja nicht, dass Ihr Kind dort nur das Grimmsche Märchen von der schönen Königstochter und den sieben kleinen Männlein zu sehen bekommt!

Sexualerziehung: Was Du schon immer über Sex ... An Zwerge und derlei Märchengestalten glaubt meine Prinzessin schon lange nicht mehr. Also erwarb auch ich ein Aufklärungs-Buch, platzierte es auffällig auf dem Wohnzimmertisch und wartete. Prompt tappte mein Mäuschen in die Falle, fing an zu blättern und zu staunen. Und ich? Fing an zu schwitzen. Jetzt oder nie, machte ich mir Mut! Wir haben es uns auf unserer Couch gemütlich gemacht und gemeinsam die Sex-Fibel erforscht, zunächst verschämt und zaghaft, nach einer Weile mit Verve und Wissbegierde. Das erste Mal, Empfängnisverhütung, sexuell übertragbare Krankheiten, Missbrauch und Homosexualität – alles an einem Nachmittag! In altersgerechter Sprache versteht sich. Das war eine aufklärerische Meisterleistung! Und ich richtiggehend stolz auf mich. Auf mein kleines Mädchen freilich auch! Ganz ehrlich, wir hatten einen Heidenspass und mir sind wahre Geröllsteine von meinem (Mutter-)Herzen gerumpelt. War doch ganz unkompliziert, dachte ich, als das „Aufklärungs-Werk“ vollendet war und wir zwei Verbündete uns der Zubereitung unseres Abendessens widmeten.

Ich harre nun weiterer Fragen und bin zuversichtlich, es werden noch etliche folgen. Eins ist klar: Mein Sohnemann wird es mir dereinst nicht so einfach machen. Aber bis dahin gehen hoffentlich noch ein paar Jahre ins Land. Und ich kann mir in der Zwischenzeit eine elegantere Antwort zurechtlegen auf die eine Frage, die ich todsicher erneut hören werde: „Daddy und du, hattet ihr auch Geschlechtsverkehr, um mich zu bekommen?“

 

Einige Fakten zum Thema:

– Im Alter zwischen 12 und 13 Jahren wird die Mehrheit der „Keenies“ (Wortschöpfung des „Zeit Magazins“ für die Gruppe der 11- bis 14-Jährigen) geschlechtsreif; 12 Prozent aller Mädchen haben ihren ersten Sexualverkehr bereits mit 14 Jahren oder früher.

– Ein Drittel der Heranwachsenden ist mit einem Partner intim, noch bevor die Eltern mit ihnen über Verhütung, ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten gesprochen haben.

– Immerhin: 9 von 10 Jugendliche sorgen beim ersten Mal für Verhütung: Zwei Drittel benutzen ein Kondom, der Rest verhütet mit der Pille.

– Sexualerziehung – im erweiterten Sinne – sollten Kinder von Geburt an erfahren. Dabei geht es in den ersten Lebensjahren nicht um aufklärende Wissensvermittlung, sondern um die „sinnliche“ Entwicklung durch Hautkontakt (z.B. Babymassage) und zärtliches Miteinander.

– „Sexualerziehung“, so die Bonner Psychologin Helga Tolle, “ist Sozialerziehung, Persönlichkeitserziehung und auch Wertevermittlung”. Kinder, die ihre sexuelle Neugier stillen können, entwickeln ein gesundes Selbstbewusstsein als Mädchen oder Junge.

– Ja und Nein sagen können, auch darum geht es. „Kinder, die früh lernen, was ihnen gut und weniger gut tut, sind gestärkt und sagen auch später in der Pubertät Nein, wenn ihnen etwas nicht gefällt”, sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

 

Autorin: Stephanie Lavoie, 16. Oktober 2012

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