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Meine Kaffeefarm in Afrika.

Was macht eine mutige Frau, die ihre norddeutsche Heimat zu flach, kalt, langweilig findet? Sie wandert aus! Zum Kilimandscharo und gründet dort eine Kaffee-Farm.

 

Mutige Frau mit Kaffeefarm: Bente Luther-Medoch

Bente Luther-Medoch

Nur 10 Jahre später verkauft sie von ihrer Kaffeefarm einen mit allen Nachhaltigkeits-Siegeln geadelten Spitzenkaffee in alle Welt. Dies in Kürze die Geschichte von Bente Luther-Medoch, deren Paradies derzeit auch im TV-Spot eines großen deutschen Kaffeerösters zu sehen ist. Die unternehmungslustige Plönerin strahlt, wenn sie – auf Heimatbesuch  – von ihrer Farm in Afrika erzählt. Wenn sie auch mit Tanja Blixen, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben will! Sandra Coy hat sie getroffen.

 

Bente, wie viele mühsame Jahre liegen hinter Dir?

Ich habe zehn Jahre gebraucht, um unsere Kaffeefarm Machare aufzubauen. Nach drei Jahren habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin – jetzt nach zehn Jahren bin ich mit dem Ertrag wirklich zufrieden – und meine Kunden auch! 

 

Du hast zuvor ja schon viele Jobs und Berufe ausgeübt, aber den Kaffee-Anbau liest man ja nicht im Buch, wie hast Du das Farm-Management gelernt?

Doch, ein Stück weit lese ich das im Buch … Aber ganz am Anfang hat mir ein kenianischer Freund sehr viel Basiswissen über Kaffee beigebracht. Seitdem lese ich mir tatsächlich alles über Kaffee, Arabica-Pflanzen,  modernes Farm-Management, Zertifikation und Naturschutz  selber an. Geld für Berater hatten wir nie.

 

Du lebst mit Deinem Mann Ralph auf der Farm, teilt Ihr Euch die Arbeit?

Nicht wirklich. Unsere Arbeitsteilung ist klar: Mein Mann Ralph ist Händler und verkauft den Kaffee, den ich zuvor produziert habe. Wir könnten nicht zusammen arbeiten, dazu sind wir beide zu sehr Käpt’n!

 

Nachbarschaft in Afrika: Die Kaffeefarmerin im Kreis ihrer Nachbarn - alle Farmer wie sie.

Bente im Kreis ihrer Nachbarn – alle sind Farmer wie sie.

Weltweit reißen sich Kaffeekonzerne um Deinen Kaffee, wie erklärst Du Dir das?

Ich habe Jahre gebraucht, um meine jetzige Expertise zu erlangen. Ich bin jeden Tag auf dem Feld. Wir hatten nie Sponsoren, wir mussten fit und flexibel sein, um mit wenig Geld viel zu erreichen. Was unseren Kaffee so speziell macht, ist die Natur die ihn hier am Kilimandscharo umgibt. Die Urwaldnähe, die riesigen Schattenbäume, der vulkanische Boden und vor allem die Liebe, mit der er aufbereitet wird. Ich kann mir gut Dinge theoretisch ausmalen und diese dann umsetzen. Wie eine optimale Wasserversorgung oder Öfen, die wenig Holz verbrauchen. Damit kann ich auch meinen Nachbarn helfen. Diese haben mir schon oft gesagt, dass sie gern mit mir zusammen hier am Berg alt werden möchten, darauf bin ich stolz.

 

Woher rekrutierst Du für Deine Farm Arbeiter zur Erntezeit?

Alle meine Arbeiter haben auch eine eigene kleine Farm, aber ein Familienmitglied arbeitet meist bei mir. Wir haben 100 permanente Arbeiter, und noch einmal 200 on Top während der Erntezeit. Sie alle sind meine Nachbarn, alle kommen freiwillig und werden natürlich bezahlt. Wenn der Kaffee plötzlich schneller reif wird als gedacht und ich mehr Leute zum Pflücken brauche, hängen wir Rundbriefe an die Wände der Dorfläden. Und wer will kommt dann zu uns zum Arbeiten …

Wir hatten tatsächlich früher eine riesige Arbeiterhaus-Siedlung auf unserer Farm, da in der Kolonialzeit fast nur Arbeiter aus anderen Regionen hier arbeiteten. Damals, am Anfang des 19. Jahrhunderts, haben die Chaggas ( so nennt sich der Stamm hier am Kilimanjaro ) es vorgezogen, von ihren eigenen Farmen zu leben.

Inzwischen habe ich die Hälfte der Häuser abgerissen. In den verbliebenen haben die acht Arbeiter, die von weither kommen, jeder ihr eigenes Zimmer. Und wir haben den Lehrern der benachbarten Schulen Zimmer zur Verfügung gestellt. Aber wie gesagt: Die meisten meiner Arbeiter kommen heutzutage aus unserer direkten Nachbarschaft. Wir haben ein sehr freundliches Verhältnis zueinander und respektieren uns gegenseitig.

 

Der Name Tanja Blixen bereitet Dir keine Freude?

Nein! Ich möchte nicht mit Tanja Blixen verglichen werden. Damals ging es kolonial zu, ich aber arbeite komplett anders. Ich bin liberal. Mein Manager und seine Assistenten kommen aus unseren Nachbardörfern. Nur der Manager selbst hat einen 3monatigen Landwirtschaftskurs besucht … alle anderen hatten keine Berufsausbildung, bevor sie zu mir kamen. Alle Drei sind heute Teilhaber in unserer Firma. Ich verlange auch nie, dass meine Arbeiter oder Manager morgens um sieben beginnen. Ich entscheide nie über ihre Köpfe hinweg. Wenn wir uns uneinig sind, dann machen wir einen Versuch und entscheiden dann zusammen, wann dieser Versuch beendet ist.

 

Es gibt keine Rechtssicherheit in Afrika, die Farm am Kilimandscharo habt ihr nur geleast. Bereitet Dir das manchmal schlaflose Nächte?

Was man in Afrika lernt: Ruhig bleiben in Situationen, in denen man sonst panisch würde. In Afrika zum Beispiel hat man in der Tat keine Sicherheit, was das Investment betrifft. Zuweilen wird zum Beispiel ein neues Gesetz in Kraft gesetzt oder geändert, und das gerne zehn Jahre rückwirkend. Aber wir können es ja nicht ändern, unser ganzes Geld haben wir in Machare gesteckt.

 

Macht sich bei Euch der Klimawandel schon bemerkbar?

Oh ja, ein Riesen-Problem! In den letzten Jahren wurde am Kilimandscharo eine Hitze gemessen wie sonst nur in Somalia üblich. Es gibt weniger Wasser und Regen. Ich pflanze viele Schattenbäume, helfe meinen Nachbarn bei der Bewässerung. Wir stecken unser ganzes „Kaffeegeld“ in neue Bewässerungssysteme, um überhaupt weitermachen zu können.

 

Schönes Afrika: Kaffee-Farmerin Bente auf Stippvisite bei den Nachbarn.

Stippvisite bei den Nachbarn am Kilimandscharo.

Ein typischer Tag auf Deiner Farm Machare verläuft wie?

Der beginnt in jedem Fall mit Kaffee, den mein Mann Ralph kocht. Unseren Kaffee natürlich! Dazu wählt er Rohkaffee aus unseren Beständen aus und röstet die Bohnen selber. Wir lieben dreifachen Espresso mit ein wenig Milch. Wir stehen mit dem Sonnaufgang um 6.15 Uhr auf. Ich mache zunächst eine Stunde Sport auf der Terrasse, dazu nutze ich Sport-DVDs, Kickboxen zum Beispiel, auch Jazzdance. Dann esse ich ein Müsli – und trinke Kaffee –  und ab geht’s auf die Farm. Alle Arbeiter haben dort ihren eigenen Aufgabenbereich. Ich beaufsichtige nicht, ich befehle nicht – ich diskutiere aber. Vor allem mit meinem Farm-Manager .

Um 13.00 Uhr gibt es Mittagessen. Ich bevorzuge Quark mit Früchten und einen starken Kaffee. Das in Tansania übliche Milch-Zucker Gemisch (siehe oben) ist nichts für mich. Die Tansanier essen meist eine Art Maispolenta – mit oder ohne gekochte Bananen, die so ähnlich wie Kartoffeln schmecken. Dazu gibt es frische Avocados oder Bananen von unserer Farm. Nach dem Essen geht es bei den Pflanzen weiter bis etwa 18.30 Uhr, also bis zum Sonnenuntergang. Meine Mitarbeiter arbeiten natürlich nicht so lange, die Kollegen der Frühschicht haben ab 15.30 Uhr frei, die der Spätschicht um 18.30 Uhr wie ich.

Um 19.00 Uhr essen Ralph und ich, entweder alleine oder mit Besuchern. Später sitzen wir noch auf der Terrasse und reden oder lesen. Einen Fernseher haben wir nicht, dafür einen Beamer. Ab und zu nutzen wir diesen, um Filme auf der Leinwand zu gucken.

 

Ihr führt eine offene, gastfreundliche Farm. Kochst Du selbst?

Oh ja! Mein Mann kauft einmal pro Woche in der Stadt Moshi ein, Gemüse und Obst ziehen wir selbst in unserem Garten, etwa Bohnen, Erbsen, Spinat, Gurken, Spargel, Salat, Kürbis, Avocados und Erdbeeren! Ich kann gut kochen, indisch, afrikanisch, deutsch – alles mögliche. Wir haben ein offenes Haus mit einem großen Freundeskreis, oft sind Leute da. Manche machen eine Tour auf den Kilimandscharo oder eine Safari.

 

Afrika ist fern: Kaffefarmerin Bente zuhause in Hamburg.

Heimatbesuch. In Hamburg herrscht ein anderer Dresscode…

Könntest Du Dir vorstellen nach Deutschland zurück zu kehren?

Nein, das wollen wir beide nicht, jedenfalls nicht freiwillig …

 

Was unterscheidet Dich Deutsche von Deinen tansanischen Freundinnen?

Ich möchte nicht mit den Frauen in Tansania tauschen. Meine Freundinnen dort sind vielen afrikanischen „Kulturzwängen“ unterworfen. Sie müssen etwa auf jede Beerdigung, egal ob sie den Verstorbenen gut kannten oder nicht. 1.000 Menschen auf einer Beerdigung sind keine Seltenheit, das gleiche gilt für Hochzeiten, Konfirmationen, etc. Geht man nicht hin, sind die anderen beleidigt. Aber immerhin: Schlank muss hier niemand sein, im Gegenteil. Frauen sollten schon einige Kurven zu bieten haben. Interessant auch: Obgleich immer die Männer die Hausherren sind, gibt es mittlerweile auch etliche Frauen in hohen Positionen, in der Verwaltung und in Banken zum Beispiel.

 

Viele würden Dein Leben als Inbegriff von Freiheit sehen. Du nicht, warum?

Manches ist in Deutschland wesentlich freier. Ich kann abends zum Beispiel nicht mal so einfach in die Stadt fahren, denn die Menschen auf dem Land gehen früh ins Bett. Kein Wunder, ab 19.00 Uhr ist es stockdunkel. Nach 21.00 Uhr sind nur noch Betrunkene unterwegs. Hätte ich eine Autopanne – und die hat man hier öfter, da wir nur alte Autos fahren –  müsste ich den Reifen mit einer Taschenlampe im Finsteren wechseln. Eine echte Herausforderung, denn Straßenbeleuchtung gibt es hier oben am Kilimandscharo nicht. Und auf die Hilfe der Betrunkenen angewiesen zu sein, ist auch nicht hilfreich, da diese denken, Weiße sind immer mit Taschen voller Geld unterwegs. Diese Art von Freiheit ohne Angst überall unterwegs sein zu können gibt es in Deutschland, in Afrika nicht. In unserem Ort allerdings kann ich mich jeder Zeit alleine bewegen. In Afrika gilt einfach die Regel: Nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause bleiben oder mit dem Auto fahren (und keine Panne haben).  

 

Du lebst am Kilimandscharo abgeschieden, aber weiß Gott nicht hinter dem Mond. iPad statt Schreibblock ist ein Muss?

Moderne Kommunikatonsmittel und Werkzeuge, die mir die Arbeit erleichern sind mir sehr wichtig: iPad, Wireless Lan, Apple Computer. Die Arbeiter unterschreiben sogar auf dem iPad – und wer nicht schreiben kann wird fotografiert. Denn: Ich hasse Papier!

 

Welchen Dresscode gibt es denn auf der Farm? Afrikanische Frauen arbeiten ja oft im Kostüm!

Das stimmt, ist aber nichts für mich! In meinem Kleiderschrank hängen 6 Arbeitshosen, Cargohosen mit vielen Taschen, dazu Hemden, Stiefel und Flipflops. Ich habe eine deutsche und eine afrikanische Garderobe. Abends ist es mir wichtig aus den Arbeitsklamotten rauszukommen, Kleider trage ich übrigens nie.

 

 

 

Vor wenigen Wochen stand ein 70-köpfiges Filmteam vor Deiner Tür? Wie hat sich das Leben auf der Farm da verändert?

Die Dreharbeiten haben viel Spaß gemacht! Aber ich hätte gerne mehr von den Arbeitern im Spot gesehen. Es war natürlich nicht ganz einfach, 25mal hintereinander das gleiche Lächeln hinzubekommen. Das mache ich ja wahrlich nicht jeden Tag. Auf der Farm sagen jetzt alle gerne „Äktschn!“ Ich habe mich gut mit der Tchibo Filialdame Nicole Margraf verstanden, wir haben nach wie vor Kontakt. Allerdings war die Verständigung während des Drehs schwierig, da wir ja immer verkabelt waren. Alle konnten mithören … Was auch Vorteile hatte! Zum Schluss hatte ich mich nämlich so an die Verkabelung gewöhnt, dass ich mir das Leben angenehmer machen konnte. Ich sagte also wie zu mir selbst, dass jetzt ein Stück Schokolade wirklich toll wäre, und tatsächlich, wir mussten nicht lange warten …

 

Vermisst Du manchmal Produkte aus der Heimat?

Früher vermisste ich das Radio, das ist ja heute kein Problem mehr dank Internet. Auch vermisse ich manche Joghurts oder mal eine Ausstellung zu besuchen. Bücher nehme ich aus Deutschland per Koffer mit. Denn Bringdienste wie Zalando, Amazon und Tchibo  liefern hier am Berg natürlich nicht … Auch wenn sie meinen Kaffee überall anders verkaufen!

 

Sandra Coy, 27. Juni 2012


 

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