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Die Wasserfrau.

Die Extremsportlerin Diana Nyad will es diesen Sommer endlich schaffen. Von Kuba nach Florida in zweieinhalb Tagen zu schwimmen ist ihr Ziel. Als 62jährige!    

von Stephanie Lavoie, 12. Juni 2012

 

Diana Nyad

 

Diana Nyad singt. Songs von den Beatles, Bob Dylan und Janis Joplin. Sie hat ein Repertoire von 65 Liedern, die sie immer wieder in ihrem Kopf abspult. Deren exakte Länge sie kennt. Nach denen sie ihre Züge, ihre Einheiten zählt, wenn sie schwimmt – stundenlang, in tiefen, unbekannten Gewässern. Diana Nyad ist 62 Jahre alt und Marathonschwimmerin. Sie ist in der Internationalen Hall of Fame der Schwimmer vertreten und hat die Insel Manhattan ihrer Heimatstadt New York umrundet.

 

Rekordtour — von Kuba nach Florida schwimmen

In diesem Sommer startet die US-Amerikanerin ihren vierten und letzten Versuch, von Kuba nach Florida zu schwimmen. Sie will damit ein Zeichen setzen für die Verständigung, um Kuba und die USA symbolisch miteinander zu verbinden. 34 Jahre ist es her, dass Nyad sich von Havanna aus zum ersten Mal auf die gut 166 Kilometer lange Strecke machte. Damals zwangen sie schwere See und ungünstige Strömungen zur Aufgabe, nachdem sie bereits 41 Stunden geschwommen war.

 

Diana Nyad auf Rekordjagd

 

Ein Jahr später setzte Nyad den Weltrekord für die grösste je von einer Frau im offenen Meer geschwommene Distanz. Ohne Hilfsmittel – einen schützenden Hai-Käfig etwa, oder Flossen – und nur im obligatorischen Schwimmanzug kraulte die damals 30 Jahre alte Extremsportlerin die 164 Kilometer lange Strecke von Bimini auf den Bahamas nach Juno Beach/Florida. Das war also eine vergleichbare Distanz wie bei ihrem Versuch ein Jahr zuvor. Allerdings ist das Meer an dieser Stelle deutlich ruhiger und damit leichter zu durchschwimmen.

 

Diana Nyads Entschluss: Nie wieder ins Meer

Okay, das habe ich geschafft, ich fühle mich grossartig. Und nun will ich niemals mehr auch nur einen Zug schwimmen”, beschloss die zähe New Yorkerin im Anschluss. 30 Jahre lang hat sie ihr Vorhaben eingehalten, sich mit Squash fit gehalten, als Sportjournalistin gearbeitet und ein Buch geschrieben. “Ich habe die Jahrzehnte nicht damit verbracht, dem gescheiterten Versuch nachzutrauern, sondern mich anderen Aufgaben gewidmet”, betont Nyad in Interviews. Getreu dem Motto des kubanischen Poeten Jose Marti “Wer ausprobiert, hat schon Erfolg gehabt!” wertete sie das Erlebnis des ersten, gescheiterten Versuchs schlichtweg als eine ihr Leben bereichernde Erfahrung. Nyad setzte sich neue, andere Ziele.

 

Das Bedürfnis an die eigenen Grenzen zu gehen blieb jedoch ihr ständiger Begleiter. So manches Mal legte sie spontan 160 Kilometer auf ihrem Rennrad zurück. Einmal widerstand sie einen kompletten Tag lang dem Durst – machte morgens ausführlich Sport, bevor sie von der amerikanischen Westküste an die Ostküste flog, ins Hotel fuhr und dort ein Bad genoss – ohne auch nur einen einzigen Schluck zu trinken.

 

Mit 60 kam für Diana Nyad die große Leere

Nyad führte ein abwechslungsreiches Leben. Doch als sich ihr 60. Geburtstag näherte, fühlte die vielbeschäftigte Amerikanerin plötzlich eine grosse Leere. Ihre langjährige Beziehung zu einer Frau, die Nyad als die Liebe ihres Lebens bezeichnet, hatte bereits 1994 ein Ende gefunden. Der Verlust von Vater und Mutter in den darauffolgenden Jahren schmerzte sie dazu. Single und kinderlos suchte Nyad nach einer neuen Herausforderung, einem Ziel. Sie stieg wieder in den Pool.

 

Zunächst wollte ich herauszufinden, ob ich überhaupt noch schwimmen kann.” Sie sei in all den Jahren der Pool-Abstinenz gewiss nicht faul gewesen, betont Nyad und streicht sich über das sonnengegerbte Gesicht. “Ich glaube nur einfach, ich habe eine Menge Zeit mit innerer Unruhe und Fragen nach dem Warum verschwendet.” Auf einmal war er wieder da: Der Hunger! Und der Anreiz, es noch einmal von Kuba nach Florida zu versuchen – 30 Jahre nach dem ersten Versuch.

 

Ein brutaler Sport 

Marathonschwimmen ist der einsamste Sport der Welt”, sagt Nyad in gebrochenem Deutsch (sie spricht auch ein wenig Spanisch und Französisch). Und wenn es nicht einsam ist, ist es furchtbar: Wundreibung, Übelkeit, Unterkühlung, Durchfall, Schlafmangel, geschwollene Lippen und ein entzündeter Mund sind beim Extremschwimmen Standard. Und mehr als zehn Kilogramm Gewichtsverlust nach 40 Stunden des Schwimmens ist keine Seltenheit. Während ihrer Marathontouren lässt sich Nyad deshalb aus Begleitbooten Erdnussbutter-Sandwiches und Nudeln reichen.

 

Diana Nyads Narben

 

Bereits im vergangenen Jahr hat sie versucht, ihren grossen Traum endlich wahr werden zu lassen, zweimal sogar. Im August musste sie nach fast der Hälfte der Strecke aufgeben, weil sie an Schulterschmerzen und Asthma litt. Einen Monat später wurde die 62-jährige von Quallen gestoppt, deren Gift ihren Herzschlag merklich verlangsamten. Die Spuren der Feuerquallen sind geblieben – noch heute zieren diverse Narben ihre Arme. Doch das wird sie nicht daran hindern, es noch ein viertes Mal zu probieren. Ihre nach dem dritten Versuch im Müll versenkte Schwimm-Ausstattung hat sie “kurz bevor die Müllmänner kamen” wieder aus der Tonne gefischt. Seit Monaten trainiert sie auf Hochtouren und fühlt sich besser denn je: “Körperlich bin ich fast genauso fit wie vor 30 Jahren, mental bin ich um einiges stärker als damals”, spricht Nyad sich selbst Mut zu.

 

Das magische Fenster für die Rekordtour

Nun wartet sie auf DIE drei, vier Tage, die Nyad das “magische Fenster” nennt, einem Zusammenspiel von guter Verfassung, optimaler Wetter-Vorhersage und ruhiger See. Dieses „Fenster“ könnte sich Anfang August öffnen, vielleicht aber auch — ganz spontan — schon früher, wenn Diana Nyad das Gefühl hat, es stimmt gerade alles. “Ich weiss, dass ich frieren werde. Ich weiss, dass ich auf alle möglichen Arten von Quallen treffen werde und dass die Nächte lang sein werden. Aber diesmal werde ich es schaffen”, sagt Nyad voller Überzeugung vor dem mit ca. 60 Stunden, also zweieinhalb Tage, anvisierten Höllentrip. Ihre drei abgebrochenen Versuche sieht sie heute im Übrigen nicht als Scheitern, sondern als Teil ihres Trainings, als “Generalprobe für das ganz grosse Ding”.

 

18. August 2012
Es ist soweit: Diana Nyad schwimmt wieder! Das „magische Fenster“ hat sich geöffnet und sie ihren Rekordversuch gestartet. Und es sieht gut aus, nach zwei Tagen im Wasser. Hier können Sie ihre strapaziöse Tour mit verfolgen.

Unsere Autorin, die deutsche Sportjournalistin Stephanie Lavoie, lebt seit einigen Jahren in den USA, Kalifornien. Sie ist fasziniert von Diana Nyads Persönlichkeit und ihrer lebhaftenArt. Für sie ist sie eine Inspirationsquelle!   

 

Fotos: Catherine Opie, Christi Barli, Webseite von Diana Nyad Xtreme Dream 

 

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