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Frauenquote.

Die Juristinnen wollen es wissen: Wie steht es mit der Frauenquote in den Konzernen? Um das herauszufinden, besuchen sie die Hauptversammlungen der an den deutschen Börsen gelisteten Firmen und stellen Fragen. “Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung” nennt der Deutsche Juristinnenbund diese Aktion. Die Bilanz nach drei Jahren fällt nüchtern aus.

Ein Interview mit der Rechtsanwältin Birgit Kersten, die an der Aktion des Deutschen Juristinnenbundes e.V. maßgeblich mitarbeitet.

von Dani Parthum, 5. August 2012

 

Aktionärinnen fragen nach Frauenquote und Gleichberechtigung.

Klartext reden:  Juristin Birgit Kersten

Der Juristinnenbund besuchte als letztes Ende Juli die Hauptversammlung der Heidelberger Druckmaschinen AG. Ihr Fazit für dieses Jahr, Frau Kersten: mehr Gleichberechtigung, bessere Frauenquote?

Die Änderungen bewegen sich im einstelligen Bereich – das ist erfreulich, aber immer noch viel zu gering. Bei den DAX-30-Unternehmen sind in diesem Jahr gegenüber 2011 mehr Frauen in den Aufsichtsräten und Vorstände vertreten. Die Zahlen sind aber immer noch sehr niedrig. In den DAX-30-Unternehmen sind nur in 10 Unternehmen Frauen im Vorstand. Daran lässt sich ablesen, dass Frauen bei weitem noch nicht gleichberechtigt vertreten sind. Bei der Siemens AG und der Deutschen Telekom AG gibt es zurzeit jeweils 2 weibliche Vorstände. Das finden wir vorbildlich.

 

Und auf den anderen Führungsetagen unterhalb von Vorstand und Aufsichtsrat? Wo steht da die Frauenquote?

Das werten wir gerade aus. Wir waren auf 76 Hauptversammlungen und haben jeweils gefragt „Wie hoch ist der Frauenanteil in der Belegschaft?“ und “Wie hoch in den vier Führungspositionen unterhalb des Vorstands?“. Diese und andere Zahlen vergleichen wir nach der Auswertung mit den Vorjahren und publizieren sie in einer Studie, die wir am 28. November 2012 im Stiftungsforum der Allianz in Berlin vorstellen.

 

Können Sie schon sagen, wo sich am meisten tut? In den 30 DAX-Konzernen oder bei den kleineren Firmen, die im Tec-DAX und S-DAX gelistet sind? Im Mittelstand führen ja viele Frauen große Belegschaften.

Ich habe den Eindruck, dass mehr Neubestellungen im Aufsichtsrat und im Vorstand in den DAX-30-Unternehmen erfolgen, in den M-, Tec- und S-DAX-Unternehmen scheint es langsamer voranzugehen. Die DAX-30 stehen mehr unter öffentlicher und politischer Beobachtung. Sie werden ins Kanzleramt bestellt, müssen Ziele benennen und befürchten vielleicht auch, dass neue Regeln zur Gleichberechtigung von der EU-Kommission diktiert werden.

 

Sie stellen auf den Hauptversammlungen den Vorständen und Aufsichtsräten Fragen. Welche zum Beispiel?

Wir erarbeiten jedes Jahr einen Fragenkatalog. Dabei unterstützt uns Frau Professorin Victoria Koch-Rust von der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. In diesem Jahr wollten wir vor allem die Ziele der Unternehmen hinterfragen, die sie sich auf dem Quotengipfel im Kanzleramt im vergangenen Jahr gesetzt haben. Darüber hinaus fragen wir nach Fördermaßnahmen für Frauen mit Ambitionen auf einen Aufsichtsrats- oder Vorstandsposten. Und wir fragen nach Boni, ob und wie diese an entsprechende Maßnahmen gekoppelt sind. Jeder Fragenkatalog wird darüber hinaus an das jeweilige Unternehmen angepasst, zum Beispiel, wenn in einer Firma ein männliches Vorstandsmitglied neu benannt worden ist, dann möchten wir wissen: „Hat auch eine Frau zur Auswahl gestanden?“.

Wir setzen auch Themen des vergangenen Jahres noch mal auf die Agenda. 2011 hatte sich der Deutsche Corporate Governance Kodex geändert – das sind Verhaltensregeln für gute Unternehmensführung. Die Firmen sollten Frauen im Vorstand berücksichtigen. Voriges Jahr mussten wir feststellen, dass wenig Bereitschaft bestand, am bestehenden Status etwas zu ändern. In diesem Jahr sah es etwas besser aus.

 

Frauenquote und Gleichberechtigung? Reine Männerriege bei der Bayer AG

Männer unter sich im Vorstand und Aufsichtsrat bei der Bayer AG

Wie reagieren die meist männlichen Aktionäre, Vorstände und Aufsichtsräte auf Ihre Fragen nach mehr Gleichberechtigung? Applaus oder „Chauvi“-Sprüche?

Die Aktion ist ja nicht mehr neu. Im ersten Jahr war das schon eine große Überraschung. Da kamen sowohl aus dem Publikum als auch vom Podium her teilweise Aussagen, die wir nicht gut fanden. Aber das hat sich gewandelt. Gleichberechtigung ist ein Thema geworden, das auf die Hauptversammlungen gehört, was akzeptiert und respektiert wird. Es kommt mal vereinzelt ein Buh-Ruf, aber auch viel positive Resonanz. Im ersten Jahr unserer Aktion, 2010, haben wir uns einiges anhören müssen, zum Beispiel: „Die Frauen sollen erstmal mit Lego spielen, bevor sie sich auf solche Positionen bewerben!“. Das gibt es nicht mehr. Manche Vorstände sagen heute schon eher: „Wir möchten auch mal gelobt werden! Es hat sich bei uns doch schon viel geändert!“ Andere wiederum konnten sich Sätze nicht verkneifen wie diesen: „Verschonen Sie uns bitte im nächsten Jahr mit Ihren Fragen!“

 

Erhalten Sie Flankenschutz von anderen Aktionären?

Wenn das Podium rein männlich besetzt ist, also Vorstand und Aufsichtsrat, wird das Thema Gleichberechtigung auch von Aktionärsschutzvereinigung aufgegriffen. Da bewegt sich etwas. In diesem Jahr haben auch die Belegschaftsaktionäre der Siemens AG selbst einen Antrag auf Satzungsänderung gestellt. Sie wollten, dass im Aufsichtsrat immer Frauen vertreten sein müssen. Der Antrag hat aber nicht ausreichend Stimmen erhalten. Immerhin haben aber über sechs Prozent der anwesenden Siemens-Aktionäre dafür gestimmt. Ein Achtungserfolg!

 

Wann wäre für den Juristinnenbund die Gleichberechtigung in den Unternehmen erreicht?

Unsere Forderung liegt tatsächlich bei „40 Prozent“ weiblicher Führungskräfte in allen Verantwortungsbereichen eines Unternehmens. Dann würden wir die Unternehmen sehr loben! (lacht)

 

Was erwarten Sie sich gesellschaftlich von einer Gleichberechtigung – nachhaltigeres Wirtschaften? Geht es Ihnen als Juristinnen auch darum?

Für uns ist der jetzige Zustand eine große Ressourcenverschwendung. Wir Frauen werden gut ausgebildet und dann geht es nicht mehr weiter. Auch bei Ingenieurinnen heißt es ja immer, es gibt zu wenige davon. Dabei stehen eine Menge Ingenieurinnen bereit! Es geht uns in erster Linie tatsächlich um die gleichberechtigte Teilhabe.

Die Frauen, die sagen, „Ich möchte Managerin werden“, „ … eine hohe Führungsposition erreichen“, „ … Vorstand werden“, die sollen auch die Möglichkeit dazu haben. An der Ausbildung liegt es nicht. Teilhabe: darum geht es. Alles andere sind positive Begleiterscheinungen.

Zum Beispiel, dass mit Frauen an den Schalthebeln der Macht eine andere Sicht in ein Unternehmen kommt und oft ein anderer Führungsstil. Das belegen Studien. Und: Gemischte Teams erzielen oft bessere wirtschaftliche Ergebnisse.

 

Sie fordern eine feste Frauenquote, Bundesfamilienministerin Schröder dagegen eine flexible. Und doch fördert das Ministerium sie finanziell. Wie passt das zusammen?

Es gibt ja einen Stufenplan der Bundesregierung. Es geht um Transparenz und um Berichtspflichten, die Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen und immer wieder nachzuhaken und dazu zu bewegen, freiwillig etwas zu tun. Dazu tragen wir bei. Deshalb werden wir gefördert. Mit unserer Forderung, unabhängig von unserem Projekt, halten wir nicht hinter dem Berg: Entgeltgleichheit, Quote, 40 Prozent Frauenanteil unter den Führungskräften.

 

Wie lange läuft die Kampagne „Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung“ noch?

Ein Jahr werden wir noch gefördert. Im nächsten Jahr finden viele Aufsichtsratswahlen statt und da sollen sich die Vorstände und Aufsichtsräte noch einmal mit unseren Fragen und Anliegen auseinandersetzen müssen.

 

Hat das europäische Ausland uns in Sachen Gleichberechtigung in der Wirtschaft viel voraus?

Wer vorangeht ist Norwegen. Dort wurde 2008 ein Gesetz in Kraft gesetzt, das eine Frauenquote von 40 Prozent in den Aufsichtsräten festschreibt. In Spanien gibt es auch seit 2007 eine gesetzliche Verpflichtung für die Verwaltungsräte, und seit 2011 in Frankreich. Bis Anfang 2014 müssen in Frankreich 20 Prozent Frauen in den Verwaltungs- und Aufsichtsräten vertreten sein, das heißt, bei fünf Männern jeweils eine Frau, ab 2017 sollen es 40 Prozent sein.

Die Quoten beziehen sich aber alle auf die Verwaltungs- oder Aufsichtsräte, nicht auf Vorstände oder Direktorenebene. Es ist ein Anfang.

Viele Länder arbeiten auch mit Corporate Governance-Regeln – das sind Empfehlungen für eine gute Unternehmensführung. Das reicht aber nicht. Die Bundesregierung hat 2001 mit den Spitzenverbänden der Privatwirtschaft vereinbart, dass die Wirtschaft sich eigene Ziele setzt, mehr Frauen zu fördern. Die Ergebnisse aber sind schlicht nicht sichtbar!

 

Wenn Sie sich für die Aktion interessieren, weil Sie beispielsweise auch Aktien deutscher Firmen halten, dann können Sie unter diesem Link alles zur Aktion des Juristinnenbundes e.V. lesen. Dort sind auch die Auswertungen der Jahre 2010 und 2011 zu finden. 

 

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