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„Wie in Gerichten Wahrheit gefunden wird, bedrückt mich tief.“

Die Gerichtsreporterin Sabine Rückert schreibt seit 15 Jahren über menschliche Abgründe. Ihre Reportagen sind preisgekrönt. Im Kachelmann-Prozess aber hat sie eine Grenze überschritten. Ein Interview.

Der Prozess um den Wettermoderator Jörg Kachelmann hat monatelang die Öffentlichkeit beherrscht. Letztlich ist er am 30. Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Aus Mangel an Beweisen. Zuvor hatte ein Medienspektakel getobt, dass es in dieser Form in deutschen Zeitungen und Magazinen nicht gegeben hat. Von Anfang an berichtete auch Sabine Rückert über den Fall des Wettermoderators. Sie ergriff Partei und mischt sich sogar ein. SAKIDA hat mir ihr darüber gesprochen:

von Dani Parthum, Mai 2011

Gruendlich und Hartnaeckig -- Sabine Rueckert

Gruendlich und Hartnaeckig -- Sabine Rueckert

Warum haben Sie in Ihrem ersten Artikel im Juni 2010 mit der Überschrift „Schuldig auf Verdacht“ so deutlich Partei für Jörg Kachelmann ergriffen?
Rückert: Weil ich die Aktenlage kannte. Es war gar keine Partei, ich kenne Herrn Kachelmann gar nicht. Ich hab gar keinen Anlass Partei zu ergreifen. Ich habe nur gesehen, es wird einer angeklagt und man hat nichts in der Hand. Das habe ich geschrieben. Wenn das als Partei ergreifend aufgefasst wird, so what!?

Wir Journalisten bemühen uns, möglichst objektiv zu berichten. Das wollten Sie in diesem Bericht gar nicht?
Rückert: Das Problem ist, wenn man mehr Kenntnisse hat als die anderen, dass man die Objektivität verliert, die Objektivität scheinbar verliert. Man hat sie natürlich, aber man hat Kenntnisse, die die anderen nicht haben. Und dann muss man sich dazu verhalten. Ich kann ja nicht so tun, als hätte ich Verständnis für die Haltung der Staatsanwaltschaft, wenn ich weiß, dass von ihr Irrlehren ausgehen. Und wenn ich weiß, dass sie die Bevölkerung mit falschen Informationen füttert ist das für mich keine ernst zu nehmende Ermittlungsbehörde.

Beim Lesen Ihrer Artikel für DIE ZEIT hatte ich den Eindruck, Sie haben kein Vertrauen mehr in die Justiz. Stimmt mein Eindruck?
Rückert: Wie Sie vielleicht wissen, habe ich ein Buch geschrieben über einen doppelten Justizirrtum, ein doppeltes Fehlurteil, das ich selber aufgedeckt habe. Ich hab‘ vor einigen Jahren zwei Männer — die unschuldig im Gefängnis gesessen haben, zu fünf und sieben Jahren verurteilt — aus dem Knast geholt durch meine Recherchen. Und da habe ich gesehen, wie Urteile in Aussage-gegen-Aussage-Prozessen zustande kommen. Und ich habe kein Vertrauen in diese Justiz. Nein. Ich schau lieber genauer hin und bilde mir mein eigenes Urteil. Was ein Gericht am Schluss schreibt ist nicht in Stein gemeißelt, das sind für mich keine zehn Gebote. Weil ich weiß, wie das zum Teil zustande kommt und da stehen einem die Haare zu Berge.

Engagierte Gesprächspartnerin bei einer Konferenz von netzwerk recherche

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Denken Sie, Sie wissen manchmal mehr als die Richter?
Rückert: Ja, manchmal denke ich das. Das klingt jetzt hybrid, aber es ist so. Das Hybride ist natürlich, ich maße mir an, das Gericht zu beurteilen. Aber erstens: Ich habe bereits zwei Kammern eines Gerichts Fehlurteile nachgewiesen durch Recherche. Ich muss dazu keine Rechtskenntnisse haben. Natürlich haben die Richter höhere Rechtskenntnisse als ich. Natürlich wissen sie mehr in der Rechtsanwendung Bescheid und in den Paragraphen. Aber worum es hier geht im Fall Kachelmann oder im Fall meiner beiden Fehlverurteilten, und in vielen anderen Fällen, sind keine Rechtskenntnisse sondern Kenntnisse der Fakten. Und ich bin Journalistin und ich kenne mich mit Fakten aus. Und ich kenne mich auch mit Gutachten aus, und ich kann ein gutes Gutachten von einem schlechten unterscheiden. Und da bin ich dem Richter in keiner Weise unterlegen — in der Beurteilung dieser Dinge. Der Richter lernt auch niemals in seinem Leben ein gutes Gutachten von einem schlechten zu unterscheiden. Er muss sich das alles selber beibringen, zum Teil mit schrecklichen Nebenwirkungen. Das haben wir ja gesehen in Mannheim, solche Nebenwirkungen, wer da ernst genommen wurde als Gutachter.

In Ihren jüngeren Berichten werden Sie deutlicher als früher und beziehen offen Stellung. Wieso?
Rückert: Je mehr ich weiß, desto klarer wird meine Position. Ich sehe das als Positiv, wenn ich immer mehr weiß. Ich bin eine Fachjournalistin, davon gibt es auch nicht so viele auf diesem Gebiet. Was mich stört ist die Unwissenheit der Anderen. Und was mich auch stört, dass ich sehe, wie in Gerichten Wahrheit gefunden wird. Das bedrückt mich tief.

Sie arbeiten seit elf Jahren als Gerichtsberichterstatterin. Zu ihrer Arbeitsweise gehört es, Kontakt zu den Anwälten in einem Prozess aufzunehmen. Auch mit Herrn Birkenstock, dem ersten Verteidiger von Jörg Kachelmann, hatten Sie Kontakt, per E-Mail. Sie haben ihm einen anderen Anwalt empfohlen, den Strafverteidiger Johann Schwenn, mit dem Sie das von Ihnen bereits erwähnte Buch „Unrecht im Namen des Volkes“ geschrieben haben. Mischen Sie sich öfter so ein?
Rückert: Nö. Herr Birkenstock hatte mich – kurz nach Anklageerhebung – angerufen und wollte Hilfe. Zu Recht, wie ich finde. Er hat gesagt, mein Mandant ist unschuldig. Er wird von der Staatsanwaltschaft verfolgt; die Staatsanwaltschaft setzt falsche Meldungen in die Welt. Ich kann mir nicht mehr helfen. Und ich möchte gerne, dass Sie sich die Akten ansehen und sich dann selber ein Bild davon machen. Er hat mir auch berichtet, was alles schief gelaufen ist. Das fand ich alles total in Ordnung. Nur. War das Problem hier, dass ich im Laufe dieser Erzählungen und im Laufe dessen, was ich gelesen habe über den Prozess bis dahin in der Tagespresse, gemerkt habe, dass Herr Birkenstock selbst ein Problem ist. Herr Birkenstock hat entscheidende Tätigkeiten eines Verteidigers unterlassen. Er hat z.B. keine Haftbeschwerde gemacht. Sein Mandant saß in Haft und er hat sich weder beim Landgericht noch beim Oberlandesgericht beschwert. Das ist eine Katastrophe! Und das hat mir gezeigt, dass er diesem Fall nicht gewachsen ist. Und das habe ich ihm geschrieben und ich hab ihm geschrieben: Nicht ich kann ihnen helfen, sondern sie brauchen einen Verteidiger, der ihnen beisteht, und habe ihm dann Herrn Schwenn empfohlen, von dem ich wusste, dass er mit Verfahren dieser Art umgehen kann und auch mit dieser Art unglaublich feindseligen Öffentlichkeit.

Sie wussten aber doch, dass sie sich mit einer Anwaltsempfehlung auf einem schmalen Grad bewegen …
Rückert: … Ja, das wußte ich.
… , weil wir Journalisten uns nicht gemein machen sollen mit einer Sache und einmischen schon gar nicht!
Rückert: Wissen Sie, es fällt mir auch immer schwerer, mich nicht einzumischen. Sehen Sie, ich sitze in einer Hauptverhandlung und sehe, wie es schiefläuft. Früher habe ich es nicht gesehen. Jetzt sehe ich es, sehe, hier wird ein armer Wurm – ob er es war oder nicht, das steht dahin – schlecht verteidigt. Das macht mich wild und das ist gerade bei Leuten, die sich keinen guten Verteidiger leisten können, jetzt mal weg von Herrn Kachelmann, bei armen Schweinen, sehe ich, wie der Verteidiger sie in die Verzweiflung rennen lässt, z.B. in ein übermäßig scharfes Urteil oder ein Fehlurteil. Und dann muss ich mich schon zwingen, um nicht aufzustehen und zu sagen: Schmeißen sie ihren Verteidiger raus, der bringt ihnen nur Unglück. Sehen sie das nicht!? Solche Situationen belasten mich. Aber das ist halt so. Ich glaube, dass das anderen Fachjournalisten nicht anders geht. Wenn man von etwas Ahnung hat, dann sieht man, wie überall mit Wasser gekocht wird oder Fehler gemacht werden, das macht einen betrübt.

Das Gespräch führte Dani Parthum im Mai 2011
Fotos: Bastian Dincher

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